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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-27 · Heft 48 (27.11.1908) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 571 (sequence 7)
Language
German
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? als'er^untev denihm., durch das Los zuteil gewordenen Fragen. : eine aus. analytischer Geometrie fand!. In den. anderen Fragen -/mag ^r -sich auch nicht ganz sattelfest gefühlt haben und, kurz ''■j 1 entschlossen, trat er von der Prüfung zurück. Erst im nächsten < Jahre, 1877, bestand der 34 jährige Mann sein Examen. Der y Direktor war über den Vorfall nicht mehr ärgerlich als der arme Kandidat und machte ihm wegen seiner Unbesonnenheit . bittere Vorwürfe. Er -hätte schon ein Mittel gefunden, um ihm -die Beantwortung der Frage aus analytischer Geometrie zu ersparen, aber es.war zu spät. Ueber Nikolsburg, hatte sich Kronberg nicht zu beklagen. Man achtete dort noch jüdisches Wissen und hals ihm in jeder - Weise. Die jüdische Gemeinde, . welche in ihrer Blütezeit - 3400 Juden unter 8000 Einwohnern zählte, war auf ihre metropolitanrsche Stellung stolz. Nicht aus Nikolsburg zu sein, war ein höchst bedauerliches Ungemach. War aber einer wenigstens aus Mähren, dann war sein Mißgeschick verzeihlich» aus Böhmen oder aus Ungarn zu sein, war jedoch schon ein tragisches Fatum, aber ein „Polak" zu sein, war geradezu, ein Verbrechen. Hingegen. muß ich es den Nikolsburgern zu ihrem Lobe nachsagen, daß ihr Vorurteil nicht das Gehässige des Snobtums der deutsch-amerikanischen Juden an sich hatte.. Wie sie auch über das Genus „Polak" denken mochten: dem Menschen Kronberg brachten, sie die Achtung entgegen, welche sein lauterer Charakter und sein Wissen verdienten; doch muß ich eines interessanten Zwischenfalles gedenken, welcher , sich aus der Differenz zwischen feinen heimatlichen und den lokalen Sitten ergab. Ich wohnte damals bei dem Gemeindesekretär Reb N.ochem Tritsch. Nikolsburg war damals und ist noch heute, wie etwa 20 andere mährische Gemeinden, eine echt österreichische Anomalie, eine politische Gemeinde, das heißt: das alte Ghetto, bestehend aus der aristokratischen „Gaß", dem demokratischen „Klangässel" und dem plebejischen „Gaertel", so genannt a non lucendo, ist eine Stadtgemeinde mit seinem Bürgermeister/ seinem Polizisten und seinem Trommler, damals „Dowidel Wächter", auf den die Gymnasiasten die Travestie verbrochen hatten: „Doch der schrecklichste der.-Schrecken ist Dowidel mit seinem Stecken."- Da Reb Nochem Tritsch zugleich Chasan in der „Neuschul" war, besuchte ich diese Synagoge und Kronberg schloß sich mir an. Kronberg besaß das stolze Privilegium, ein Nachkomme Arons zu sein, und durfte den Priestersegen erteilen. Das „Duchenen" war damals noch allgemein. Mich berührt es heute noch wehmütig, wenn ich daran denke, wie der alte Reb Gawriel Paschkes mit einem ganzen Clan von, Söhnen und Enkeln „Ahahahaha usw. "pfctP'f so schauerlich schön „sang". Nun war es in Nikolsburg wie in ganz Mähren üblich, daß die Kohanim die Hände unter dem Tallis hielten, den sie über ihr Gesicht zogen, während in Galizien und, wie es scheint, in ganz Polen die Kohanim ihre Hände frei zeigten. Der gute Kronberg hielt sich an die heimische Sitte zum Entsetzen des ihm zunächst stehenden „Priesters" Reb Phol Kolisch, des Schammes der Schul, der trotz seines auf Kalisch hinweisenden Namens von dieser Sitte nichts wußte, .und da er überzeugt war, daß Moses, als er vom Berge Sinai Herabstieg, seinem Bruder Aron mit dem Texte und der Melodie des Priestersegens auch die Art, wie die Hände zu halten seien, mitgeteilt habe, konnte er eine solche Blasphemie nicht ruhig hinnehmen. Die andächtige Gemeinde, die. nach talmudischer Vorschrift, um nicht Blindheit zu riskieren, zu den Priestern - nicht aussehen darf, wurde plötzlich öurch eine gewaltige Detonation erschreckt; Reb Phol hatte dem ahnungsloses Kronberg einen kräftigen Schlag auf die segnenden Hände versetzt. Glücklicherweise findet der Segen so ziemlich am Ende des Gottesdienstes statt,' und >die Gemeinde konnte ihre Ungeduld über die Frage, „wer recht hat von den beiden", zügeln, bis der jetzt 93 jährige „Schulrebbe" Reb Jossef Knöpfmacher die Erklärung ab gab, daß Moses Jsserls das Halten der Hände unter dem Tallis als die orthodoxere Sitte erklärt. Ich sollte mich nicht Wundern, wenn dieser Vorfall nicht in das eine oder das andere junge Gemüt den Samen der Skeptik gesät hätte; denn wenn schon Moses Jsserls sich nicht in der.Orthodoxie auskennt, wie sollte Gawriele Paschkes, der es nicht über den jüdisch-deutschen „Menorat Hamaor" gebracht hatte, je in das Gan Eden kommen? Mit gerechter Befriedigung über die endlich vom Erfolge gekrönte Beharrlichkeit trat Kronberg im Herbst 1877.wieder in das Breslauer Seminar ein. Ich glaube, daß dieser Schritt ihn Ueberwindung kostete, denn er fühlte immer die wirkliche oder vermeintliche Zurücksetzung, die er während der Jahre in . der „unteren Abteilung" erfahren hatte; aber das Studium war ihm doch durch seine ganze Geistesrichtung das Kongenialste, und endlich wartet man in keinem gelehrten Berufe auf Rekruten, und die Frage nach Fortkommenwährend der Studienjahre wird in den theologischen Lehr-- anstalten am leichtesten gelöst. Kronberg hatte endlich 1882 mit einer Dissertation über „Raschi als Exeget" in Halle promoviert und wurde, nachdem er weitere sieben Jahre um sein Diplom gedient, am 27. Januar 1884 als Rabbiner entlassen. Die sieben Jahre waren auch in der biblischen Bedeutung vorbildlich für ihn; er hatte, wie das bei Theologen besonders gebräuchlich ist, eine Braut gewonnen, für die er eine Heimstätte suchte. Der Durchschnittsschlag der Mitglieder einer jüdischen Gemeinde, ob sie jetzt dem kaufmännischen oder - einem gelehrten Berufe angehören, denen der „Schidduch" mit der Minimalsumme von so und so viel tausend Mark von Jugend auf als Pflicht der Selbstachtung eingeprägt wird, wissen auch diesen Idealismus eines Mannes nicht zu begreifen, der mehr als zwanzig Jahre nach einem Lebensziele ausgesehen hat und sich endlich angelangt sieht. Sein erster Versuch war merkwürdigerweise die Kandidatur um das Rabbinat meiner Vaterstadt Kanitz in Mähren, wo er am 1. September 1883 — es ist den zur Entlassung designierten Kandidaten erlaubt, im letzten Jahre sich um eine Stelle zu bewerben — seine Probepredigt hielt. Auch darin liegt wieder ein Idealismus, den die außenstehende Welt nicht zu würdigen weiß. - Welche Erniedrigung liegt für den Kandidaten darin, sich einer Wählerschaft vorzustellen, die zu einem Teile nicht informiert genug, zum anderen, dem weitaus größeren Teile, nicht befähigt ist, über die Qualistkation des Kandidaten ein Urteil abzugeben! Dazu kommen die Etikettefragen. Setzt er den Hut auf, wenn man ihm ein Glas Wein offeriert, so ist er für die einen ein Fanatiker oder ein Heuchler, tut er es nicht, so fragen sich die anderen, wozu soll überhaupt ein Rabbiner. Ist er gesellschaftlich zurückhaltend, so ist er ein Schlemiehl, ist er in seinem gesellschaftlichen Auftreten freier, dann ist er zu weltlich für einen Rabbiner. Man kann sich kaum in das Drückende der Situation hineinfinden, das einen solchen Kandidaten konfrontiert, der schwer genug darunter leidet, daß er aus der kongenialen geistigen Atmosphäre einer Universitätsstadt in ein so kleines Nest verschlagen, wird, wo er bei einer kümmerlichen Existenz auch noch geistig isoliert ist. Und zu alledem hat man die Zweiglinien der Kronprinz Rudolfbahn, die Zeichnung auf dem rechten Hinterflügel des - Aspenfalters, die vier hypothetischen Perioden der griechischen Syntax, später Geschichte der Philosophie, arabisch und syrisch, ganz abgesehen von einem lebenslänglichen Studium biblischer und rabbinischer Literatur überwunden! ~

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