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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-27 · Heft 48 (27.11.1908) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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C Nun ergriff der - verdienstvolle Präses, Herr Dr. Rothkopf, das Wort und gedachte (leider steht uns der wörtliche Text nicht zur - Verfügung) in schwungvollen, begeisterten Worten der Liebe und Verehrung der Judenheit Bosniens und der Herzegowina für Kaiser Franz Josef I. und gelobte die fernere Treue und Ergebenheit. für Kaiser und Reich. Ferner dankte Herr Dr. Rothkopf für die Gnade, die Se. Majestät durch die Angliederung Bosniens und der Herzegowina an die ruhmreiche Monarchie erwiesen und für die Huld und Gnade, die der Kaiser stets in seiner allbekannten Gerechtigkeitsliebe allen seinen israelitischen Glaubensbrüdern bewiesen und bat um weiteren Schutz und Schirm. Dr. Rothkopf schloß mit einem Hoch auf den Kaiser, in das die Versammelten begeistert einstimmten. Der Kaiser dankte in huldvollen Worten für die Huldigung und bat Dr. Wessel, ihm die Deputationsmitglieder vorzustellen. Jeder Einzelne wurde mit-passender Ansprache ausgezeichnet. Herrn Dr. Wessel fragte Se. Majestät, wie lange er in Sarajewo wirke, worauf er antwortete: „Seit zehn Jahren, Majestät! Meine erste Funktion war die Rede aus Anlaß des 150jährigen Regierungsjubiläums Eurer k. k. Majestät, im Tempel." Aus die Frage, ob .Sarajewo einen schönen Tempel habe, antwortete er: „Einen sehr schönen, neuerbauten, Majestät. Erzherzog Friedrich hat ihn, diesen Tempel, vor drei Jahren anläßlich des Geburtsfestes Eurer Majestät besucht und sich sehr anerkennend darüber ausgesprochen." Herrn Dr. Rothkopf fragte der Kaiser, wie lange er schon in Sarajewo sei und wie lange er Präses der Gemeinde wäre, wo er studiert habe, worauf Dr. Rothkopf sagte: „Ich habe in Wien studiert, bin 16 Jahre in Sarajewo und seit 11 Jahren Präses der Gemeinde." Nachdem alle Deputationsmitglieder vom Kaiser angesprochen worden waren, zog der Kaiser sich grüßend zurück. Die Audienz, die allen Teilnehmern wegen der in so reichem. Maße genossenen Güte und Milde des Kaisers stets unvergeßlich bleiben wird, währte über 20 Minuten. Erschienen waren 27 Mitglieder der Gemeinden Sarajewo, Banjaluka, Tuzla, Brtschka, Bihac. : Am Samstag den 14. d. Mts. mittags wurde die Deputation von dem Minister von Burian unter Führung des Herrn Rabbiner Dr. Wessel, der die Ansprache hielt, empfangen. Der Minister brachte ■ der Deputation sehr viel.Herzlichkeit entgegen, versicherte' sie seines Wohlwollens und versprach, die Bitten bezüglich ihrer Vertretung im künftigen Landtag zu berücksichtigen. Der Kultus Vorstand der Wiener Gemeinde hatte die Deputation . mit einem feierlichen Empfange im Festsaale des Gemeinde-Bureaus bedacht. Rabbiner Dr. Wessel erwiderte die liebenswürdigen Worte des hochgeschätzten Herrn Präses Dr. Stern mit einerlängeren wärmeren Ansprache, die allgemeinen Beifall fand. Außerdem fand am 13. d. Mts. abends 8 Uhr im Hotel Europe. Wien, ein Bankett statt, das Herr A. D. Salom in solenner Weise der Deputation gab und das äußerst animiert verlief. Die Abfchiedsfeier fand am 15. d. Mts. im Cafö Habsburg statt. Dr. Körbel aus , Bihac hielt die Ansprache, in der er des Herrn Rabbiner Dr. Wessel wärmstens und dankbar gedachte. Der Idealismus des Kabbiners auk dem Lande. . Eine biographische Skizze. . Von Professor Dr. Gotthard Deutsch-Cincinnati. mein Geschlecht entrückt sich mir wie das Zelt des Nomaden". Dieser traurige Gedanke drängt sich mir auf, wie ich die „Neue Freie Presse" vom 28. Januar 1908 in die Hand bekomme und darin den Nachruf lese, welchen die Gemeinde Hermanmiestec „in ihrem eigenen und im Namen der asfiliierten Bethausvereine ihrem geliebten langjährigen Seelsorger Dr. Nehemias Kronberg" widmet.- Dieser Nachruf meldet mir, daß, soweit ich weiß, der zwölfte meiner Studiengenossen vom Breslauer 'Seminar zur „himmlischen Jeschiba" einberufen worden ist. Es mögen auch ihrer mehr sein, deren die mir zugänglichen Zeitungen nicht gedacht haben, oder die ich übersehen habe. Es geht einem besonders in weiter Ferne bei solchem Anlasse, wie dem Diener in Alexander Dumas^, des Jüngeren, Komödie „Kean". „Et d’un", ruft er erleichtert aus, wenn er einen der Zechkumpane los geworden ist.. „Et d’un!" Nur ist es nicht so lustig, denn es heißt: „Moriatur sequens!“ Nehemias Kronberg war mir ein besonders guter und lieber Freund; er war einer meiner ältesten Freunde, denn wir kannten uns bereits auf dem Gymnasium. Sein Tod bringt mir nicht nur die glücklichsten Jugendjahre in Erinnerung, sondern legt es mir auch nahe, etwas von einem Idealismus zu erzählen, von dem das große Publikum sehr zum Schaden unseres Gemeindelebens keine Ahnung hat. Nehemias Kronberg war, soweit ich mich erinnern kann, im Jahre 1842 in Jaroslau, Galizien, geboren. Nach Art seiner Landsleute im Cheder und Beth Hamidrasch erzogen, erwachte er als junger Mann zur Erkenntnis, daß. seine Erziehung eine mittelalterliche Barbarei gewesen sei, und etwa zwanzig Jahre alt, trat er in das Gymnasium ein. Der Sohn eines armen Sofer, war er auf sich selbst, das heißt, auf den mageren Erwerb durch Privatunterricht, angewiesen. Das ging nun nicht. Er konnte nicht so viel von seiner Zeit erübrigen, um bei der kärglichen Bezahlung von Privatstunden sich zu ernähren. Er verließ daher das Gymnasium etwa im fünften Jahrgange, um eine Hauslehrerstelle anzutreten. Auf diese Weise hoffte er nach einiger Zeit so viel erspart zu haben, um sich etwa ein Jahr erhalten zu können. In der Zwischenzeit wollte er sich durch Selbstunterricht in den Ghmnasialfächern fortbilden und dann nach einjährigem Studium auf einem Gymnasium sich zum Abiturientenexamen melden. Die Hoffnung war optimistisch. Wenn man in einem galizischen Dorfe oder auf einem abgelegenen Gute lebt, ist es schwer, sich die nötige . Hilfe zuM Selbststudium zu verschaffen, und die Kategorie von Leuten, die sich einen „Hofmeister" halten, oft genug unter schweren Opfern, sieht es gar nicht ein, daß der junge Mann, dessen Zeit sie bezahlen, auch noch freie Zeit haben soll. So sah denn der arme Kronberg, der inzwischen etwa 30 Jahre alt geworden war, ein, daß es auf diese Weise nicht ging, und mit seinem bischen Ersparten ging er nach Breslau. Dort mußte ja sein beträchtliches hebräisches Wissen gelten; er würde sich auf irgend eine Art fortbringen und mit der Zeit die Universität besuchen können.. Damals, es muß im Anfang der siebziger Jahre gewesen sein, waren Studenten mit regelmäßiger Gymnasialbildung in Breslau nicht sehr häufig. Die Mehrzahl hatte eine Jeschiba-Bildung genossen, und besuchte in Breslau die „untere Abteilung" des Seminars, wo sie zugleich in. weltlichen Gegenständen unterrichtet wurden, um nach einigen Jahren mit einer Empfehlung von Graetz als außerordentliche Hörer in der Universität immatrikuliert zu werden. Als solche konnten sie später aus den meisten Universitäten ihr Doktorexamen machen, und das ist doch für unsere Gemeinden in Europa wie in Amerika die Hauptsache. Kronberg aber war ehrgeizig und feinfühlig. Er litt unter dem Eindrücke, daß er und seinesgleichen von oben herab angesehen wurden, obwohl er doch, was sein hebräisches Wissen anbetraf, auf das es in einer solchen An- . stalt hauptsächlich'ankommen sollte, den meisten der Studenten mit ordentlicher humanistischer und akademischer Bildung weit voraus war. Es mag etwas Ueberempfindlichkeit dabei gewesen sein; ganz unberechtigt war es jedenfalls nicht; bei uns gilt ja der Mordechai erst dann, wenn ihm Ahasverus einen

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