Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Doktorhut aufgesetzt oder einen Geheimratsmantel gehängt.hat. . , Jedenfalls litt Kronberg schwer darunter, undso beschloß er, 33 Jahre alt, noch einmal in das Gymnasium einzutreten, oder doch an einem öffentlichen Gymnasium das Maturitätsexamen abzulegen. Als Oesterreicher lag es ihm nahe, sich zu diesem Behufe nach Oesterreich zu wenden. Dr. Jakob Reiß, damals Kandidat, jetzt, wenn ich nicht irre, Religionslehrer in Wien, war ein Nikolsburger und riet ihm, sich nach dieser damals wohl bereits im Niedergange befindlichen, aber immerhin noch bedeutenden jüdischen Gemeinde, wo jüdisches Wissen gelte, zu wenden. Wer ein Gymnasium aus eigener Anschauung kennt, wird sich davon eine Vorstellung machen können, welchen Eindruck es auf uns Jungen im Durchschnittsalter von 19 Jahren, unter denen sich auch siebzehnjährige befanden, machte, als in unsere Mitte ein Mann von 33 Jahren eintrat. Kronberg war überdies durchaus nicht von einnehmendem Aeußeren. Er war untersetzt, mit einer Anlage zur Korpulenz, sehr kahl, mit einigen verstreuten Haarbüscheln auf den Wangen, die einen verunglückten Anlauf zu einem Bart vorstellten, und überdies schielte er. Ich erinnere mich noch, daß meine Wirtin ihn „ä jüng Jüngele mit en alt Köppele" nannte. Das österreichische Gymnasium war, und ist vielleicht heute noch, trotz der neuerlichen Reformen, in einem furchtbar pedantischen Geiste geleitet. Um auch nur als Besucher zugelassen zu werden, mußte man in allen Gegenständen, die bis zu dieser Klasse gelehrt worden waren,- Prüfung bestehen. Für Kronberg wäre es wesentlich darauf angekommen, daß er den Unterricht in Gegenständen, in welchen Privatunterricht besonders schwer ist, hätte besuchen dürfen, aber das untersagte die Schulordnung, nicht daß es irgend jemandem geschadet hätte, aber wozu wären denn kaiserlich-königliche Behörden da, wenn selbstverständliche Dinge erlaubt wären? Das ging also nicht, und so hatte Kronberg den Nachteil, Gegenstände, bei denen der Anschauungsunterricht besonders nötig war, wie Physik, oder solche, bei denen der Lehrer besonders nötig war, wie Mathematik, durch Selbstunterricht oder mit der unzureichenden Hilfe jüngerer Mitschüler lernen zu müssen. Er hatte noch einen anderen Nachteil uns gegenüber. Wir, die das Gymnasium regelmäßig besucht hatten, brauchten uns um Naturgeschichte, Logik, Psychologie, Vaterlandskunde und noch einige solcher Gegenstände nicht zu kümmern, denn wir besaßen darüber unser „Semestralzeugnis"; der arme Kronberg mußte aber aus allen diesen Fächern die Prüfung nachholen. Glücklicherweise hatten wir einen recht verständigen, wohlwollenden Direktor, der bem armen Kandidaten gestattete, die Prüfung aus diesen Fächern vorher abzulegen. So einfach ging das wohl nicht. Der Kandidat mußte an den „hochlöblichen" — ich bitte um Entschuldigung, wenn es „hochwohllöblich" heißen sollte, mit den Jahren vergißt man oft die wichtigsten Dinge — „k. k. Landesschulrat" eine motivierte Eingabe einreichen, welche dem k. k. Direktor? zur Begutachtung „eingeantwortet" und von demselben „dienstergebenst" an den „hohen" — Viktoria! jetzt Hab" ich's, „hohen" muß es heißen — Landesschulrat zurückgeleitet wurde, und der hohe Landesschulrat fand sich bewogen, dem als „Externen" zur Maturitätsprüfung zugelassenen Nehemias Kronberg szu gestatten, daß er die Prüfung aus diesen Gegenständen vorher ablegen dürfe. Natürlich will ich damit nicht sagen, daß dieses Schriftstück so einfach und deutlich abgefaßt war. Das wäre ein schweres Unrecht nicht nur an den hohen k. k. Behörden, sondern auch an meinem wahrscheinlich schon selig verstorbenen Freunde, dem k. k. Registrator Kneifel, der-niemals das Ansehen derhohen Behörden' durchs einen klären, einfachen Satz kompromittiert hätte. Die Haupt-", fache bleibt, daß der „besagte Nehemias Kronberg" tatsächlich das Recht erhielt, die Prüfung aus den Nebenfächern ein halbes Jahr vorher abzulegen, so daß. er den Rest der Zeit der r eigentlichen Maturitätsprüfung widmen konnte. - < Für den besagten Nehemras Kronberg war aber diese- Prüfung auch so keine leichte Sache. Wenn man 33 Jahre alt ist und gewohnt war, sich / seine Studiengegenstände nach eigener Neigung auszuwählen, ist es wirklich keine Kleinigkeit, / sich einprägen zu müssen, welchen Härtegrad der Feldspath hat, ob die Blätter der.Anemone gefiedert oder gezahnt sind,, oder wie die Zeichnung auf dem Hinterflügel bei dem Weibchen, des Aspenfalters aussieht. Wir waren damals, 1876, mitten, in der schönsten Blüte des Liberalismus; nur, die -Klerikalen'- wagten laut den Judenhaß zu predigen — die Liberalen taten es nur unter sich und Klerikalismus galt für rückständig; Kronberg wurde human behandelt, und obwohl er vielleicht die Antwort auf die Frage nach den Zweigbahnen der Kronprinz Rudolfbahn schuldig geblieben sein mag,, bestand er die Prüfung doch. Das Schwerste sollte kommen. Die Prüfung bestand und besteht wohl noch aus der schriftlichen und der mündlichen. Die erstere, die eine Woche dauert, sollte so statt- . finden, daß sie die Schaboutfeiertage mit eingeschlossen hätte. Nur ein Teil der jüdischen Kandidaten enthielt sich des- Schreibens am Sabbath; die Majorität nahm es damals, selbst in der „Kehillah Kedoschah Nasch" phonetisch „Nikelschpork", wie Nikolsburg in den rabbinischen Urkunden Heißt, damit leicht, und aus der Universität war ich der einzige aus der Klaffe, der die Traditionen der Kehilla aufrecht erhielt. Das' nur so nebenher, um an einem Beispiel zu zeigen, daß es nicht die zielbewußte Reform ist, welche die alten Traditionen untergräbt. Kurz, wir lebten in der Periode des Liberalismus und unsertwegen wurde die schriftliche Maturitätsprüfungum eine Woche verschoben. Wie es dem.braven Kronberg bei dieser Prüfung erging, weiß ich nicht; offiziell wird das Resultat der Prüfung nicht mitgeteilt und nur in sehr seltenen Ausnahmefällen wird dem Kandidaten auf Grund der schriftlichen Prüfung die Zulassung zur mündlichen verweigert. Endlich kam der große Tag, an welchem der k. k. Landesschulinspektor zur Prüfung erschien und wir unsere ersten Zylinderhüte und schwarzen Salonanzüge den bewundernden Blicken der „Gaß'" darbieten konnten. Wir waren im ganzen sechszehn Abiturienten. Der Liebens- Würdigkeit meines Urgroßvaters, - der sich' im Jahre: 1787 für die Beibehaltung des seit mindestens drei Generationen in der Familie üblichen Namens „Deutsch" entschieden hatte, dankte , ich es, daß ich, zur ersten Hälfte des Alphabets gehörig, am ersten Prüfnngstage vorkam, während Kronberg, als „Externer" seines alphabetischen Ranges verlustig, erst am zweiten Tage ins Verhör genommen wurde. Ich durfte schon mit einer Zigarre im Munde am zweiten Prüfungstage' mich auf dem Platze vor dem Gymnasium nach den Neuigkeiten bei der.. Prüfung erkundigen, als zu Meiner Ueberraschung Kronberg erschien. Er war von der Prüfung zurückgetreten. Mathematik, ein Schreckgespenst der Kandidaten, war einer der ersten Prüfungsgegenstände und wurde von dem Direktor selbst geprüft. Der Direktor Dr. Vyslouzhl war -eia sehr humaner/ Mann, der für Kronberg rechte Sympathie hatte. Privatim hatte er ihm die Konzession gemacht, daß er analytische Geometrie nicht zu studieren brauche, aber in-seinem Wunsche, unparteiisch zu erscheinen, hatte der Direktor Zettel mit je drei Fragen auf den Tisch gelegt, von denen jeder Kandidat einen ziehen sollte. Wer beschreibt des armen Krönberg Entsetzen,-