Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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'Vortrag erschallt minutenlanger Beifall; Henriette Herz überreicht der gewaltigen Künstlerin einen Lörbeerkranz. Mit dem jungen Mäier-Beer wird ein förmlicher Kultus getrieben; in der „Spenerschen" singt man diesen begabten Jüngling folgendermaßen an: liebenswürdigen Kapitän, welchen .inan 'ln QuÄrLiem^hatte^' der so anmutige Konversation ' machte, ünd^ aüs'äeM. Goetheschen Werther so vortrefflich zu rezitieren verstand. Aber, im ganzen sind Jude und Christ froh darüber^ daß derErbfeind aus dem Vaterlande ist. „Auf/Deinen Genius, Der immer reiner glüht, Dem Grazien, von ew'gem Lenz umblüht, Die Göttermelodien senden. ' Ist wohl des Dichters Bildnis anzuwenden." MllLLeG^ In Boieldieus entzückender Operette „Tante Aurora", sitzt er mit Clarke und der Suite in einer Loge des Nationaltheaters, auf den Soireen des spanischen Botschafters Graf Pardo Figuera, der ältgriechische Gedichte übersetzt, mit der klassischen Literatur außerordentlich vertraut ist, begrüßt man ihn als' gern gesehenen Gast. Als Himmel wieder aus Gotha nach Berlin heimkehrt, veranstaltet man musikalische Abende bei Gumpertzens und Friedländers. Romberg, Himmel und der junge Maier- Beer wirken darin mit, der Erlös fließt den Armen zu. Denn die Zeit ist trostlos — Krankheitenwüten, — halbnackte Kinder betteln auf den Straßen, von den Ernährern verlassen, unzählige Nachfragen wegen fertiger Särge — der Franzos hat die Oberhand. — Feiert man Siege, den Namenstag des Kaisers, muß die Judenschaft gleichfalls Dankgottesdienste in der Synagoge veranstalten, die jüdischen Militärs in ihren glänzenden Uniformen, unter ihnen der Kolonel Wanderscheid, ein elsässischer höherer Offizier, welcher früher dem Stabe des General Gülin zugeteilt worden, und in Berlin geblieben ist, erscheinen dann während des Gottesdienstes. Und die Zeit verstreicht, der Frühling erscheint; in. den Zelten, beim Cafdtier Kämpfer im Tiergarten, fitzt man unter schattigen Bäumen bei der Schokolade, trinkt Rosoglio, gondelt über die Spree nach dem Moabiter Land, denkt dabei an den Prinzen Louis, das Wieselchen. Rahel Levin, welche mal wieder verreist ist, sie macht sich nicht viel aus den Franzosen, konversiert mit dem alten Moser, der so geistreich zu plaudern versteht, und kehrt dann wieder in die Stadt zurück, um Eis in den kleinen Zelten, Unter den Linden, zu löffeln. Am anderen Tage aber nimmt man Abschied von einander, da wechselt sich die neue, so bald verschwindende Einquartierung bei den Freunden, bei diesem scharmanten' Banquier Gumpertz. oder Friedländer die nötige neue Münze für ein anderes Land ein, wo man neue Gloire zu erringen hofft — man sieht sich hoffentlich nie wieder. In der Reisekalesche fahrt man zum Potsdamer.Tor hinaus, und der glänzende Elitehusar, von dessen Kalpak der rote, .goldverschnürte spitze Tuchzipfel so verwegen bis auf die Banderolle baumelt, trällert dazu das neueste Couplet: „Us se sont embrassds! Teiles sont les nouvelles; Dites m’en de plus heiles Si vous en conoissez. 11s se sont embrasses!“ Die französische Besatzung verläßt noch in diesem Jahre Berlin nun darf sich die Hauptstadt wieder eine echt preußische nennen. Man singt patriotische Lieder. Die Bethmann kredenzt bei Jettchen Herz feurigen Wein: „Frisch auf, ihr Preußen ringsumher, Schänkt alle Gläser voll. Und trinkt die Kreuze und die Quere Auf Vaterlandes Wohl." Nur heimlich, ganz heimlich denkt man doch Noch an diese traurige, fremde und doch eigenartige Zeit, an den kleinen, Ghrtto-lkomüdim. Von I. Za ng will. Gamooborona. '■ vi. . . . avid machte sich eilends davon. Sein nächster Besuch galt einem Nationalisten, der ihm erklärte, daß der Zionismus eine Karikatur des wahren Nationalismus und der Territorialismus ein billiges philantropisches Ersatzmittel dafür sei. ' ' /' „Aber weshälb wollen Sie dann nicht dem Selbstverteidigungsbunde unserer Nation beitreten V fragte - David. ' „Ich werde das tun — sobald wir ein eigenes Land haben werden; die Samodborona ist nur eine Karikatur der Militärpflicht." David fand ebensowenig Trost in seiner Unterredung mit einem Mitglied der Liga' zur Wahrung gleicher Rechte, das behauptete, das Heil der Juden sei nur durch Anschluß an diesen Bund zu finden. Es sei die einzige Partei, deren Erfolg gesichert sei, da sie auf einer unbedingten historischen Notwendigkeit begründet sei. Indessen sollte der Tag doch nicht vorübergehen, ohne daß es David gelungen warwenigstens einen Mann zu entdecken, der wirklich keiner Partei angehörte. * Seltsamerweise verdankte er diesen Fund den Kopfschmerzen, die diese unzähligen Parteien ihm verursacht hatten. Denn als er sich in eine Drogeriebegab, um sich ein Pulver geben zu lassen, wurde er von einem so freundlich ,, aussehenden rotbärtigen Juden bedient, daß er den Mut fand, diesen zu fragen, ob er in Aussicht des angedrohten Pogroms, die Samooborona mit einem Vorräte' von Bandagen und antiseptischen Mitteln versehen würde?" „Aber die Zeit der Pogrome ist doch vorüber," rief der Drogenhändler. „Sie waren die letzten traurigen Ausläufer eines fanatischen aber nun überwundenen Zeitalters. Die Herrschaft der Liebe beginnt und die Zeit ist nahe, wo die Menschen aller Rassen und jeden Glaubens friedlich unter der neuen Religion der Wissenschäft miteinander leben werden." Trotz des Pulvers fühlte David, wie seine Kopfschmerzen sich wieder heftig meldeten. Selbst ein Parteigänger würde sich eher überzeugen lassen, als dieser optimistische Träumer. „Ich sage Ihnen, daß. wirklich ein Pogrom für Milovka geplant wird." „Unmöglich! Ganz Europa würde sich dagegen auflehnen. Amerika würde es nicht gestatten. Man würde selbst in Australien dagegen opponieren. Sehen Sie doch nur in Ihren Kalender. Wir Haben nach christlichem Rechnung das zwanzigste Jahrhundert erreicht." David kehrte hoffnungslos in sein Wirtshaus zurück. Ein starker Jude stand dort am Ofen und wärmte sich/ Noch ehe er sein Mittagessen bestellte, machte er einen letzten verzweifelten Versuch, 'die Ehre des Tages zu' retten.