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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-20 · Heft 47 (20.11.1908) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
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lassen sie gern aus dem Spieles ist eine Teilung der Gewalten, des Interesses eingetreten. Sonach gehört ihr auch nur ein Teil der 16 Stunden, die ich tagsüber wachend und arbeitend verbringe. Ich will und ich kann mir nicht zu den religiösen Uebungen so viel Zeit nehmen, als ich mir srüher genommen habe. Ich freue mich heute noch' immer, wenn mir eine .gute, witzige Deutung eines Bibelwortes einfällt, ich freue mich aber auch mit einem gediegenen naturwissenschaftlichen Buche, mit einem klugen Leitartikel, einem schönen Feuilleton. Einer, meiner Söhne ist Arzt, ein zweiter Techniker. Was müssen diese jungen Menschen zusammenlesett, um nur halbwegs auf der Höhe ihres Berufes zu bleiben! Ihre Frauen führen berechtigte Klage darüber, daß sie den Männern nur Mütter und Hausfrauen sind, daß sie zu einem gemütlichen Gedankenaustausch mit ihnen gar nicht kommen. Welche Rolle spielt heute die, Körperpflege in der Erziehung unserer Jugend! - Mit Unrecht vielleicht? War es vielleicht richtiger, daß ich als fünfjähriger Knabe von 8 bis 12 und von 2 bis 6 die Schulbank drücken mußte? Gewiß, es hat mir wenig geschadet, ich bin auch ohne „Jugend" ein kerngesunder Mensch geworden. Wieviele meiner Mitschüler aber sind schwache, verkrüppelte, schwächliche Menschen geworden, die bei rationeller Körperpflege sicherlich ganz anders sich entwickelt hätten! Können Sie es von mir verlangen, daß ich mein Kind, wenn es mit den Vorbereitungen für die Schule fertig ist, noch zum Studium eines Blattes Mischnajoth anhalte, statt zu einem Gange in Gottes freie, frische Lust? Im Ghetto war die Religion zugleich Bildung, heute ist die Religion auf ihr ureigenstes Gebiet verwiesen: auf das Herz; das geistige Leben ist ein .anderes Fach geworden. Ich kann es begreifen, daß der Verlust den Theologen schmerzlich berührt, aber zu helfen ist ihm nicht. Uebrigens, geehrter Herr Rabbiner, so sehr ich auch anerkenne, daß unsere religiöse Bildung die Judenheit geistig reis erhalten hat, ob sie der Religion selbst sehr zuträglich gewesen ist, möchte ich fast bezweifeln: etwas weniger Verstand und etwas mehr Naivetät wären für die Religiosität der Juden entschieden besser gewesen! — Dem Ghettojuden, der zumeist nur körperliche Arbeit im Erwerbsleben gekannt hat, war die geistige Tätigkeit die unentbehrliche Abwechslung und Nervenberuhigung; ausspannen hieß in unserer Väter Zeiten im Talmud blättern. Der heutige-Jude findet seine Erholung im Turnen, Sportüben, Reisen; das ist nicht Luxus, das ist der Selbsterhaltungstrieb unserer Generation. Summieren wir das alles, gelangen wir zu dem Resultate, daß unsere Zeit tatsächlich eine andere, eine neue geworden ist, daß infolgedessen auch unser religiöses Leben nicht so bleiben kann, wie es gewesen. Jedoch noch ein Weiteres charakterisiert unsere Zeit: der Zug nach Vertiefung der Lebenswerte, nach ihrer Erforschung und Ergründung. Die Kritik hat es allen Zweigen des Daseins angetan. Wir haften nicht mehr an der Oberfläche, sondern dringen bis zum innersten Kern jeder Frage. Auch in der Religion. Man durchforscht und studiert sie von allen Seiten, die vergleichende Religionswissenschaft hat die merkwürdigsten Ergebnisse zutage gefördert. Die Folge dieser Studien ist die allenthalben sichtbare Neigung, den Kern von der Schale loszulösen, das religiöse Leben zu vereinfachen, es von den kirchlichen Zutaten zu befreien und in seiner reinen Erhabenheit auf das Gemüt wirken zu lassen. Es geht, wenn ich nicht irre, in der Christenheit das Streben dahin, die Dogmen nicht nur zu retuschieren, sondern auch womöglich zu eliminieren, den Kirchenritus zu vereinfachen, zu verinnerlichen. Ob das dem Christentum gelingen wird, ohne sich selbst zu verlieren, hat uns ja nicht zu kümmern. Die Forderung nach Vertiefung aber, nach Vereinfachung und Verinnerlichung der Religion, hat das Judentum ja .anzugehen, und wir dürfen uns ihrer nicht verschließen. Da wir glaubensdogmatisch fast unangetastet bleiben können, wendet sich dies Bestreben unserem Werkdogma, dem Gesetze, dem synagogalen und häuslichen Ritus zu. Sie. sehen, Herr Rabbiner, in jeder Religion wird dort die Sonde angelegt, wo der Fehler, das Nebel wirklich steckt. Ist diese Uedereinstimmung Zufall und nicht notwendiges Erfordernis unserer Zeit? Manche sagen, dieser Zug der Zeit wäre nur ein vorübergehender. Das ist Selbsttäuschung. Dampf und Elektrizität sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Sollten sie einmal abgelöst werden, dann wirdes von Naturkräften geschehen, die der Technik noch höhere, interessantere Aufgaben stellen. Ebenso bleibt die Kritik unwiderruflich das grundlegende Element aller Geistestätigkeit und Forschung. In der Aufdeckung des Ursprungs aller religiösen' Riten und Bräuche wird uns manches zwingen, diesen Riten eine sehr sehr geringe Göttlichkeit zuzuschreiben. Ich weiß, daß es niemals aus den Ursprungs ankommen darf, sondern auf den realen Wert für Herz und Gemüt. Wer frägt danach, wie etwas geworden ist; wozu es gut ist, das ist die Frage. Wenn aber die Einsicht einkehrt, daß eine Gewohnheit zu nichts gut ist, eine Gewohnheit, deren Anfang auf Religionsgefühle zurückgeht, die uns vollständig fremd geworden sind, die uns abstoßen sollen, wie wir bei der Gewohnheit bleiben, nur weil sie Gewohnheit ist und die Trägheit der Menschen vor Aenderungen zurückschreckt? Ich will damit dem Kultus seinen großen Wert nicht absprechen. Unsere Weisen, die ihn und wieder das Gesetz ein Erziehunsmittel zur Religiosität nannten, haben nicht so ganz unrecht. Unleugbar setzt mich ein edler Kultus in lebendigen Kontakt mit meinem Gotte; die Weihe der Sitte,-des Brauches macht mich empfänglicher für die geistige Gotteswelt und weckt das schlummernde Religionsgefühl. Nur darf all dies nicht Religion sein wollen und hat nur solange Existenzberechtigung, als es seinen Zweck erfüllt: dem Menschen den Eintritt in die geistige Gotteswelt, den Bund mit der Religion zu erleichtern. Erfüllt der Kultus diesen Zweck nicht, beeinträchtigt er ihn gar,. dann ist er' unnützer, schädlicher Ballast: was mit solchem zu geschehen Pflegt, geschehen muß, sollen im Sturme Schiff und Mannschaft nicht' untergehen, weiß jedes Kind. Und will der Kultus mehr sein als Mittel, dann lasset uns ihn in die Schranken weisen und aus jenes Maß zurückführen, das ihm gebührt. Ich habe mich gerechtfertigt. Ich wollte Ihnen, geehrter Herr Rabbiner, vor allem den Nachweis bringen, daß nicht Uebermut mir die Feder in die Hand gedrückt hat, sondern ernste, durch Studium und Nachdenken gekommene Ueberzeugung. Berliner Juden vor hundert Jahren. Ein Kapitel aus der Franzosenzeit von Fr. Katt. as neue Jahr 1808 bringt noch keine große Veränderung in das Leben der preußischen Hauptstadt. Die Berliner haben sich an die Okkupation gewöhnt, an die Lasten der Einquartierung. Immerhin haben diese Gallier eine Umwälzung hervorgebracht. Tante Voß und Onkel Spener erscheinen französisch und deutsch, .auch damit hat man sich abgefunden. Eine stumpfe Resignation hat sich der Bevölkerung bemächtigt, man sängt

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