Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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der jüngsten Hochzeit in unseren: Kaiserhause sind bekanntlich Rote Kreuz-Medaillen und Frauen-Verdienstkreuze verliehen , worden; unter dem Dekorierten befinden sich auch einige männliche und weibliche Glaubensgenossen aus der Oftmark. Nun ist es ja nichts weiter als unser gutes Recht, wenn wir den anderen Bekenntnissen gleichgestellt werden, jedoch gegenüber den Klagen aus anderen Provinzen.erfordert es die Gerechtigkeit, auf solche Tatsachen an dieser Stelle hinzuweisen, wenn auch die Gründe hierfür politischer und nicht verfassungsrecht- - licher Natur sind. Von dem Falle des jüdischen Referendars, der nur durch energische Vorstellung eines christlichen Universitäts-Professors zu seinem Recht der staatlichen Ausbildung gelangen konnte, haben die jüdischen sowohl als auch die politischen Zeitungen des weiteren berichtet. Ich, der ich 35 Jahre hier in der Ostmark amtiere, habe von einem ähnlichen Falle in'der Ostmark nichts gehört. Aus meinen näheren Bekannten- und dem eigenen Familienkreise weiß ich im Gegenteil, daß jungen Juristen aus der Ostmark, die vorschriftsmäßig in Breslau die erste Staats-Referendar-Prüfung ablegen müssen, auf ihre Bitte gestattet wurde, falls sie in Berlin studierten, bei dem Kammergericht ihr Examen zu machen. Ebenso wird der Ostmarkenverein, der sogenannte Hakatistenbund, oft mit Unrecht, als ein Verein zur Förderung des . Antisemitismus bezeichnet, zuletzt erst von einem jüdischen Posener Arzte in der „Zukunft". Daß der Verfasser des Artikels gerade dorthin kam, um die Klagen über die Zurücksetzung der Juden in Posen zu unterbreiten, ist recht merkwürdig. Ich habe in den Posener Briefen oft nachgewiesen, daß der Oftmarkenverein selbst Juden Stipendien gewährte, und trotzdem wird immer wieder das alte Märchen wiederholt! Freilich darin sind die Klagen berechtigt: der Vorstand des Ostmarkenvereins ist nicht antisemitisch, darüber habe ich sogar schriftliche bindende Erklärungen aufzuweisen, Wohl aber ein großer Teil seiner Mitglieder. In diesem Punkte gleicht er leider einem Feldherrn ohne Arnree! Daß der Verein aber direkt zur Förderung^ des Antisemitismus gegründet worden ist, wie es in der „Zukunft" heißt, ist eine völlig unbewiesene Behauptung! — Ich gebe zu, daß wir ostmärkischen Juden eine schwierige Stellung zwischen den kämpfenden nationalen Parteien einnehmen, und daß mancher im Hinblick auf diese schwierige geschäftliche und gesellschaftliche Stellung seinen Wanderstab weitersetzt, aber wir müssen unbedingt auch anerkennen, was anzuerkennen ist und jede Tatsache registrieren, die erkennen läßt, daß die Regierung uns in dieser schwierigen Stellung beisteht. Die ewigen Klagen — ich meine hier natürlich Nur die unberechtigten — die ständige Schwarzseherei ist nur geeignet, den Exodus unserer Glaubensgenossen, auch derjenigen, die unter anderen Umständen noch länger hier verblieben wären, aus der Ostmark zu beschleunigen und zu vermehren. Und welche Konsequenzen entstehen daraus? Hier hatten die Angehörigen des sogenannten jüdischen Mittelstandes zwar kein glänzendes, so doch ein anständiges. Auskommen, sie hatten durch die verschiedensten städtischen und staatlichen Ehrenämter eine angenehme soziale Stellung. Nun kommen sie nach der Großstadt! Und was wird hier aus ihnen? Nur die wenigsten, die Kapitalisten, finden hier einen entsprechenden geschäftlichen und sozialen Wirkungskreis, die anderen aber sehen in kurzer Mt ihre bescheidenen Ersparnisse schwinden, bis sie, die ehemaligen Chefs, Gott danken müssen, wenn sie eine bescheidene Stellung als Angestellter finden, während ihre Frauen und Töchter — die Söhne sind meistens schon vorher in der Großstadt — tüchtig Mitarbeiten müssen, um die hohen Kosten eines Haushaltes in der-Großstadt zu erschwingen. Wie vieleaber fallen schon wenige Jahre nach ihrer Ueberfiedlung in. die Großstadt der. jüdischen Gemeinde-Armenpflege zur Last^' die früher selbst Arme unterstützt haben! Das sind die Folgen der ewigen Schwarzseherei in der Lage der pst-' märkischen Juden. Und nicht allein sich selbst schaden diese freiwilligen Exulanten, sondern auch ihren zurückgebliebenen Glaubensgenossen, und das lassen gerade die bevorstehenden Wahlen, erkennen. Früher wurden die Juden der Ostmark „das Zünglein an der Wage" im Kampfe der nationalen Parteien genannt, und das mit Recht. Deutsche und Polen standen sich in ziemlich gleicher Stärke gegenüber, und die Stimmen der jüdischen Wähler gaben den Ausschlag. Heute ist durch den Zug nach Westen in manchen Orten unsere Stimmenzahl so gering, daß wir selbst im Bunde mit den deutschen Parteien . dem immer mehr vordrängenden Polentum nicht mehr die Wage halten können.. Wenn die Regierung das ebensogut erkennt wie wir und trotzdem die wenigen jüdischen Stimmen durch pflichtmäßige Gewährung unserer verfassungsmäßigen Rechte dem Deutschtum erhalten, nicht gewinnen will, — denn wir Juden der Ostmark waren immer gute Deutsche — dann sollten wir Juden das auch anerkennen und nicht immer von ungerechter Behandlung und behördlichem Antisemitismus sprechen, wenn es nicht nötig ist. Geht der Exodus unserer Glaubensgenossen aus der Ostmark so fort wie bisher, dann ist die Zeit nicht mehr fern, wo die Regierung auch nicht mehr nötig hat, uns aus politischer Klugheit zu schützen, weil wir ihnen bei Erreichung ihrer nationalen Ziele in der Ostmark durch unsere geringe Zahl nicht den geringsten Gegendienst leisten können. Und was dann? Darum möchte ich unsere Schwarzseher gerade im Interesse unserer bedrängten ostmärkischen Glaubensgenossen dringend bitten: „Ihr Weise, seid vorsichtig mit euren Worten!" Z’wi. ■ Brief aus Bosnien. Sarajewo, 17. Novembers eber die Huldigungsdeputation der bosnisch-herzegowinischen israelitischen Kultusgemeinden anläßlich der Annexion von Bosnien und Herzegowina haben Sie bereits kurz berichtet. Gestatten Sie einem Teilnehmer, Ihnen einen ausführlichen Bericht über den denkwürdigen Akt zu geben. Am Freitag den 13. d. M. 1 Uhr mittags wurde die Huldigungsdeputation unter Führung des Herrn Rabbiners Dr. Wessel und des Präses der Sarajewer-Gemeinde, des Advokaten Dr. Rothkops, in besonderer Audienz in der Hofburg empfangen. Als der Kaiser in den Aüdienzsaal getreten war, und von den Deputationsmitgliedern entblößten Hauptes begrüßt worden, bedeckten letztere das Haupt, worauf Rabbiner Dr. Wessel, der im Ornat erschienen war, den Segensspruch erst in hebräischem Urtext sprach, dann ins Deutsche übersetzte und daran einige Segensworte knüpfte, wobei Dr. Wessel die Hände über den Monarchen hielt. Die in tiefster Andacht und mit seltener Innigkeit gesprochenen Worte des Rabbiners lauteten: „Gelobt seist Du Herr, der Du von Deiner Majestät und Herrlichkeit mitgeteiltmenschlichem Wesen. Lege Du, o Gott, Deinen reichsten Segen auf das., geheiligte Haupt Deines Gesalbten, unseres heißgeliebten Kaisers und Königs; lasse Seine Majestät, unseren teuren Landesvater, noch lange, lange, beglückt und beglückend die Wohlfahrt Seiner Völker schirmen in Gesundheit, Kraft und Frische; lasse ihn im Lichte Deines Heiles wandeln und in des Friedens Fülle walten, Amen!" Der Kaiser hörte den Segensspruch gesenkten Hauptes an und war sichtlich ergriffen. Der Eindruck dieser Szene war ein imposanter, überwältigender. —. - 1