Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 576 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228847--65115-3277210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Sagt das -nicht schon unser 'Name? Wir' find die Vozrohdenie — die Resurrektionisten — unsere Arbeit ist eine unbedingte historische Notwendigkeit —" Man war vor dem-Wirtshause angekommen, und als der Sejmift die Türe-öffnete, machte ein babylonisches Stimmengewirr die Fortsetzung seiner Rede unverständlich. Der Lärm entstand nur durch das laute Durcheinandersprechen von vier Personen, die von dickem Zigarettenrauch umhüllt nahe beim Ofen zusammensaßen. In einem der Gesellschaft erkannte David den Teehändler, den er am Morgen ausgesucht, doch schien dieser sich seiner nicht zu erinnern. Er verbreitete sich noch immer über die Individualität Israels, ein Thema, das, wie es schien, zu jeder Zeit und an jedem Orte von ihm verhandelt wurde. Er nickte jedoch dem jungen Sejmisten zu und bemerkte ironisch: „Sieh da, der Träumer kommt." „Ich ein Träumer, wahrhaftig!" Der junge Mann schien sich darüber zu ärgern, vor seinem neuen Bekannten so bezeichnet zu werden. „Ihr Achad-Haamisten seid es, die erweckt werden müssen." Der Teehändler lächelte überlegen. Die Vozrohdenie würden sehr wohl daran tun, die Philosophie Achad—Haams zu studieren. Dann würden sie es wenigstens begreifen lernen, daß ihre , Bestrebungen sie nur in das Verderben stürzen. „Haben Sie das nicht auch gesagt, Witsky?" Witsky, ein junger Advokat, protestierte dagegen. „Was ich sagte", so erklärte er dem Sejmisten, „war nur, daß Ihr Sejmisten in Eurem Suchen nach Betätigung ganz die Theorie verloren habt. In unserer Partei allein findet man eine Verbindung des Praktischen mit dem Idealen. Sie . allein — —" „Darf idj) mir erlauben. Sie zu fragen, für welche Partei Sie sprechen?" unterbrach ihn David. . „Für die neueste jüdische sozialdemokratischeArbeiterpartei von Rußland," antwortete Witsky stolz. „Sind (Sie wirklich die neueste Partei," fragte David trocken. „Und die beste! Wenn wir wünschen, Palästina zum Schauplatz unserer sozialen Regeneration zu machen, so geschieht dies nur, weites eine unbedingte historische Notwendigkeit ist." Der Sejmist unterbrach ihn traurig. „Ich sehe, daß wir auf unserer Konferenz uns gegen Ihre Partei erklären müssen." „Pah!. Die S. D. A/s werden durch ihre Isolierung nur noch stärker werden. Haben -wir nicht freiwillig unsere Beziehungen zu den D. K/s gelöst. Bei der Entwicklung der Kräfte der Völker." . . „Es ist -nicht recht von Ihnen, Witsky,- daß Sie einen Fremden irreleiten," warf sein hohläugiger, brillentragender Nachbar ein.. „Aber vielleicht mißverstehen Sie selbst die genetischen Momente unseres Programms. Unsere Partei ist es, die es ganz sicher durchführen wird, daß die Juden eine autonome Stellung im Parlamente einnehmen werden." „Wir aber sagen —" begannen die anderen zwei gleichzeitig. Der hohläugige, brillentragende Mann winkte ihnen müde ab. „Wer anders als die Polnischen National-Demokraten erweisen sich als das, Resultat der historischen Notwendigkeit? Wir vereinigen die konservativen Elemente der Spojnia Narodowa, der National-Liga und der Partei der Real-Politiker mit den Reform-Elementen der Demokratischen Liga und der fortschrittlichen Demokraten. Folglich-"; „Aber die treue wahre Polnische Partei," begann Witsky.- „Der K'olo Polskie (Polnische Ring) ist halb antisemitisch,"'- begann der Sejmist. Wieder sprachen alle durcheinanderaus dem Chaos ihres lauten Gesprächs ertönte jetzt deutlich eine dünne, scharfe Stimme. Sie kam von dem vierten Mitglied der Gruppe, einem schlecht rasierten, häßlichen Mann, der bisher sich wenig an ihren Reden beteiligte und nur geraucht hatte. >,Als philosophischer Kritiker, der mit allen Parteien sympathisiert, gestatte ich mir, Ihnen, Freund Witsky, zu sagen, daß' Ihr Programm der Einheit ermangelt. Zuerst war es ökonomisch, dann dualistisch, zuerst induktiv, dann deduktiv." „Moj Panie drogie,“ (inein lieber Herr) wandte David sich an ihn, „wenn es wahr ist, daß Sie mit allen Parieren sympathisieren, dann werden Sie sicher einemallgemeinen Bunde beitreten, dessen Zweck die Selbstverteidigung, ist." „Sie vergessen, daß ein philosophischer Kritiker gleichzeitig mit allen Parteien nicht übereinftimmt." Endlich verlor David die Geduld. „Meine Herren," ries er spöttisch, „Ihr könnt hier sitzen und Rauchringe blasen, bis der Messias erscheint, aber ich versichere Ihnen, daß er nur eine unbedingte historische Notwendigkeit gibt, das ist die Samooborona." Ohne Tee getrunken zu haben — der Resurrektiönist hatte übrigens auch ganz vergessen, ihn zu bestellen — rannte er auf die Straße. (Schluß folgt.) Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! 7>er Beschluß, den jüngst die Graudenzer Gemeindevertretung betreffs der definitiven Anstellung der Gemeindebeamten gefaßt hat, wird sicherlich nicht nur bei den Beteiligten volle Anerkennung finden. Es dürfte dieses Beispiel vielleicht Nachahmung finden, wenn erst bekannt würde, in welchen norddeutschen Gemeinden diese durchaus gerechtfertigte Forderung ihrer Beamten Berücksichtigung gefunden. Haben Sie die Güte, durch Abdruck dieser Zeilen im Sprechsaal der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" die Nennung der betreffenden Gemeinden — es sollen angeblich 30 norddeutsche sein — zu veranlassen. Ergebenst N, Herr Redakteur! Ihrem sehr interessanten Wochenbericht vom 17. d. M. wird bei Erwähnung des Kultusministers Tr. Falk an Moritz Lazarus von Letzterem gesagt: .„der sich um eine Professur beworben hat." — Hier fehlt das Wort.nie; es muß heißen: „Moritz Lazarus, der sich nie um eine Professur beworben hat." — Das Druckfehlerteuselchen hat hier durch Weglassung eines einzigen Wörtchens die Wahrheit in ihr Gegenteil verkehrt, weshalb ich Sie bitte, ihr (da die Sache in der Tat wichtig ist) durch Abdruck dieser Berichtigung wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Im übrigen hatte die Kieler Fakultät ihn zweimal vorgeschlagen — unter Mühler! Erst in Bern wurde er 1860 Ordinarius. 1862 Dekan und ein Jahr darauf Rektor der Universität. Mit hochachtungsvollem Gruß Nahida Lazarus. Meran, 2t. November 1908. Druck und Verlag von Nndolf M osse in Berlin. Verantwortlich für die'Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.