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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-20 · Heft 47 (20.11.1908) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
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mt, ftcf};mit diesen Eroberern gleichsam zu beschäftigen, ihre Eigenart kennen zu lernen. Namentlich sind es die jüdischen Staatsbürger, denn so dürfen sie sich jetzt nennen, welche von der französischen Einquartierung keine allzu schlechten Eindrücke empfangen, denn viele von diesen Eroberern sind ihres Glaubens: Da findet man in den öffentlichen Blättern Aufrufe von Verwandten, die im Auslande lebend, nun hier nach Mitgliedern ihrer Familie forschen, die in Deutschland, in Preußen geblieben sind. Sogar eine Verlobungs-Anzeige kündigt die Spenersche an, welche zum Nachdenken in dieser kritischen Zeit herausfordert, und die also lautet: - Meine Verlobung mit Mademoiselle Lore Hirsch aus Zehdnick mache ich allen meinen Freunden bekannt. Jsaac Chan, Sekretär des Marschalls Mortier aus Straßburg am Rhein. Berlin, den 9. November 1807. , Französische Offiziere verkehren gesellschaftlich vielfach in jüdischen Kreisen. Bei Mendelssohn, Gumpertz, Friedländer, David Hirsch, Bendix, bei dem Ober-Hofbanquier und Chaussee- Inspektor Isaak Daniel Jtzig, überall findet man diese Eindringlinge, aber sie benehmen sich taktvoll, bescheiden, das muß man ihnen lassen. Auch ihre Gegner. Diese Aeltesten der Judenschaft, die Friedländer, Hirsch, Bendix, vermitteln, beruhigen gleichsam beim Feinde; die Behörden, das Gouvernement leihen ihnen willig Gehör. Man hat auch in der anderen Bevölkerung eingesehen, daß das Schimpfen auf jüdische Mitbürger keinen Zweck hat, denn in diesen geistig hochstehenden Franzosen lebt etwas von der Freiheit, welche die große Sintflut heraüfbeschworen hat, lebt etwas von dem Geist des Weltbezwingers, ihrem Kaiser, jenem Napoleon, der den Juden Rechte gewährt hat, wie kein anderer Herrscher, der in Paris ein Jahr zuvor das große Sanhedrin einberufen hat, welches an der geistigen und physischen Befreiung seiner jüdischen Untertanen Mitarbeiten soll. Dabei ist man durch und durch patriotisch gesinnt, man gibt viel. In den Suppenküchen werden von der Judenschaft überaus reichlich die grünen Sechser-Bons verteilt, „unsere neuen Staatsbürger", heißt es in den öffentlichen Blättern, „zeichnen sich durch Wohltun aus — in dieser schweren Zeit möge man Einkehr halten in sich selbst — der Glaube in jeder Gestalt redet da für sich selbst." „Aus der Vernichtung des Staates erstand ein neues Dasein für die jüdischen Staatsbürger," sagt Geiger in seinem vortrefflichen Werk „Geschichte der Juden in Berlin", die Reformierung, die Gleichstellung begann. In den Freiheitskriegen opferten jüdische Männer Blut und Gut dem Vaterlande, die Nation wußte sich damals eins mit ihren jüdischen Mitbürgern. Wie safis nun in Berlin um jene Zeit aus — wie lebte man unter dem Druck der Verhältnisse? Kein Pferd, kein Esel war mehr in der preußischen Hauptstadt aufzutreiben, als die Schlappe von Jena die Berliner aus ihren Siegesträumen riß; eine allgemeine Flucht beginnt. Am 24. Oktober 1806 zogen die Franzosen ein. General . Gülin, wohnhaft Unter den Linden Nr. 7, ist Stadtkommandant. Am 27. Oktober zieht der Gewaltige, das Genie des Jahrhunderts, ein. An der Spitze seiner Garde reitet Napoleon durch das Brandenburger Tor, auf weißem Berberroß/in grüner Uniform; die Suite folgt, Marschälle in goldgestickten Röcken, die Mamelucken, Roustan, der . jugendlich verlebte Hieronymus, des Kaisers Bruder, der spätere König Lustik von Westfalen. Nun ist Berlin eine okkupierte Stadt. Fremde Menschen, bunte, glänzende Uniformen, hellblaue,1 rote Elitehusaren, himmelhohe Gardisten, langbärtige Sappeure, schneidige Nansoutysche Kürasfieroffiziere, den blitzenden Römerhelm auf dem Haupt, Voltigeure und schwerfällige Württemberger, sie alle rasseln durch die Stadt, verdrehen den Frauen und Mädchen die Köpfe, flirten in den Gesellschaften, denn man gibt solche bei den Reichen. Nur die Armen leiden unsäglich. Was helfen die Suppenküchen, freies Holz — wie soll man diese hungrigen, begehrlichen Mäuler stopfen, die Wein und Weißbrot in Hülle und Fülle genießen. Bouillonbäder nehmen und — namentlich die Rheinbündler zeichnen sich dadurch, aus — in den Betten mit dem Säbel herumstochern, daß die Federn fliegen! Auf dem Alexanderplatz floriert der Pserdehandel. Die Franzosen haben einen Ueberfluß an guten Tieren. Für ein bis fünf Taler kann man Pferde erstehen, die früher 100 bis 300 kosteten, den besten, fettesten Ochsen erhält man für drei bis fünfzehn Taler. Leinwand, Seidenballen, Uhren, Silberzeug ist für ein Spottgeld zu haben, Brot, Fleisch und Wein, welche Vorräte die Franzosen von der Stadtverwaltung erhalten, werden ebenfalls billig abgegeben. Die Bankiers verdienen enorm am Wechselgeld. Alle Münzarten kursieren, sächsische, österreichische, Konrant, Speziestaler, Gold. Im Gasthos zum goldenen Adler, am Dönhoffischen Platz, finden förmliche Geldauktionen statt — 100 Pfund niedersächsische Münze und Kurantsorten werden da für 100 Friedrichsdor verkauft. Es kommt ja nicht darauf an, in den Taschen den weiten blauen und roten goldbetreßten Pantalons klappert das Geld, und so ein Troupier hat hier fette Zeit. Die Berliner Straßenjungen betteln die Herren Franzosen an: „Un peureken Monsieureken“, — lachend werfen ihnen diese Kupfermünzen in die Mützen — man hat^s ja dazu. Die Bankhäuser Gumpertz, Schlesinger, Leffmann, Levi^s Erben, Mendheirn, Wolfs Levin besorgen alle Geldgeschäfte; mit den Behörden steht man sich vortrefflich, namentlich General Clarke ist ein humaner Herr. Von Rellstabs musikalischen Abenden und Theatervorstellungen in der Jägerstraße 18, geht man zu den reichen Beers und läßt sich dort vom jungen Jakob Maier etwas Vorspielen; Romberg führt mit ihm vierhändige Sonaten aus. Die jüdische Freischule wird von Clarke mit seiner Suite besucht, das Kuratorium macht die Honneurs. Zum Benefiz von Madame Schick findet am 2. Februar 1807 die erste Aufführung der Cherubinischen Faniska statt — ein glanzvoller Abend. Wiederum sind es da angesehene jüdische Mitbürger, welche in der Kunst gemeinsame Verbindung suchen. Im Herzschen Hause macht die schöne Hausfrau, Henriette, die Honneurs. Zusammen mit der Schriftstellerin Unger, die Verfasserin des pikanten Romans: „Seltne, oder die Franzosen in Berlin", waltet sie ihres Amtes am gastlichen Teetisch. So paart sich Bitteres und Süßes in dieser merkwürdigen Berliner Periode, in dieser rauhen Franzosenzeit. Man findet auch sriedliebende Gallier, die bis zum Abmarsch (1808), in schöner Harmonie mit ihren Gastgebern leben. Die Frauen sind es, die auch fiter beruhigend wirken. Zum Besten der Armen finden großartige Konzerte im Opernhaus statt; die Damen Fantozzi und Schick, die Herren Fischer, Franz, Gern, der Kammermusikus Boun wirken darin mit. — Madame Beer, Henriette Herz zusammen mit Friederike Bethmann haben das Arrangement übernommen, letztere rezitiert aus der Schillerschen Phädra; nach dem unübertrefflichen

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