Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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welche sich, mit ihren herzgewinnenden Worten hauptsächlich. a.n die Gegangenen richtete. Der Predigt war' als Text Ps. 107 V: 10—16 zugrunde gelegt. Gegen Schluß der Feier nahm Zustizrat Timen-- < dorfer das Wort um einerseits im Namen der jüdischen Gemeinde den Staatsbehörden den innigsten Dank abzustatten, für ihr hochherziges -Bestreben, den religiösen Bedürfnissen der jüdischen Gefangenen entgegenzukommen und für den jüdischen Gottesdienst in so ausgiebiger Weise zu sorgen. Anderseits betonte^er als^Vorsitzender der Fürsorgekommission den innigen Zusammenhang zwischen Seelsorge während der Strafvollstreckung und Fürsorge nach der- Verbüßung derselben. Der Besserüngszweck der Strafe' kann nur erreicht werden durch eine planmäßig durchgeführte Fürsorge für die Familien Inhaftierter und für die entlassenen-Strafgefangenen selbst.- Die gesamte Feier nahm einen durchaus würdigen Verlauf und machte auf alle Teilnehmer, besonders aber auf die Vertreter der Staatsbehörden und die Beamtenschaft einen wohltuenden Eindruck. §' Berlin. 17. November. Heute feiert der Generalsekretär des „Zentralverbandes Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"/ der allgemein geschätzte Herr Alphonse Levy seinen 70. Geburtstag. Alphonse Levy ist am 17. November 1839 in Dresden geboren. Er besuchtedie israelitische Gemeindeschule und das / Realgymnasium seiner Vaterstadt. Nach der Schulzeit erführen seine Studien durch die ihm verwandten Oberrabbiner Dr. Zacharias Frankel und Dr. Landau besondere Förderung. Er unterbrach seine kaufm ännische Tätigkeit, als ihm 1875 Hofrät Pabst und Kommerzienrat Reichärdt die journalistische Laufbahn an den „Dresdner Nachrichten" eröffneten. Nachdem er kürzere Zeit in der Redaktion der „Dresdner .Nachrichten" beschäftigt gewesen, war er 1881—1884 Redakteur der „Sächsischen Dorfzeitung" (Amtsblatt), und von da an bis 1893 Redakteur des' „Freiberger Anzeigers" (Amtsblatt). Durch die antisemitische Bewegung aus seiner Tätigkeit verdrängt war er vorübergehend im Bankfach -tätig, im Handelsteil des „ Berliner Tageblattes'' beschäftigt und schließlich Privatsekretär seines Schulfreundesdeshochsinnigen Alphons Jakobsohn in Leipzig. Seit Oktober 1894 ist er Generalsekretär des Zentralvereins Deutscher; Staatsbürger jüdischen Glaubens Und Herausgeber der Zeitschrift „Im Deutschen Reich". Von seinen vielseitigen literarischen Leistungen verdienen die Dichtungen „Äpselblütev", die Broschüre: „Erziehung der jüdischen Jugend zum Handwerk und zur Bodenkultur", „Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben", „Geschichte der Juden in Sachsen" und die Ausgabe der „Gesammelten Schriften Emil Lehmanns" besonders hervorgehoben zu werden. Möge es dem verdienstvollen Manne noch lange beschieden sein, zu wirken und zu schaffen! — Tilstt, 11. November. Einen schweren Verlust hat die Kreis- Synagogengemeinde Tilsit durch das Hinscheiden des Herrn Rechts-, anwalts und Notars Dr. jur. Nathan Grumach erlitten, der im besten Mannesalter am 7. d. M. aus einem reichgesegneten Wirkungskreise jäh abberüsen worden ist. Mit der Familie, der er der zärtlichste Gatte und beste Vater war, trauert unsere ganze Gemeinde um ihn, der als Vorsitzender unserer Repräsentantenversammlung fünfzehn Jahre hindurch mit seltener Unparteilichkeit, unbeugsamem Gerechtigkeitssinn, gepaart mit Milde und Versöhnlichkeit, die Sitzungen geleitet und für alle Interessen unserer Gemeinde aus sozialem und humanitärem Gebiete das wärmste Herz besessen' hat. Die Leiche wurde am 10. d. M. zur letzten Ruhe bestattet; die Kollegen des Verstorbenen, sowie alle richterlichen Beamten, die Gemeindevertretung, fast alle Gemeindemitglieder und eine große Anzahl von Freunden und- Bekannten des Verstorbenen aus allen Kreisen der Bevölkerung erwiesen dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre. Auf dem Friedhofe gab Rabbiner Dr. Ehrlich in eindrucksvoller Weise ein kurzes Lebensbild des so früh aus seinem Wirkungskreise Gerissenender in allen Burgertugenden geglänzt habe, dessen Tod eine ünausfüllbare Lücke, für die Familie und die Gemeinde sei- und dessen Andenken unvergeßlich sein werde.- Der Vorsitzende des Vorstandes der Kreis-Synägogengemeinde- Herr Dr. Rosenkranz, der langjährige Freund des Verstorbenenbrachte ihm im Namen seiner Freunde und im Namen der Gemeinde in wenigen, tiefempfundenen Worten die letzten Grüße und den Dank für alles, was er der Gemeinde und seinen Freunden gewesen» Have pia ähirna! Graudenz, im November. den etwa"'30 jüdischen Ge-' meinden Norddeutschlands, .welche die Anstellungs- und Versorgungsverhältnisse ihrer Beamten, geregelt haben, ist jetzt auch die Gemeinde /- Graudenz hinzugetreten. Durch einstimmigen Beschluß des Vor-A 7 standes, und der. Repräsentanten find' sämtliche Beamten 0er. >' genannten Gemeinde lebenslänglich angestellt worden, und zwarM die Herren Rabbiner Dr. I. Loewy, der Lehrer und Gemeindesekretär D. Mannheim, der erste Kantor: I. Bernstein und der zweite Kantors G., Rosemann. Gleichzeitig sind die Pensionsverhältnisse geregelt worden. Das Ruhegehalt beträgt nach 10 Dienstjahren 1/6, (auswärtige Dienstjahre zählen nicht mit), nach 15 Dienstjahren Vs, nach 20 Dienstjahren V4, nach 25 Dienstjahren Vg, nach 35 Dienstjahren V2 des zuletzt bezogenen Jahresgehalts. Diese Bestimmung wurde als Norm angenommen, mit der Maßgabe, daß sämtliche Gemeindebeamte die zehn Jahre im Dienste der Gemeinde stehen, ohne weiteres als lebenslänglich an gestellt gelten. Wenn die Pensionsverhältnisse auch nicht gerade als glänzend bezeichnet werden-können und die Reliktenversorgung noch der Regelung harrt, so muß doch 7 anerkannt worden, daß der Beschluß der Gemeindeverwaltung in Graudenz immerhin einen großen Fortschritt bedeutet und als solcher Z wohl geeignet ist, größere und mittlere Gemeinden, die sich noch nicht so weit aufgeschwungen haben, zur Nachahmung zu empfehlen/ Bei dem freundlichen Verhältnis zwischen Gemeinde und Beamten in Graudenz ist zu erwarten, daß sich im Laufe der Zeit die Versorgungsverhältnisse der letzteren noch weiter bis zur Grundlage der gesetzlichen Regelung bei Staats- und Kommunalbeamten entwickeln werden. n. Breslau, 12. November. Herr.Rabbiner Dr. Ferdinand Rosenthal hat unter allgemeiner Teilnahme am 10. dieses Monats seinen 70. Geburtstag gefeiert. Schon am Vorabend fand in der Storchsynagoge während des Hauptgottesdienstes eine besondere, von der Shnagogen-Kommissiön veranstaltete Feierlichkeit statt. Nach ein- '* leitendem Chorgesang hielt Rabbiner Dr. Deutsch eine Ansprache. Mit warm empfundenen Worten sprach er von dem Jubilar als dem Lehrer und Meister der Gemeinde,' dessen Leben ganz dem Gottes- . dienst, der Gotteslehre undder Ausübung - von Liebeswerken gewidmet sei. Keinem auf Philanthropie gegründeten Bestreben innerhalb der Gemeinde stehe er fern, er, der sich stets als Förderer der an ihn herantretenden Fragen sozialer Natur betätige. Auf das segensreiche, tatkräftige Schaffen und Wirken seines Amtskollegen näher einzugehen, müsse/er sich versagen, und so schloß er denn mit den treffenden Worten des Psalms:. „Der Gerechte, Palmen gleich blüht er; wie die Zeder des Libanon schießt er empor". Nach abermaligem Chorgesang betrat Rabbiner Dr. Rosenthal selbst die Kanzel, um, tief bewegt, der gerade an diesem Tage besonders zahlreich erschienenen Gemeinde und ihren Häuptern für die ihm zuteil ge- , wordene Ehrung, in der er in erster Reihe eine Ehrung seines Amtes und erst in zweiter Linie eine solche seiner Person erblicken möchte, seinen aufrichtigsten Dank auszusprechen, um ihnen zu danken für die Liebe und Treue, mit der sie ihn auf seinem bisherigen Wege; stets begleitet hätten, und wie er hoffe weiter begleiten würden. Am Geburtstag selbst begannen die Festlichkeiten schon in früher Morgenstunde mit einem Gesänge des Chors der alten Synagoge. Unmittelbar darauf begrüßte den Jubilar die Vertretung der beiden Kultuskommissionen der hiesigen Synagogengemeinde, an ihrer 'Spitze Stadtrat Marck. Ihnen reihte sich der Vorstand der Synagogengemeinde an, als dessen Sprecher Stadtrat Pringsheim eine namhafte Ehrengabe und eine Adresse überreichte. Und ■ dann kam Deputation auf Deputation; Ansprache folgte auf Ansprache. Dem Amtsbruder widmete Rabbiner Dr. Guttmann warme Worte der Anerkennung. Pastor Kittner sprach im Namen des Prinzeß Luisenheims und hob die Nächstenliebe des Jubilars hervordie nicht vor den Grenzen des Bekenntnisses Halt mache. Viele der Vereine überbrachten kunstvolle Adressen und Diplome als Ehrenmitglied. Eine Reihe von Stiftungen wird in Zukunft den Namen Dr. Rosenthals tragen. So stifteten der Verein zur Erziehung hilfsbedürftiger Kinder eine Freistelle in seinem neuen Heim, die Kranken- . verpstegungsanstalt ein Bett, der Zweigverein Breslau zur Förderung der Interessen der Taubstummen 1000 Mark, deren Zinsen ein armer Taubstummer jedes Jahr am Geburtstag des Jubilars erhalten soll-