Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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, Vom Lrekeldrr Lonvltorium. Beiträge zur Konsistorialgeschichte nach Krefelder Protokollen. Von S. An dorn »Krefeld. ' ' , ' I. " m 17. März 1808 war das kaiserliche Dekret erschienen, welches die konsistoriale Organisation anordnete. Ein Jahr später' erfolgte die Bildung des allerdings sehr ausgedehnten Krefelder Bezirks'. Durch. Erlasse des französischen Kultusministers und des Pariser Zentralkonsistoriums vom 31. Januar 1809,' die in den Krefelder Protokollen erwähnt werden/war anscheinend auf eine beschleunigte Ausführung des Gesetzes gedrängt worden. Doch war die Zwischenzeit von Jahresfrist offenbar nicht ungenutzt geblieben. Denn nachdem der Apparat einmal in Bewegung gesetzt war, arbeitete er mit einer bemerkenswerten, auch heute noch nicht allzuhäufigen Präzision, der man wiederum die mühevollen Vorarbeiten anmerkt. Es ist recht schade, daß uns' über diese vorbereitenden Schritte jede Offenlegung der Fäden fehlt; sie wäre zweifellos von kulturgeschichtlichem Werte. Am 1. März träten die Notabeln des künftigen Konsistorialbezirks (oirconsoriptipn israehle), berufen durch den Präfekten des Roer-Departements General A. Lameth, im Hause des durch feine gemeindliche Tätigkeit hervorragenden Bürgers Julius Hertz zusammen. Als die erste ihrer Aufgaben war die Wahl des Konsistorialvorsitzenden, der Mitglieder und des Oberrabbiners zu erledigen. Zum Präsidenten wurde Jsaac Meyer aus Crefeld gewählt, eins von den 25 Mitgliedern der Notabeln-Bersammlung. Vertreten waren bei dieser und den folgenden Wahlhandlungen außer Krefeld Maastricht, Jülich, Schiefbähn (bei Krefeld), Dormagen (bei Köln), Zülpich, Linnich, Köln, Bergheim, Uerdingen, Alpen (bei Mors), Mörs, Goch. Diese Ortsnamen geben eine — wenn auch sehr unbestimmte Andeutung — über die Ausdehnung des Bezirks, sie gewähren zugleich interessante Aufschlüsse über die außerordentlichen Verschiebungen, die seitdem in den jüdischen Gemeindebildungen am Niederrhein erfolgt sind. Anscheinend 13 der jüdischen Deputes legten sich der Vorschrift gemäß an Stelle der bisherigen Väternamen feststehende Familienbezeichnung *) bei. Der Namensgebung war die ganze zweite Sitzung gewidmet. Nicht alle der Herren Delegierten vermochten ihren Namen in deutschen oder lateinischen Schristzügen unter die Sitzungsberichte zu bringen; einige bedienten sich der hebräischen Kurrentschrift, und zwei Notabeln scheinen überhaupt nur imstande gewesen zu sein, ihren Namen durch einige Strichversuche, die mit der verpönten Kreuzform keine Aehnlichkeit verraten, zu skizzieren. Am 8. März — in früher Morgenstunde — schritt man zur Wahl des Konsistorialrabbiners (GraDd-Rabin). Löb Carlburg in Bonn erlangte die absolute Stimmenmehrheit. lieber seine Mitbewerber fehlt in den Protokollen jede Angabe. Der neue Rabbiner wird in den amtlichen Aufzeichnungen sehr gerühmt. In der Nachmittagssitzung vom 3. März, welche im übrigen der Wahl der anderen Konfistorialmitglieder galt, nannte ihn der Präsident in seinen einleitenden Worten: „. . . homme distingue par ses lumieres et respectable par son caractere“ und in der Anzeige an das Zentralkonsistorium „homme d’un rare merite, qui fera honneur ä Israel“. a) Fast die Hälfte der Notabeln hatte also schon — entweder in Folge der kaiserlichen. Verordnung "oder aus. früherem Anlasse — die Väternamen abgelegt. Bei der darauf erfolgten Wahl der übrigen Mitglieder des Konsistoriums schlug man ein noch heute in der Vorwahl. übliches Verfahren ein. Die doppelte Zahl von Kandidaten wurde aufgestellt, und aus ihnen wurden gewählt: Moritz Mayer und Jonathan Hertz aus Krefeld, Jsaac Leven aus Uerdingen. Der Konsistorialbezirk erstreckte sich, wie sich aus den Anzeigen an Minister und Präfekten entnehmen läßt, auf die Departements de la Roer, de la Dyle, du Lys, de l’Escault, des Deux Nethes, de Jemappe, de laMeuse inferieure et delaQurthe, also auf deutsche und belgische Gebiete. Als wesentlichste Aufgaben, die ihm gesetzt waren, bezeichnete das Konsistorium in einem Erlasse an „die teuren Brüder", „daß es die gemessenen Erwartungen unseres erhabenen Beschützers sind, unsere Brüder streng zur Führung eines tadellosen Wandels anzuhälten, sie dahin zu bringen, sich einem mehr nützlichen Gewerbe zuzuwenden — und ihnen die Pflicht ans Herz zu legen, für l Fürst und Vaterland zu kämpfen". Die Organisation war in der arbeitsreichen Krefelder Tagung geschaffen worden, es währte aber noch lange, bis ihre Fäden um all die entlegenen Sprengel gewoben waren. Es läßt sich auch mit ziemlicher Gewißheit annehmen, obwohl das endgültige Material fehlt, daß es während der ganzen noch verbleibenden Franzosenzeit zu keiner Vollständigkeit und Konsolidation gekommen ist. Zu vielgestaltig war denn doch der bureaukratische Apparat, der in Bewegung zu bringen war, um die Einrichtung und ihre Tätigkeit durchzusetzen; zu dürftig und zeitraubend waren auch die Verkehrsmittel, die in jenen Zeiten zu Gebote standen; zu verschiedenartig war die Zusammensetzung der Gebietsteile, die hier zu einem Verwaltungsganzen (im'Kultus) verschmolzen werden sollte. Graetz hat meines Erachtens vollkommen recht, wenn^ er von „jener schlechten Konsistorialorganisation" spricht. Zu wenig gleichartig war auch der Eifer, den die weltlichen Behörden gegenüber den Anliegen des Konsistoriums entwickelten. Die Schreibarbeit nahm einen breiten Raum in der konsistorialen Wirksamkeit ein. Bald mußte mit Monseigneur 8. E., dem Minister des Kultus oder des Innern, bald mit dem Zentralkonsistorium, dann wieder mit den Präfekten, Unterpräsekten, Maires, Prokureurs verhandelt werden. Dazwischen laufen denn auch wieder aller!? Bekümmernisse von mehr privater Art, die den einen oder anderen Eingesessenen betreffen. Den meisten Stoff für.das Schreibwerk aber lieferten doch die Weisungen an die Hussiers, die französischen Vollziehungsbeamten. Die Einziehung der Konsiftorialbeiträge, die Schlichtung von Streitigkeiten in den Gemeinden, die Gewinnung geeigneter Mitarbeiter schafft der jungen Kultusverwaltung viel Mühe — und Verdruß. Unter den jüdischen Bezirkseingesessenen gibt es zwar eine kleine Zahl aufgeklärter Leute, wie der „Notable" Simon Simons in Mörs, den das Konsistorium bald zum Kassierer macht, indem es ihm bezeugt, daß es keine Persönlichkeit für dieses Element finden werde, die mehr Vertrauen verdiene — oder wie ein gewisser Salomon Furth in Brüssel, der trotz seines Widerstrebens zu allerlei vertraulichen Missionen augehalten wird. Die Vertrauensmänner haben mit dem ihnen , .aufgehalsten Amte und den „teuren Brüdern" anscheinend eine unverhältnismäßig große Mühe und .sind jederzeit demissionsstimmig. Das „Volk" sieht die Segnungen des Konsistoriums zunächst nur in den Lasten, die es neben den Anforderungen der örtlichen Kultusverwaltung trägen soll. Von den jüdischen Zensiten wird jetzt verlangt, daß sie auch zu den Verwaltungs-