Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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kosten, des - eigenen und. des Zentralkonsistoriums, das dazu noch in dem weltenfernen Paris seinen Sch hat, beisteuern sollen. 'Viele suchen sich diesen neuen Abgaben zu entziehen. Der Vater überträgt wohl Besitz und Gewerbe auf den Sohn, und hintennach will keiner der rechtliche Träger der Konsistoriallasten sein. Oft handelt es sich auch um notorisch Arme,' die den Kultusbeitrag nicht zu entrichten vermögen.. Die Kosten, die ihnen durch fruchtlose Eintreibungsversuche entstanden, sollen sie aber doch tragen! Die Geldverlegenheiten des Konsistoriums sind endlos. Einmal hat bei* Grand-Rabin so ziemlich am Ende des Rechnungsjahres nur.800 Franken auf sein 3000 Franken betragendes Gehalt erhalten. Ein dauernder Kamps muß auch gegen die Saumseligkeit der Erheber und Vollziehungsbeamten geführt werden. Unter den letzteren entfaltet auch manch einer bei aller Lässigkeit den konsistorialen Aufträgen gegenüber einen regen Eifer für die Einbringung seiner Gebühren. „Die Mitglieder des Konsistoriums", die selten ein Schreiben an den Hussier erlassen, ohne ihn höflichst zu grüßen, finden in solchem Falle entschiedene Worte des Verweises. Die konsistoriale Tätigkeit hat offensichtlich bei den - Mitgliedern der Körperschaft ein gewisses Selbstgefühl geweckt, das sich seltsamerweise mehr nach außen bemerklich macht. Der Verkehr mit den Staatsbehörden auf einem gewissen Gleichheitsboden hat offenbar zur Stärkung des Selbstbewußtseins beigetragen. Der Maire eines kleinen Ortes, der die verlangten Auszüge aus seinen standesamtlichen Registern angeblich nicht zu liefern vermag, muß es hinnehmen, daß seine Bummelei in ziemlich herben Worten getadelt, und daß er für Ersatzleistungen in Anspruch genommen wird. Am stärksten aber offenbart sich doch die Steigerung des Wertgefühls in den wiederholten Eingaben an Kaiser und Minister um Beseitigung der ungleichen Behandlung, welche über die deutschen Juden im Gegensatz zu einem Teil der französischen durch dasselbe Gesetz (17. März 1808) verhängt worden war, das ihnen die Konsistorialversassung gegeben hatte. (Bon den Bemühungen um Erlangung der Gleichstellung wird in einem späteren Beitrag zu sprechen sein.) Ghetto-Komödien. Von I. Zangwill. Samooborona. VII. Würde des Knaben und sein sicheres Auftreten verließen ihn plötzlich, er errötete zornig und war.offenbar beschämt darüber, einen so gemäßigten Vater zu haben. „Mach Dir nichts daraus, Kamerad Kalmann," sägte ein anderer Knabe, ihn tröstend auf die Schulter klopfend^ „'es gibt in jeder Familie wunde Stellen." Ein plötzlich von allen Seiten erschallender Beifallssturm erlöste ihn aus seiner peinlichen Lage. David wandte .den Kopf und sah, wie die Augen sämtlicher Kinder auf einen großen dickköpfigen Jungen gerichtet waren, der auf eine Eierkiste gesprungen war. Er trug die blaue Bluse des Radikalismus und der leichte Flaum um seine Lippen verriet, daß er wohl schon 15 Jahre alt war. „Kameraden," rief er, „in meiner Jugend war ich selbst tonangebend in Euerer Schule, aber selbst in jenen alten Tagen stand sie' unter der Herrschaft der-brutalen Autokrati^7"M Euere einzige Rettung ist ein allgemeiner "Streik.' Ihr müßt., "; Euch den Syndikal-Anarchisten anschließen —" Dieser kühne Vorschlag wurde mit allgemeinem freudig^ Beifall begrüßt. Die Mitglieder des Junior-Bundes'schwenkten.-.-->^>ä-- begeistert ihre Tornister. Nur der Sohn des Wirtes - stand stumm und stirnrunzelnd da. „Es scheint, daß Du nicht mit seiner Meinung überein- / - stimmst," sagte David. ' > „Nein,", antwortete, der kleine Bundist ernsthaft. „Ich' -7 folge dem Kameraden Berl. Dieser Bursche dort ist nur . * deshalb so populär, weil er als ein Verdächtiger von dem \ Gymnasium nn Warschau ausgewiesen wurde." ~ & „Ihr müßt streiken," wiederholte der jugendliche Agitator. „Ein Streik ist das einzige Mittel, Eure berechtigten Forderungen zur Geltung zu bringen. „Ihr müßt alle schwören, nicht eher wieder zur Schule zu gehen, bis man Eure Vorschläge angenommen chat." „Wir schwören es," riesen die Kinder von allen Seiten. V Aber die Stirn des Wirtssohnes hatte sich düster umzogen. „Es ist gut, Kameraden," sagte der Redner. „Der Erfolg, den Ihr haben werdet, wird gleichzeitig auch, eine Lehre für Eure Eltern sein. Nur durch Anwendung der Philosophie . von Marx können wir uns zu einer gesunden Weltanschauung durchringen." Da sprang plötzlich der Wirtssohn mit einem kühnen Satze auf die Eierkiste und stand nun neben dem Agitator. „Marx ist ein alter Hanswurst," rief er laut. „Wozu soll ein passiver ' - Streik uns nutzen? Laßt uns zunächst dem Direktor Vorstellungen machen, laßt uns —" ~ „Wer hat Dir das gesagt," zischte der Redner ihn an, „Kamerad Berl oder Kamerad Schmerl?" Der Knabe überhörte den Sarkasmus dieser Worte. „Du weißt, daß Schmerl eine alberne Milchsuppe ist," sagte er ärgerlich. „Glaube mir," sagte der andere begütigend, „ein richtiger Streik ist das einzige, was Euch retten kann." „Hört mich, Mitbürger," rief ein dritter Knabe und sprang ebenfalls auf die Eierkiste. Er hatte rotes Haar und leuchtende Augen. „Wenn Rußland gerettet werden soll, so kann es nur dadurch geschehen, daß wir das Programm der Sozialen Revolution in seiner ganzen Reinheit aufrecht erhalten, so wie es war, ehe die Partei sich in Maximalisten und Mini—" Hier brach die Eierkiste unter dem Gewichte der dreir Redner plötzlich zusammen, und die Knaben purzelten über- ' einander. Damit aber hatte sich der Sturm gelegt. Die .' Schuljungen gingen in einzelnen lebhaft mit einander debat- ' tierenden Gruppen auseinander. Die zu einem Schulstreike notwendige Einigkeit war zertrümmert. David trat traurig seinen Heimweg an und blickte nachdenklich auf die disputierenden Jungen, die ihn keineswegs alle Affen und Papageien zu sein schienen. Wie das Juden- / tum von jeher kindliche Rabbis gehabt, kluge Wunderkinder, die von der Kanzel herab ihr gelehrtes Wissen^ mit größter Beredsamkeit verkündeten, so hatte es nun frühreife Politiker und Sozialisten gezeitigt. Für einen Augenblick fühlte er sich versucht, den jungen Jntegralisten anzureden, . dessen rotes Haar ihn lebhaft an seine Cousine erinnerte, aber bei näherem Ueberlegen unterließ er es. Hatteder Knabe es nicht, wie seine Senioren, offen ausgesprochen,' daß Rußland, - und nicht das Judentum gerettet werden müsse? Er kam zu einer Stunde heim, in der selten Gäste in der Wirtsstube waren, und. er war daher kaum überrascht, auch Wirt und Wirtin nicht darin zu finden. Er setzte sich und