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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-27 · Heft 48 (27.11.1908) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 572 (sequence 8)
Language
German
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. Und am Ende .wurde Krönberg in: Kanitz nicht zum Rabbiner gewählt! Zum Verständnis der Geschichte der Juden gehört politische Geographie und Nationalökonomie. Kanitz, ein Städtchen von 3000 Einwohnern, . etwa 15 Kilometer südwestlich von der Landeshauptstadt Brünn gelegen, ist wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, -als die Vertreibung der Juden aus. den Städten die Regel war, von Flüchtlingen aus Brünn besiedelt worden. Die dort angesiedelten Juden, deren Zahl im Vormärz . 111 privilegierte „Familianten", also etwa -600 Seelen betrug, begann rasch nach 1848 zusammenzuschmelzen. Man hatte sich, ja nie in dem Städtchen ernährt; es war ein Nachtquartier, ein Asyl für die Familien und ein Ausgedingsstübchen für die Greise; für den Erwerb war man . aus das Hausieren in den umliegenden Dörfern, auf das Besuchen der Märkte und auf Geschäfte in dem benachbarten Brünn angewiesen, wo man gegen Lösung einer Aufenthaltskarte tagsüber seinen Geschäften nachgehen konnte, um in der Nacht ineinem Gasthause außerhalb der Stadttore zu übernachten. Die Unbequemlichkeit eines solchen Lebens ertrug man nicht länger als man mußte, und wenn in den fünfziger Jahren bei dem einen die Gewohnheit, bei dem andern der Zweifel an der durch die Reaktion schon bedrohten Dauer der neuen Verhältnisse mitwirkte, um ihn an die alte Heimat zu fesseln, wurde gegen Ende der sechziger Jahre der Exodus allgemein. Im Jahre 1883 dürfte die Gemeinde kaum mehr als 50 Haushaltungen gezählt haben, als ich sie im Jahre 1905 zum letzten Male besuchte, war sie aus 134 Seelen zusammengeschmolzen, und diese waren zumeist vereinzelt stehende alte Leute, die da ihr Ende erwarten, ohne Nachwuchs zu finden. Diese Erscheinung ist ja dem Beobachter moderner jüdischer Entwicklung geläufig genug; sie zeigt sich in der Rheinpfalz ebensowie in Westpreußen und im Elsaß ebenso wie in der Lombardei. Wer in einer solchen Gemeinde fünfzig Jahre alt wird, schwebt in großer Gefahr, eines Tages ganz allein.die Gemeinde zu repräsentieren. Wenn dem braven Kronberg das Geschick nicht beschiedeu war, seine Tage als Rabbiner von Kanitz zu beschließen, so lag die Schuld zum großen Teile an mir. Ich war in der Zwischenzeit „wirklicher israelitischer Neligionslehrer an den kaiserlich-königlichen Staatsmittelschulen" mit deutscher Unterrichts spräche in Brünn oder so eine ähnliche Seeschlange geworden, und kam oft zu Besuch zu meinen indem benachbarten Kanitz lebenden Angehörigen. Natürlich wirkte ich für Kronberg und bestimmte meinen Vater, für ihn zu wirken, und das wurde vielleicht Kronbergs Verhängnis. Mein Vater war seit Jahren der „erste Morenu" der Gemeinde und wurde als solcher respektiert. Am Neujahrstage blies er den Schofar, so lange es ihm seine Kräfte erlaubten, und dafür erhielt er als Honorar das Recht, am Vorabende des Festes ‘TOt und am ersten Neujahrstage die Haftarah vorzutragen; am Vorabend des Jom Kippur stand er neben dem Rabbiner, um der Gemeinde feierlich zu gestatten, auch die exkommunizierten Sünder an dem Gottesdienste teilnehmen zu lassen; bei einem seltenen Ausnahmefall, wie bei einer Chalizah, fungierte er als Dajan, indem er vergeblich dem für seine Weigerung bezahlten Schwager zuredete, seine Schwägerin zu heiraten, die ihn nicht mochte und die er nicht hätte heiraten dürfen, ohne sich einer Bigamie schuldig zu machen. In solchen Dingen galt seine Autorität, und der Tribut der Achtung wurde ihm willig gezollt. Wenn wir am Abend des Hoschana Rabba bis Mitternacht Talmud studiert hatten — der Kabbala stand er wie alle Talmudisten unserer Gegend ablehnend gegenüber — sagte am. nächsten Morgen die Nachbarin Dine zu mir: „Ich Hab euch nächten lernen tim gehört. Bei euch müssen schon die Määdle können Jokef der Höcker sagte einmal zu seinem katholischen Standesgenossen" mit Stolz aus sein Judentum: „Bei. euch kann man ohne Priester nicht leben oder sterben; sieh' ^mal wie es bei uns ist, wo einer — er nannte meines Vaters Namen — wenn er auch ein Kaufmann ist, dasselbe leisten kann wieeuer Priester." Ich kann mich noch aus meiner Kindheit daran, erinnern, wie die Gemeinde an einem Sonnabend Abend auf den Eintritt der Dunkelheit wartete, um die Trauerfeier um die Zerstörung Jerusalems zu beginnen. Ein alter Mann> etwa zwanzig Jahre älter als mein Vater, sagte zu seinem Sohne: „Lege Deine Schuhe ab; ■ Reb Baer hat auch seine Schuhe ausgezogen." In solchen für unser Seelenheil nötigen Fragen konnte man Reb Bäers Autorität nicht negieren; in der Wahl eines Rabbiners lag die Sache anders. Mein Vater hatte seine Mitbürger nicht zu sehr durch Rücksichtnahme auf ihre Schwächen verwöhnt. Wenn Jtzigel, der Nachbar, am Sukkotseste ihm stolz die Mitteilung machte, daß er sich aus Brünn eine „Melaune" zu UTintP mitgebracht hatte, fuhr ihn mein Vater an, indem er ihn daran erinnerte, daß er ihm schon im Vorjahre den Grund mitgeteilt hätte, warum Rosch Haschanah als ein länger Tag von 48 Stunden gelte, geradeso wie der denkwürdige Tag Josuas bei Gibeon, und daß darum der zweite Abend von Rosch Haschanah gerade so viel als der -Mittag eines anderen Festes gelte, und da man den Dank über den Eintritt eines Festes nicht zweimal am selben Tage wiederholen könne, so muß man)-eine neue Frucht auf den Tisch legen. Natürlich war es gerade so aussichtslos, Jtzigel in Logarithmen zu unterrichten, als ihn in die Mysterien der Kalenderberechnung einzuführen; aber Jtzigel und seinesgleichen ließen sich diese Erniedrigung nicht gerne gefallen. Außerdem lag in meinem Vater, obwohl er mit seinen Mitbürgern wohl nie darüber ausdrücklich sprach, das. stolze Bewußtsein seiner hohen Abstammung. In dem Hause, wo „die Mäuer lernen konnten", hatte schon sein Urgroßvater gewohnt, der in der. Gemeinde. Dajan war, und des letzteren Vater, der im Jahre 1723 verstorbene Joses Deutsch, war Landesältester ißHö gewesen; des letzteren Schwiegervater war der ehemalige Kanitzey spätere Wiener Rabbiner Jacob Eliezer Brunschwig, der Vertreter des Hoffaktors Samson Wertheimer als ungarischer Landesrabbiner. Dieses aristokratische Bewußtsein vergab die „Kille" nicht, und Kronberg wurde nicht gewählt. Es gelang ihm später, eine bessere Stelle als Rabbiner in Tabor zu'erhalten, wo er 1884 in sein Amt eintrat, aber dort war ihm auch nicht Ruhe beschiedeu. Irgendeine Gemeindeintrige, welcher der vornehme, ehrenhafte Mann nicht gewachsen war, zwang ihn, zu resignieren, und erst nach längerem Suchen gelang es ihm, seine Stelle in Hermanmiestec anzutreten. Ueber diesen Ort weiß ich nur, daß er ein Städtchen von vier- bis fünftausend Einwohnern ist, welches eine alte jüdische Gemeinde einschließt; die mit Hilfe der in kleineren Orten und Dörfern der Umgegend zerstreut wohnenden Juden eine, wie es scheint, nicht unansehnliche Gemeinde geblieben ist. Wie der Nachruf, den ihm die Gemeinde gewidmet hat, beweist, hatte er sich dort verdienter Würdigung zu erfreuen. Verdient hat er sie ehrlich durch seine harten Kämpfe und seine bescheidenen Erfolge; ein typisches, lange nicht genug gewürdigtes Charakterbild des Idealismus eines Rabbiners auf dem Lande!

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