Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228847--65106-3277201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
v;: wi C^'^v.■^i!crv:f^-;'-‘*‘"v-;‘ ^'--' 7;.1 i'K},^- 77->^.7-. •.._.•■ . -•, 777. ^/^Glaubensfreiheit (47./30 April 1905), der die großen Reformen -'.r'-'einleiten-.'sollte. Aber auch-dieser ist der Reaktion immer ein / Dorn im Auge gewesen. Sie hat mit bestem Erfolge gewußt, -die diskretionäre Gewalt der Administration gegen ihn zu ^-.mobilisieren, und schon jetzt kann der Mas so gut wie ganz - v aufgehoben betrachtet werden. Denn von einer Freiheit des Bekenntnisses ist schon längst keine Rede mehr in Rußland, -y wie alle unvernünftigen Repressalien gegen die harmlosen - Sektanten aller . Orten beweisen. Jetzt tritt der Synod ganz - offen - für die endgültige Annullierung des Ukases aus. Sein - - Vertreter machte in der betreffenden Reichsdumakommission ' den Vorschlag, den Austritt aus der griechisch-orthodoxen Staatskirche, deren Privilegien berücksichtigt werden müßten, . - von einer vierzigtägigen Ermahnung seitens des Seelsorgers des Austretenden abhängig zw machen. Hierbei dürfe der Austretende nicht das Recht haben, sich dieser Ermahnung zu entziehen, widrigenfalls er von empfindlichen Strafen betroffen wird. Erst nachdem diese vierzigtägige Ermahnung furchtlos geblieben, erteilt der Seelsorger, dem Austretenden eine Bescheinigung, ohne welche der Betreffende in den Verband einer anderen Kirche nicht ausgenommen, werden darf. Es ist klar, worauf dieses Ansinnen hinausläust. Die Lage der Juden in Marokko wird durch folgende Mitteilung, die uns aus dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle zugeht, in dankenswerter Weise illustriert: Der Präsident des Zentral-Komitees der AllianceIsraelite Universelle, Herr Narcisse Leven, hatte am 16. Oktober durch Vermittlung des Herrn Iosue Corcus, dem Vorsitzenden der Israelitischen Gemeinde - von Marrakesch, dem angesehensten Israeliten im Süden Marokkos, einen Brief an den Großwesir des Sultans Muley Hafid gerichtet, ..um die Unterstützung dieses Würdenträgers bei der neuerlichen Eröffnung der Alliance-Schulen in Marrakesch zu erlangen, die infolge der jüngsten Wirren hatten geschlossen werden müssen, und um ferner die Abschaffung von. vexatorischen Verfügungen zu erreichen, die neuerdings gegen die israelitische Bevölkerung in Geltung gesetzt worden waren. Darauf ist an den Präsidenten Leven vom Großwesir nachstehende Antwort gelangt: „Marrakesch, 26. Oktober 1908. Si Madani Elmezuar El Glaui, Großwesir Seiner Scherifischen Majestät Muley Hafid. Sultan von Marokko, an Herrn Narcisse Leven, Präsident der Alliance Israelite Universelle in Paris. Ich habe die Ehre, den Empfang Ihres Schreibens vom 16. d. M. zu bestätigen, das Sie mir durch Vermittlung unseres treuen Freundes . Herrn Josus Corcos geschickt haben. Ich habe von allem Kenntnis genommen, was Sie mir geschrieben haben, und mache mir ein großes Vergnügen daraus. Ihnen zu sagen, daß ich durchaus nicht der Fanatiker bin, sals den die europäische Presse mich hinstellt. Ich bin im Gegenteil dafür, tatsächliche und gesetzliche Gleichberechtigung allen Wohlgesinnten zu gewähren, ohne Rücksicht auf Rasse und'Bekenntnis. Sie haben ohne Zweifel mittlerweile erfahren, daß ich sofort nach 1 meiner Rückkehr hierher alle notwendigen Maßnahmen getroffen habe, um die vexatorischen Verfügungen zu beseitigen, die in jüngster Zeit gegen .die Israeliten verhängt worden waren. Das ist mir auch, . Gott sei Dank, vollständig gelungen. Die Israeliten leben in vollkommener Ruhe und sind in der Medina (Araberviertel) ebenso sicher und wohlgelitten! wie-im eigenen Mellah. Es ist ihnen nicht ferner - verwehrt, im Araberviertel wie im Mellah ihre Babuschen (Schlapp- schuhe) zu tragen und zu Pferde zu steigen. Kurz, alles, was ihnen vordem' verböten war, dürfen sie heute in voller' Freiheit tun. Wir hoffen, daß sie immer zufrieden sein werden, und bitten den allmächtigen Gott, daß er uns helfe zum Besten aller. 7 Was die Wiedereröffnung Ihrer Schulen hier betrifft, so dürfen - Sie -sicher' sein, daß ich den Lehrern, die Sie schicken werden, alle . Unterstützung gewähren werdeum die Wiedereröffnung zu erleichtern. . Die Lehrer, §ie Sie schicken werden, sollen willkommen sein. Ich muß -Ihnen auch sagen, daß ich über das Vorhandensein Ihrer Schulen in unserem Reich sehr glücklich bin, und daß ich den den. israelitischen Kindern erteilten Unterricht immer bewundert habe. Es ist mir bekannt, daß Ihre Schulen einzig die intellektuelle und sittliche Hebung aller Ihrer Zöglinge zum Zweck haben und große Achtung vor allen Religionen lehren. Herr Corcos wird Ihnen sagen, daß ich sofort nach Kenntnisnahme von Ihrem Schreiben die beiden Stadtpaschas und den Pascha aus der Umgegend von Marrakesch — wo es viele Israeliten gibt — habe kommen lassen, um ihnen in Gegenwart des Herrn Corcos eindringlich zu empfehlen, sie 7 sollten tmr was irgend in ihrer Macht steht, daß die Juden nicht ferner miß handelt würden, und daß nichts zu ihrem Nachteil geschehe. Auch habe ich den Paschas die Schulen, ihre Lehrer und ihre Zöglinge empfohlen. Zum Schluß wiederhole ich: Ich bin ein Freund der Wahrheit und ein Freund der Gleichberechtigung aller. Wir sind voller Er» gebenheit für alle Europäer, ganz besonders für unsere lieben Nachbarn, die Franzosen. Ich muß Ihnen noch sagen, daß Seine Majestät unser erhabener Sultan Abdul Hafid voll gütiger Gesinnung ist für alle Welt, daß er das Wohl aller von Herzen wünscht, und daß Mes, was die Zeitungen in anderer Richtung über ihn erzählt haben, von Grund aus falsch ist. Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Präsident, die Versicherung meiner Hochachtung Si Madani Elmezuar El Glaui, Großwesir." w Kolmer Lriek. fir Ostmärker stehen wieder einmal im Zeichen der Wahlen: - Stadtverordnetenwahlen und in einigen Kreisen, auch Reichstagswahlen. Da ist es interessant zu beobachten, wie unsere Glaubensgenossen von hüben und drüben umworben werden, um ihre Stimmen „für die deutsche Sache" — so heißt ja wohl die Verbrämung konservativer Kandidaturen — zu gewinnen. „Difficile est satiram non scribere“ müssen wir ausrusen, wenn wir von unseren Gegnern all die schriftlichen oder mündlichen Versicherungen unserer altbewährten deutschen Gesinnung lesen und hören. Also plötzlich, über Nacht, sind wir Juden, „der Fremdkörper im deutschen Volke", wie man uns zu betiteln beliebte, gute Deutsche geworden. Und nicht allein .bei tönenden Worten bleibt es, man schwingt sich sogar zu Taten auf, um die Gemeinbürgerschast mit Juden öffentlich zu dokumentieren. Da wird eine neue Synagoge in einer mittleren Provinzialstadt eingeweiht, und — man höre und staune — auf besondere Einladung erscheinen der Herr Oberpräsident und der Herr Regierungspräsident; sie beglückwünschen die Gemeinde, nehmen an dem Festdiner, das die Gemeinde veranstaltet, teil, bringen Trinksprüche aus. Der Rabbiner erhält einen ansehnlichen Orden, kurz, es klingt märchenhaft, als handelte es sich um die Einweihung einerneuen evangelischen Ansiedlungskirche. So wird die Einweihung einer Synagoge von den höchsten Provinzialbehörden gefeiert! Freilich haben gerade unsere Glaubensgenossen in dieser■* Stadt allezeit ihre treue, deutsche Gesinnung gezeigt, ja sogar: materielle Opfer gebracht, als sie durch ihre Abstimmung für eine einschneidende Germanisierungsmaßregel den Ausschlag gaben und sich den geschäftlichen Boykott der Polen zuzogen, aber trotzdem möchten wir bei einem Rückblick auf das verflossene Dezennium, in welchem man von' oben her offen mit den Antisemiten liebäugelte, ausrusen: „Gepriesen. sei, der die Zeiten ändert!" Eine andere Maßnahme der Behörden verdient gleichfalls hier registriert zu werden, als Beweis für die Sinnesänderung dort. oben. Bei M ■ m •7