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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-20 · Heft 47 (20.11.1908) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
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wmm ZM MnfühO cuäenmnderseßt^ hätte ja in manchen ' -"'Dingen recht, aber wir müßten auf dem Boden der „geschicht- K' ^iHen Entwicklung" des Judentums 'stehen und die Einr ^eit des Judentums als kostbarstes Heiligtum schützen und 'behüten,' Aus siie „Einheit" hoffe ich später zurückzukommen, hier will ich der „geschichtlichen Entwicklung" einige Bemerkungen . .widmen. Die geschichtliche Entwicklung. v Das geistige Leben eines Volkes entwickelt sich aus innen heraus und durch äußere Anregung.. Eine gesunde Entsaltüng, eine Auslösung aller Volkskräste ist unbedingt auf beide Entwicklungsarten angewiesen. Oft, vielleicht sogar immer, ist der Anstoß voü außen wichtiger, entscheidender als 'das langsame, innere Wachstum. Wie im geselligen Leben 'stille, sonst langweilige Menschen auftauen, aus ihrer Reserve 'heraustreten, Geist und Witz zeigensobald sie in den Kreis anregender Menschen Eingang finden, so entwickeln sich auch 'Völker aus sich selbst heraus viel langsamer, schwächlicher, als im freundlichen oder feindlichen Verkehre mit anderen -1; Nationen.; " Im Kampfe gegen den kanaanitischen Götterdienst erstarkte der Jahve-Kult, der babylonische Astral-Kult machteJahve zum Schöpfer des Universums, und ohne das babylonische Exil wären Kultus und Gesetz nicht in den Vordergrund der späteren Prophetie getreten. Die griechische Philosophie stärkte in hohem Grade den ethischen Monotheismus, und die Römer haben uns vom Opserdienst befreit. Wohin wäre es mit dem - Judentum gekommen, wenn nicht R. Jochanan b. Zakkai das erlösende Wort gesprochen und die Opfer nicht durch Gebet und Liebeswerke zu ersetzen befohlen hätte? — Die Freiheit der Juden unter den Mohammedanern Spaniens ' erweckte'^bie jüdische Philosophie, und die politische Knechtung im Mittelalter war der eigentliche Schöpfer des Schulchan aruch und der Kabbala. Wenn das nicht alles Entwicklung auf Grund äußerer Einfiüsse heißt, dann möchte ich doch bitten, mir dafür den richtigen Namen anzugeben. Ob diese Entwicklung Zufall ist oder göttliche Fügung, wer könnte das entscheiden? Mein Herz erfüllt derart die Ueberzeugung von dem Walten Gottes in der Geschichte Israels und der Menschheit; ich bin so durchdrungen von dem Glauben, daß unser Judentum noch immer zum Dienste Gottes berufen sei, daß mir jede Phase.unserer Geschichte als ein Fingerzeig Gottes erscheint. Ist aber die Entwicklung des religiösen Lebens, nicht nur der Institutionen, sondern auch der Ideen, immer und überall abhängig gewesen von Zeiten und Verhältnissen, wie wagt man es, der Zeit unserer Gleichberechtigung, der bürgerlichen Gleichstellung, dieser Zeit der gewaltigsten Umwälzung in der Geschichte der Judenheit das Recht, auf unser religiöses Leben einzuwirken, rundweg abzusprechen? Warum soll gerade das 19. und 20. Jahrhundert den Einfluß nicht besitzen dürfen, den 4000 Jahre widerspruchslos besaßen? Man behauptet, unsere Zeit sei nicht religiös, und nur religiöse Menschen sollen das religiöse Leben.beherrschen und führen. So berechtigt der zweite Satz ist, so unwahr ist die erste These. Weil unsere Religiosität eine andere ist als.die unserer Väter war, kann man deshalb von weniger Religiosität sprechen? Früher hieß man religiös, wenn man ein tadelloses Opfer der Gottheit dargebracht hat, später, wenn man nie den Tempelgang versäumt und alle Gesetze peinlichst beobachtet hat, heute nenne ich auch den religiös, der von der Spitze eines Felsens\ im bewundernden Erschauern die Schöpfung Gottes Preist. Warum soll dieser nicht ebenso genannt.'werden.wie'.derMtzfetz^beobachler,. warum? Ich suche vergebens nach einem. vernünftigen Grund. Man behauptet ferner, folgerichtig sei nur die erschwerende Ent-' Wicklung, nicht die erleichternde. Auch das ist falsch. Man ' vergesse doch nicht, daß für unsere Vorfahren nicht nur Sabbat- und Speisegesetze Religion waren'; alles, alles war Religion. Hat man da nicht erleichtert? In den Ehegesetzen, in den Trauerbräuchen, in den Gesetzen über den wirtschaftlichen Verkehr, hat man da nicht erleichtert, nicht immer und immer wieder erleichtert? War diese Erleichterung berechtigt, warum sollte es nicht jede sein, die als ein zwingendes Gebot der Zeit gefordert wird? Gewiß, in den Zeremonialgesetzen haben wir bis zum vergangenen Jahrhundert,, sehen wir von den Karäern ab, kein ernsteres Streben nach Erleichterung zu verzeichnen. Aber auch keine bürgerliche- Gleichstellung und keinen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen Weltverkehr in. solchem Grade! Solange eine Religion in ihren Bekennern lebt, wirklich lebt, muß sie sich in ununterbrochener Entwicklung befinden, wie das Blut in unseren Adern unaufhaltsam pulsiert. Ein völliger Stillstand der. Entwicklung, der Bewegung, ist — der Tod. Die erschwerende Entwicklung des Judentums.ist endlich an einen toten Punkt angelangt; stille stehen hieße sterben, sonach ist die erleichternde Entwicklung eine Lebensbedingung des Judentums, und unsere politische Gleichstellung halte ich wieder für einen Fingerzeig Gottes, unser Judentum durch diesen äußeren Anstoß zu neuer, ruhmreicher Entfaltung zu führ.en. Blinde rmd Tore meinen, der Stillstand bedeute die Dauer. Müssen wir diese Torheit mit unserem religiösen Glücke bezahlen? ' Unsere Zeit. Nachdem mir so das Recht der religiösen Entwicklung im allgemeinen unumstößlich klar geworden war, ergab sich die nächste Frage von selbst: Warum hat „unsere Zeit" die Befugnis zu fordern, daß das religiöse Leben sich ihr akkommodiere?- Inwiefern macht sie es uns zur zwingenden Notwendigkeit, unser religiöses Leben ihr anzupassen? Viele halten das für eine Selbstüberhebung und meinen, die Zeit habe der Religion untertan zu sein, nicht diese ihr. Die Heiligkeit und Wirksamkeit der religiösen Riten fei nicht zuletzt die Folge ihres Alters : sie sind das Erbe der Jahrhunderte. Wenn der religiöse Brauch wie der Schnitt eines Rockes jeden Augenblick wechseln würde, hätte er gar keinen ethischen Wert. Und schließlich sind ja die Institutionen einer Religion die Formen, in denen die Ideen der Religion Gestalt angenommen haben, sie sind die Umsetzung der Theorie in die Praxis, des Gedankens ins wirkliche Leben. „Solche Institutionen erstehen immer nur in den akuten Stadien der Religion"; ist diese einmal Kirche geworden, dann ist ihr Gebäude für ewige Zeiten fertig, dann, darf an ihm nicht mehr herumexperimentiert werden. Zugegeben. Ich willvorläufig anerkennen, daß wir nicht die Fähigkeit haben, neu e Formen für das religiöse Leben zu schaffen. Ich habe aber auch gar nicht das Verlangen, statt der alten Formen neue zu geben, die einst abermals einen Kamps entfachen sollen, ich will ja unsere Religion von der Fülle der Formen befreien. Und diese Befreiung zu vollziehen, hat unsere Zeit ihr gutes Recht. Wohl fordere die Religion auch heute, daß sie ununterbrochen in uns walte und webe — das bleibt die ewige Forderung der Religion — aber unsere Zeit will nur, daß die Religion in allem sei, doch nicht alles sei. Das ganze Denken und Sinnen des Menschen gehört nicht mehr ihr. Kunst und. Wissenschaft sind nicht mehr ausschließlich in ihren Diensten. Politik und Soziologie

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