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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-20 · Heft 47 (20.11.1908) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
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' „Ich sollte mich der Partei einer.jüdischen Selbstverteidigung 'anschließen?" Der .robuste1 Mann lachte laut und herzlich. ' „Nein, nein, ich bin ein Rechtgläubiger." „Ein Llesohummaä! (Abtrünniger)", rang es sich von Davids Lippen. Modern denkend, wie er war, überwältigte ihn doch der ererbte Abscheu vor den getauften Apostaten. „Ja — ich bin sicher genug," der Konvertit lachte; „ich habe die kalte Wasserkur gebraucht. Außerdem . bin ick der Zensor won' Milovka." ~ 1 , / „Was?" David sah aus wie ein in eine Falle geratenes ,< Tier. Der Zensor fuhr fort zu lächeln. „Nun, starren Sie mich nicht so an wie die anderen frommen Hanswurste. Man hat mir gesagt, daß Sie ein aufgeklärter junger Mann, ein - Geigenspieler seien. Sie werden doch wohl Ihr Judentum so wenig ernst nehmen, wie ich die Taufe? Kommen Sie — wir wollen ein Glas Branntwein zusammen trinken." „Sie werden mich also nicht verraten?" sagte David. „Nur in dem Falle, daß Sie aufrührerische jüdische Schriften verbreiten würden. Sorgen Sie, daß nichts von Ihren Pistolen in die Blätter kommt. Wenn ich auch für meine persönliche Sicherheit Sorge getragen habe, so bin ich darum doch nicht von Stein, wie diese tartarischen Teufel. Wirt, bringen Sie Branntwein. Wir wollen ein Glas zusammen trinken." „Ich — ich habe keinen," stotterte der Wirt. „Ich habe keine Berechtigung, Branntwein zu verkaufen." „Es gibt überhaupt keine Berechtigungen," sagte, der Zensor gutmütig. Der Wirt brachte rasch eine große Flasche herbei. „Diese Idee, mich, gerade mich dazu aufzufordern, der Samooborona beizutreten," lachte der getaufte Jude amüsiert. „Sie könnten mich mit demselben Rechte dazu auffordern/die Geige zu spielen." David fühlte, daß dieser Mann der erste sympathische Hörer sei, den er an dem Morgen gehabt. Der Branntwein und ein gutes Mittagessen von drei Gängen (Plotki als Fisch, Lokschen als Suppe und Zrazh als Fleisch) gab David neuen Mut, und er machte sich unverdrossen aus den Weg, um Rekruten zu werben. Diesmal suchte er zuerst den Markt auf es war ein schlechtgepflasterter viereckiger Platz, um den kleine mit Stallgebäuden untermischte Häuser standen und auf dem sich die grauen Kaftane der alten Juden mit den blauen Blusen der gottlosen jüngeren Generation mischten. Er hatte sich bisher nur an die höhern Klassen gewendet, nun wollte er die Stimme des Volkes hören. Man plauderte auf allen Seiten von der Duma, plauderte in so harmloser und vergnügter Weise, als ob dieses Wort einen neuen religiösen Reiz bedeute oder ein Zauberwort wäre. Trotz des allgemeinen Handelns und Feilschens und des Lärms des Marktes, führte man überall politische Gespräche. Er brauchte nur hinzuhören, um zu wissen, wie man ihm antworten würde. Ein Schmied, der eben einen neuen Hammer erhandelt hatte, knüpfte gleich ein politisches Gespräch mit dem Verkäufer an. „Wir muffen unser Vertrauen in die konstitutionellen Demokraten setzen," sagte er. „Warum in die Kadetten? Ich denke, die Demokraten sind sicherer." „Nein, wir müssen unser ganzes Vertrauen in den Zaren setzen," sagte die Frau des Rabbi, die an der nächsten Bude um Fische feilschte. „Schämt Euch, Rebbitzin, essteht geschrieben: - Wir -sollen unser Vertrauen nicht in Fürsten r setzen." Die Umstehenden wiesen den rothaarigen Metzgerburschen zur Ruhe. -; „Ihr elenden Monarchisten," zischte er, „wir Juden werden nicht eher Frieden haben bis die Republikaner . . ." „Eine Republik ohne Sozialismus," unterbrach ihn ein Mädchen mit einem Waschkorbe. „Wozu kann uns das nützen? Wartet bis die National-Sozialisten —"; „Wer anders als die Arbeiterpartei verspricht allen Nationalitäten gleiche Rechte," meinte ein Mädchen mit Brillen. „Vertraut der Trudowaja!" ' > „Zum Teufel mit den Arbeiterparteien," sagte ein mit . alten Kleidern handelnder Mann- „seht, wie uns die Bundisten betrogen haben; zuerst waren sie Fleisch von unserem'Fleische, nun sind sie es, die durch ihre Rücksichtslosigkeit die Pogrome provozieren." Der Schmied schlug mit seinem Hammer auf den Ladentisch. „Es gibt nur eine Partei, der wir vertrauen können und das sind die C. D?s," wiederholte er. „Bürger/ riefen gleichzeitig der republikanische Jüngling und das sozialistische Mädchen. „Stille, Kinder," ries beschwichtigend der Schammes,. „Heftigkeit führt zu nichts, selbst das Manifest in Wibörg war ein Irrtum. Als ein Mitglied der Partei der friedlichen Erneuerung —" „Friedliche Erneuerung," rief der Schmied, „wasein Jude will sich mit diesen Reaktionären vereinigen?" Ein Kosak gallopierte Plötzlich rücksichtslos, durch die dicht aneinander stehenden Verkaufsbuden; die Juden flohen wie Hunde vor ihm auseinander. , Das Mitglied der P. P. R. kroch unter einen Ladentisch. Selbst der Schmied verstummte. David wartete, bis der Kosak verschwunden war. „Friedliche Erneuerung," rief er dann, „die gibt es für Euch nicht eher, bis Ihr den Mut habt. Euch nicht mehr um die russische Politik zu kümmern und für Euch selbst zu kämpfen." „Ach, Sie sind ein Maximalist," sagte der Küster. „Nein, ich bin nur ein Minimalist. Ich wünsche nur das Minimum — nämlich, daß wir unser Leben retten möchten." Er verlangte zu wenig. Die armen russischen Juden, wie die reichen russischen Juden waren alle sehr damit beschäftigt, die Welt oder doch das heilige Rußland zu retten. Vollständig entmutigt, wanderte David um den Marktplatz und blickte in die ihm umgrenzenden Häuser; in einem der dunkelsten und schmutzigsten saß ein Flickschuster, der Schuhe besohlte und um den sich eine Schar unsauberer Kinder herumtrieb. „Friede sei mit Euch!" rief David ihm zu. - „Ich lebe immer - in Frieden," antwortete der Schuster vergnügt. David blickte auf die glücklichen schmutzigen Kinder. Er hatte gesehen, wie ihresgleichen grausam niedergemetzelt wurden. „Denken Sie nicht an die uns drohende Gefahr eines Pogroms?" fragte er. „Ich habe allerdings davon munkeln hören," sagte der Schuster, „aber wir Chassidim haben keine Furcht. Unser Wunderrabbi, dem die Macht über alle Sphären gegeben ist, wird nur ein Wort sprechen und —" „Ein Zra ddik ist in dem letzten Pogrom getötet worden," sagte David brutal. „Sie müssen sich dem Selbstverteidigungsbunde anschließen." Der Schuster ließ die Arbeit ruhen. „Was? Kämpfen wie ein Soldat? Nachdem ich das Glück gehabt, bei der Musterung eine hohe Nummer zu ziehen?"

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