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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-27 · Heft 48 (27.11.1908) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
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. - fiNL "änHelnen melancholisch^rr Bericht. an. das. Hauptquartier Z zuschreiben- .wurde aber durch ein. unausgesetztes geheimnisvolles Klopfen daran verhindert, seine Gedanken auf seine ^Aufgabe zu konzentrieren. Ungeduldig warf , er die Feder hin und versuchte, auszufinden, was das bedeute.. 'Das. Geräusch schien von unten zu kommen. Der Wirt, der seine Fußtritte vernommen, blies rasch sein Licht aus. A „Ich bin es/ sagte David. Der Wirt steckte die Kerze wieder an. David sah, daß in dem Keller eiserne Stangen, Instrumente, Kisten und ein Haufen Steine umher lagen. „Ach so. Sie verstecken den Branntwein," sagte David mit einem Lächeln. „Nein, wir erweitern und befestigen den Keller, verproviantieren uns aus alle Fälle." „Samooborona," sagte David. . „Allerdings — nur ist unsere Art, dies zu tun, etwas wirkungsvoller als die Ihrige, mein junger Hitzkopf." „Vielleicht haben Sie recht," sagte David müde. Er ging wieder herauf und fuhr fort seinen Bericht zu schreiben. Er war . froh, daß der kleine Bundift noch eine Extrachance habe. Immerhin hatte er etwas ausgesührt. und würde vielleicht einige Leben retten. Vielleicht würde er mit der Zeit selbst dazu kommen, es wie der Wirt zu machen und nur eine passive Samooborona predigen; es war immer noch besser wie gar keine. Aber er konnte nicht recht mit dem Bericht fertig werden. Es war doch zu traurig, gestehen zu müssen, daß er noch keine Kopeke zusammengebracht, keinen Rekruten definitiv geworben habe. Er nahm ein fettiges Zeitungsblatt vom Tische und las mit bitterm Lachen, daß die Oktobristen die Judenvon ihren Zusammenkünften ausgeschlossen hätten. Das erinnerte ihn an Erbstein, den Bankier, der ihm gesagt, daß man nur ihnen vertrauen dürfte. Würde der Bankier vielleicht nach dieser Enttäuschung zugänglicher sein? Ach, die Frage war, konnte ein Bankier enttäuscht werden? Zugeben, daß man enttäuscht worden, heißt zugeben, daß man sich geirrt hat, und Bankiers wie. Päpste sind stets unfehlbar. David dachte an den einer Eule so ähnlichen Misrachi, -von dem er sich so kurz verabschiedet hatte. Er warf seine Feder hin und ging noch einmal zu dem Hause mit der Bundeslade und dem Telephon. - Als er Cantbergs - Türe erreicht hatte, wurde diese plötzlich von innen aufgerissen und ein junger Mann stürzte heraus. „Niemals, Vater," rief er heftig, „niemals kehre ich in dieses Haus zurück." Er schlug die Türe zu und lief gerade in Davids Arme. „Ich bitte um Entschuldigung," sagte er. „Es ist mein Fehler," sagte David höflich, „ich war auf dem Wege, Ihren Vater zu besuchen." „Sie. finden ihn in sehr schlechter Stimmung. Man kann sich nicht mit ihm auseinandersetzen." „Ich hoffe. Sie haben keine ernsten Differenzen gehabt." „Er ist ein so bigotter Zionist — er kann es nicht begreifen, daß der ganze Zionismus ein überwundener Standpunkt ist." „Ich weiß es." „Ach," sagte der junge Mann eifrig, „dann werden Sie verstehen, was ich gelitten, bis ich mich vom Zionismus sreigemacht." .. „Was sind. Sie jetzt, wenn ich. fragen darf?" „Das einzige, was ein sich selbst achtender Jude überhaupt sein kann, ein Sejmist natürlich." - / ' „Eine jüdische Partei?" fragte David eifrig. Nach^aller Begeisterung, die er überall für russische und Welt-Politik gesunden, war ihm selbst diese bescheidene Form einer Selbstverteidigung willkommen. „Kommen Sie und trinken Sie ein Glas Tee mit mir, ich will Ihnen alles erzählen," sagte der junge. Mann, froh, jemand gefunden zu haben, dem er seine Theorien entwickeln konnte. „Wir wollen nach Friedmanns Wirtshaus gehen — wir nennen es den Universitätsklub, weil die Intellektuellen dort ihren Tee zu trinken pflegen." „Mit Vergnügen," sagte David, tu der stillen Hoffnung, dort Rekruten werben zu können. „Aber ehe wir von Ihrer Partei reden, möchte ich Sie fragen, ob Sie nicht einem Zweigverein der Somooborona beitreten möchten?" Das Gesicht des jungen Mannes verfinsterte sich. „Unsere Partei kann sich keiner anderen anschließen," sagte er. „Aber ich rede auch von keiner Partei, sondern von einer großen allgemeinen Körperschaft." . „Keine Partei?" „Nein." „Aber Sie haben einen Vorstand?" „Ja — aber nur —" „Und Zweigvereine?" „Natürlich, aber einfach nur —" „Und eine Kasse?" Das Geld ist nur für —" „Ihr lest Referate?" „Nur, wenn —" „Ganz entschieden seid Ihr eine Partei!" „Ich sage Ihnen, daß das nicht der Fall ist. Wir wünschen, daß alle.Parteien sich der Somooborona anschließen möchten." „Es tut mir leid. Ich habe augenblicklich zu viel zu tun, um an etwas anderes denken zu können. Unsere Partei wird sich in nächster Woche versammeln und bis dahin muß noch unendlich viel Arbeit geschehen." „Arbeit," rief David verzweifelt, „was für Arbeit?" „Es werden dort viele große Reden gehalten. Ich selbst werde freilichkaum mehr, wie eine Stunde sprechen, aber unsere Berichterstatter beanspruchen jeder wenigstens zwei Stunden.' Unsere letzte Sitzung hat bis fünf Uhr morgens gedauert. Ich sage Ihnen, es gab da aufregende Szenen." „Aber über was wird dort debattiert?" „Ueber was dort debattiert wird?" Der Sejmist sah David mitleidig an. „Zuerst sind es die bevorstehenden Wahlen zur Duma, die uns beschäftigen. Wir haben uns darüber zu einigen, welchen Kandidaten wir unterstützen wollen. Dann, wird die Frage der jüdischen Autonomie im russischen Parlament debattiert werden — das ist eine wichtige Sache. Endlich aber, da wir immerhin eine relativ neue Partei sind, müssen wir alles daran setzen, mit allen existierenden Parteien in Fühlung, zu treten. Es muß überlegt werden, mit welchen wir bei den Wahlen Hand in Hand zu gehen haben. Obgleich die meisten dieser Parteien den höchsten Interessen des jüdischen Volkes gefährlich sind, da sie die Entwicklung der historischen Notwendigkeit schädlich beeinflussen, so gibt es doch einige, mit denen wir. hier und dort Zusammengehen können, wenn unsere Arbeit sich begegnet." „Welche Arbeit?" fragte David wieder.

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