Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 566 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Noch eine andere Seite möchte ich betonen.- Haben wir einmal den vierstündigen Gottesdienst an den Neujahrstagen auf zwei Stunden beschränkt, so - verlangt die neue Gebetordnung natürlich eine neuemusikalische Gestaltung. Die durch Tradition geheiligten Gesänge könnten bleiben. Aber die jüdische Gesangskunst und die Entwicklung des synagogalen Gesanges sollen nicht brach gelegt, nicht unterbunden werden. Seit 30 Jahren nimmt man jüdischen Komponisten die Möglichkeit, die frommen Lieder unserer Dichter in Musik zu setzen. In der Kirche können die Kompositionen nicht aufgeführt werden, dazu ist die Synagoge da, und die Chordirigenten sollen sich nicht weigern, die Schöpfungen „begeisterter Leviten" der Gemeinde darzubieten. Wie ich erfuhr, wurde gerade jetzt eine Partitur ausgearbeitet, die den Gottesdienst „regeln", d. h. uniformieren, auf Jahre teils veraltete, teils nichtssagende Gesänge neben allerdingsbrauchbaren sanktionieren soll. Das scheint mir eine Versündigung gegen den Geist unserer Religion. „Singet dem Herrn ein neues Lied", ist der Befehl des Psalmendichters, und die ästhetischen Forderungen^ < die wir jetzt an eine Komposition stellen, sind von den vor drei Dezennien geäußerten Wünschen durchaus verschieden- < Nur beschränkter Sinn kann dem künstlerischen Schaffen Fesseln anlegen wollen, und auch die Umgestaltung des Gottesdienstes, die sich längst als notwendig erwiesen, wird sich nicht aufschieben lassen. Klugheit würde den Anforderungen beizeiten entgegenkommen, denn die Lauheit wächst und die Gleichgiltigkeit nimmt immer mehr überhand, wie jeder sehen kann, der die „Andächtigen" an den hohen Festen aufmerksam - betrachten will. Wr. Bit Woche. S Berlin, 25. November, elbst in dieser.ernsten Zeit haben die deutschen Antisemiten nicht den Humor verloren. Einer von ihnen jammert nämlich — man höre und staune! -- über die V.erjudung des preußischen Offizierkorps. Er ist sehr böse darüber, daß die liberale Presse immer wieder die Zurücksetzung der Juden im Heere auf das religiöse Gebiet hinüberspiele, und stellt in dem Organ seines Freundes Fritsch die entrüstete Frage: „Was hat die Religion mit dieser Tatsache zu schaffen? Da man aber immer-wieder das alberne Gerede von der „Religionsfreiheit", mit freisinniger Tunke übergossen, uns aufbinden möchte/ so muß schon oft Gesagtes immer wieder gesagt werden. Ein verstorbener alter Professor von sehr wohlwollendem Sinn (Carl von Lützow) pflegte das drastisch so auszudrücken: „Der Glaube ist uns einerlei — In der Rasse liegt die Schw .... rei!" Natürlich. Und solange mit diesem Rassenschwindel nicht gründlich aufgeräumt wird, ist auch keine Besserung zu erhoffen. Die neuen Edelmenschen, die von der Erneuerungsgemeinschaft herangezüchtet werden sollen, werden, wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen, und-bis dahin muß dieser Brave blutenden Herzens Zusehen, wie das deutsche Offizierkorps immer mehr „verjudet". Er schreibt nämlich: „Schwer ist es, keine Satire zu schreiben, wenn man weiß, wie das preußische Offizierkorps, das feudalste der Welt, im Fahrwasser des kaiserlich „neuen Kurses" durch Geld- (Li.ebes-)Heiraten in jüdischen Bankkreisen schon dafür sorgt, daß ins deutsche Offizierkorps, ins deutsche Volksheer das. Blut Judas aus erster Degeneration eingesührt wird. Beweist das nicht schlagend, wie „vorurteilsfrei" man im reaktionären Preußen geworden ist? Ach nein, von' einer „vorurteilsfreien" Auffassung kann dabei nicht im entferntesten gesprochen werden, wohl aber von einer blamablen Inkonsequenz der herrschenden Kreise. "Denn.r darin hat dieser grimme Feind der Rassenverschmelzung-aller-., dings. nicht ganz unrecht: Es^ zeugt weder von Konsequenz,- noch^ von Ehrlichkeit, alle bisherigen Bedenken gegen den Eintritt ' jüdischer Aspiranten u in das Offizierkorps , in dem Augenblick, fallen zu lassen, wo die Betreffenden ihre bisherige Religion abschwören.' Das preußische Ossizierkorps mag ja im' all-.^ gemeinen aus . gläubigen und frommen Anhängern des: -. Christentums bestehen. Einen solchen naiven Glauben, , daß-?- der schlichte Akt der Taufe bisher militärisch Untaugliche/- plötzlich mit allen Vorzügen kriegerischen Geistes begnadetwird man aber selbst bei. den Frömmsten -der. Frommen # schwerlich voraussetzen dürfen. £ Wie' auswärtigen - Blättern gemeldet wird, soll zuungunsten jüdischer Anwärter für die mittlere Beamte n - ' Karriere in Preußen ein Erlaß ergangen sein, dem zufolge jüdische Bewerber um die Stelle emes Regierungssekretärs; nur bei Erteilung einer besonderen Ermächtigung des Ministers berücksichtigt werden dürfen. Die ministerielle Genehmigung zur Anstellung eines Juden ist aber wohl noch niemals erteilt worden — ganz abgesehen davon, daß schon durch diese > Schranke von vornherein jüdische Bewerber solchen Stellen ferngehalten werden. Mag der Erlaß jüngsten -6der älteren J Datums sein, auf alle Fälle verträgt er sich durchaus nicht mit den Verfassungsgrundsätzen von der konfessionellen Gleich-; berechtigung und muß wieder aufgehoben werden. Bei öer Beratung der Beamtenbesoldungsvorlage im Plenum, des Abgeordnetenhauses bietet sich die beste Gelegenheit für die fortschrittlichen Abgeordneten, an die Regierung die Frage zu richten, ob etwa noch für andere Stellungen ähnliche rechtswidrige Beschränkungen bestehen und warum sie geschaffen sind. Die Regierung wird eine Antwort erteilen und die Beseitigung dieses Erlasses herberführen müssen. * Im ungarischen Parlament ist in diesen Tagen der Wahlrechtsausschuß zur Vorberatung der eingebrachten Pluralwahlrechtsvorlage gewählt worden. Während der Abstimmung weilten die meisten Abgeordneten in den Couloirs, wo es zu einem starken Wortwechsel zwischen dem Abgeordneten Samuel Kelemen und dem Publizisten Baron Jvor Kaas kam. Dieser kritisierte das Pluralitätswahlrecht des Grafen Andraffy hauptsächlich unter Berufung darauf, daß alle Juden auf Grund dieser Vorlage drei Stimmen erhalten und so bei den Wahlen dominieren würden. Darauf erwiderte Abgeordneter Kelemen erregt, daß die Juden ebensogute Patrioten seien wie sonst irgend, jemand, und daß sie sich übrigens in viel zu geringer Zahl befänden, als daß sie wirklich dominieren könnten. In das Gespräch mischten sich auch andere Abgeordnete, darunter Professor Kmety, welcher meinte, daß die Juden wohl gute Patrioten seien, nur müsse man bezüglich der Zionisten eine Ausnahme machen. Graf Andraffy' saß in unmittelbarer Nähe der Gruppe, in welcher die Diskussion stattfand, auf einem Sofa, sagte jedoch, wie die „Neue Freie Presse" schreibt, kein Wort, sondern lächelte bloß. — Derselbe Minister erklärte auf eine Anfrage, daß auch die Kenntnis, der hebräischen Sprache in Wort und Schrift das Wahlrecht verleihe. ' * In Nußland wird nun auch der letzte Rest der angekündigten Freiheiten zurückgezogen. - Stückum Stückder „Konstitution" ist gefallen, es blieb fast nur der Mas von der 2 <V 13 -r ,;