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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-27 · Heft 48 (27.11.1908) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. MM verIm/27. November 1908. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Khilipxson. Verlaes-lMMeu: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A b o n n e m e n t s - Pr e i s: durch Buchhandel oder Post (in Berlin n. Vororten durch unsere /verlriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. 'Redakteur: Gustav Rarxeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4S/4S, zu richten. Vertag von Rudolf Messe, Berlin. Der modernr jüdilchr Gottesdimlt. Berlin, 24. November, on angesehener Seite gehen-uns über diese Frage, eine der wichtigsten des gesamten religiösen Lebens, die nachfolgenden Ausführungen zu, die, wenn sie auch nicht in allen Teilen Billigung, so doch sicher allgemeine Beachtung finden dürften: Es kann im Rahmen eines Artikels unmöglich ein Bild der Entwicklung unseres Kultus gegeben werden. Wie die Reformen langsam und allmählich entstanden sind, darüber liegen eine genügende Anzahl von Berichten vor. Jede größere Gemeinde nahezu hat sich oft mühseliggenug einen zeitgemäßen Gottesdienst erkämpft, denn die Gedankenlosigkeit widerstrebt gerade auf religiösem Gebiet jeder Neuerung und wenn irgendwo, so gilt hier das Wort „der Ungebildete kann nicht frommj der Unwissende nicht gottesfürchtig sein". Es ist nicht zweifelhaft, daß für die jüdischen Interessen der ganzen Welt Berlin im Mittelpunkt steht. So werden wir uns in folgendem auch nur mit dem Gottesdienst in unserer Vaterstadt beschäftigen. Der erste moderne Rabbiner in Berlin war Michael Sachs. Zugleich war er der erste, der ein. modernes Gebetbuch herausgab. Wenn auch im Hebräischen Text nur grammatische Korrekturen vorgenommen wurden, so hat doch Sachs bisweilen eine so kunstvolle Uebersetzung hergestellt, daß sie für den unserer Volkssprache Unkundigen ein deutsches Gebetbuch vertritt. — Sein Nachfolger Joseph Aub ging weiter. Er reformierte das Gebetbuch und war bestrebt, die vielen Wiederholungen auszumerzen, wobei er gleichzeitig die Bitten um Rückkehr nach Jerusalem und Herstellung des Opferkultus durch neue, teilweise deutsche Gebete ersetzte. Aber auch dieses Werk erwies sich leider bald als nicht. ausreichend. Die Arbeit war zu schwer, als daß ein einzelner ihr hätte genügen können, und so wurde denn vor etwa 30 Jahren eine Kommission gebildet, welche eine zweibändige Gebetordnung herausgab, die noch jetzt im Gebrauch ist. Das jetzige Gebetbuch unterscheidet sich von dem Aubschen durch wesentliche Verkürzungen, bei denen als Prinzip fast durchweg gewahrt worden ist, nur solche Bitten aufzunehmen, die sich irchaltlich mit unserem Empfinden decken. ' Betrachten wir diesen dauernden Fortschritt in der Entwicklung unseres Gottesdienstes, so muß es uns wundernehmen, daß seither keinerlei Aenderungen eingetreten sind. Wohl wurden bei der-Einweihung der Synagoge Lindenstraße betont, daß man für dieses Gotteshaus ursprünglich einen deutschen. Kultus . geplant habe, um denen Gelegenheit zum Beten zu geben, die-die heilige Sprache nicht verstehen- — aber schließlich beschränkte man sich auf unwesentliche Aenderungen und führte sogar nach Jahren in der Synagoge Lützowstraße den gleichen Gottesdienst ein.-Ja, der Rückschritt ging noch weiter. In der neu erbauten Synagoge Rhkestraße (die entgegen dem Gutachten unseres Rabbinats die Orgel entbehrt) werden die Gebete nach altem Ritus verrichtet. Verwundert werden wir uns nach der Ursache fragen. Es ist Wohl die Lauheit und Gleichgültigkeit .-der gebildeten Kreise, die dem Fanatismus nicht entgegentritt. Die Fanatiker aber sind meist von auswärts hinzugekommen, und da ihr ästhetischer Sinn nicht gebildet genug ist, um die Schönheitsfehler des traditionellen Kultus wahrzunehmen, so bestehen sie auf Beibehaltung dep Gebete, an die sie sich gewöhnt haben. Der Außenstehende könnte die Frage stellenob wir ein Recht haben, die Gebete abzuändern. Man könnte ihm" ja und nein antworten. Man kann von niemandem verlangen, eine Bitte auszusprechen, deren Gewährung er für sein höchstes Unglück hält. Anderseits aber wird jedem Reformator, der in einem Gebet die ihm mißliebigen Worte streicht oder gar durch ähnlich klingende, aber einen ganz änderen Sinn gebende ersetzt, mit Recht Pietätlosigkeit und der Versuch zu täuschen, vorgeworfen werden. Es gibt nur einen Ausweg. Man streiche einfach die Gebete, die als nicht zeitgemäß erscheinen und führe statt dessen als wesentlichen Bestandteil unseres Gottesdienstes die Psalmen ein, die ändere Glaubensgemeinden scheinbar mehr-würdigen als die unsere. ’;; . - Eine Umgestaltung unseres Gottesdienstes erscheint mir als notwendig. Rein praktisch: Bei den großen Entfernungen ist es den Besuchern der Andachtsstätten oft nicht möglich, pünktlich zu erscheinen. An den hohen Feiertagen wird auch das Frühgebet nicht eindrucksvoll genug vorgetragen, und der Gottesdienst dauert zu lange, um die Andacht dauernd zu erhalten. Hier hieße kürzen die Frömmigkeit steigern. Im Augenblick, wo die Kommission beschlossen hatte, die Erinnerung an den Opferkult aus dem Debetbuch zu streichen, ist auch für den Gottesdienst die Einteilung in Schacharis, Mussaf, Minchäh (Neilah) und Maariw hinfällig geworden, .Und es kann etwa an den Neujahrstagen das Schacharisgebet für den. häuslichen und das Minchah (am Vorabend)'für einen separaten Gottesdienst bestimmt werden, während am Versöhnungstage durch Aufnahme von Psalmen die stimmungraubende Wiederholung^ einzelner Gebete gutgemacht wird. Auch deutsche Gebete könnten an den hohen Festen eingeführt werden, da ja leider nicht alle Israeliten die festtäglichen Benediktionen verstehen. — Wie ich mir einen nach diesen Prinzipien - ausgestalteten Gottesdienst denke, möchte ich in einem änderen Artikel auseinandersetzen und dabei zugleich -einenMan für den Gottesdienst am Sabbat und den anderen Festen geben. ----- i-/ ‘v LVK&sStfi. X&SCi)

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