Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 558 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Milton, dessen- 300 jähriges Jubiläum im Laufe dieses^ Jahres 7 in ganz'England.'gefeiert werden-wird. / Plane konstruiert und ins Dasein gerufen worden. Er ist daher der Mann, der Millionen von Menschen den' Anblick von seltenen Kunstwerken verschafft' hat, einen Anblick, der wohl in aller Zukunft in ihrem Gedächtnisse bleiben wird. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier' auch die vielen anderen Dienste erwähnen, die verschiedene englische Juden der Entstehung und Existenz dieser Ausstellung geleistet haben. . Doch möchte.ich es nicht unterlassen, auf die Tatsache hinzuweisen, daß es nämlich ein Jude ist, der die schwierige Ausgabe unternommen hat, die Millionen von Menschen mit Speise und Trank zu versehen, die die Ausstellung besuchen. Der Name dieses unternehmenden Mannes ist Mr. I. Lyons, der' merkwürdigerweise nicht allein den Körper, sondern auch den Geist erfrischen kann, da er ein bekannter Kunstmaler ist und auch als Autor Von einigen lesenswerten englischen Novellen hier gewürdigt wird. Vor etwa einem Vierteljahrhundert, als die ersteü großen Verfolgungen der Juden in Rußland und Polen anfingen, da landete hier in England eine, beträchtliche Anzahl von jüdischen Familien, die aus den östlichen Ländern kamen, um hier eine Zufluchtsstätte zu finden. Diese Familien besaßen, mit. geringen Ausnahmen, weder Bildung noch Vermögen, und die einzige Sprache, deren sie sich bedienen konnten, war der sogenannte Jargon. Nun ist es aber eine merkwürdige Tatsache, daß verschiedene Söhne dieser armen Familien jetzt hier und da . im britischen Reiche als „ungetanste" Juden als Professoren, Aerzte, Kunstmaler, Bankdirektoren und auch in anderen Branchen menschlichen Wirkens und Schaffens hervorragende Stellungen einnehmen. Als einziges Beispiel davon will ich hier bloß den jungen Brodtzki ' erwähnen, der einer der besagten Familie angehörend, jüngst an der Universität in Cambridge den ersten Rang als Mathematiker (Senior Wrangler) erlangt hat. Eine solche seltene Auszeichnung sichert dem Besitzer derselben eine weitere glänzende Karriere auf akademischem Gebiete. Ein jüngerer Bruder desselben besitzt ebenfalls ein bedeutendes Talent für die höhere Mathematik. — Von Zeit zu Zeit, und namentlich alljährlich in der sogenannten „toten Saison", beschäftigen sich einige Autoren in den hiesigen jüdischen Blättern mit der Diskussion der Frage, was wohl die Ursache sei, daß an gewöhnlichen Sabbattagen der Gottesdienst in, fast allen hiesigen Synagogen von den Mitgliedern derselben so wenig besucht wird. Ist der Gottesdienst zu lang und ermüdend, oder sind die Predigten zu wässerig und der synagogale Chorgesang ohne Anziehungskraft, ohne die Begleitung der Orgel? Diese Gründe sind wohl zum großen Teile berechtigt, aber der Hauptgrund scheint wohl folgender zu sein. Die meisten Juden in England folgen den Sitten und Gebräuchen ihrer christlichen Mitbürger, und da die größere Majorität der letzteren den Kirchenbesuch nicht besonders patronisiert, so leidet auch die Synagoge in derselben Weise von ihren Mitgliedern. Dagegen sind aber die hiesigen Bethäuser recht voll von Besuchern während der jüdischen Festtage, und dieser Umstand zeigt es klar und deutlich, daß die englischen Juden, wie ihre Religionsgenossen in verschiedenen anderen Weltteilen, ihr Judentum mehr oder weniger aufrecht zu erhalten streben. — In meinem vorhergehenden Brief aus London zitierte ich die Bemerkung, die ein moderner hoher Würdenträger der englischen Kirche hinsichtlich des Einflusses machte, den die verschiedenen ersten englischen Übersetzungen der hebräischen Bibel auf die Sprache und Literatur des britischen Volkes ausgeübt habeü. Einen triftigen Beweis für die Richtigkeit der fraglichen Bemerkung liefert der große englische Dichter Als eifriger Leser der englischen Uebersetzungder Bibel hatte Milton schon in seinen jungen Jahren eine Hiebe für die Ursprache derselben bekundet, und es gelang ihm auch, sich bald ein ziemliches Wissen derselben anzueignen.. Und nicht allein zogen ihn die ethischen Ideen der hebräischen Bibel, die auf die Ausübung von humaner Liebe und Gerechtigkeit Bezug haben, mächtig an, sondern auch die schönen Poesiereichen Teile derselben. Und während seine literarischen Erzeugnisse einerseits vom Geiste der höchsten. Toleranz durchhaucht sind, die wohl die englischen Landesgesetze vorteilhaft beeinflußt haben dürsten, zeigen einige davon , anderseits, daß ihr Autor manche Stücke der Bibel mit großer Kunst und Geschicklichkeit literarisch verwertet hat. Viel bekannter sind ' wohl den Lesern dieses Blattes Miltons berühmte Epos „Paradise Lost“ und sein etwas weniger allgemein gewürdigtes Drama „Samson Agonistis"/ Diesen beiden literarischen Stücken liegen biblische Themata zugrunde, und in beiden bemerkt man die Meisterhand eines Dichters ersten Ranges, der etwas vom Geiste der alten jüdischen- Dichter in sich hatte.. In diesem Jahre wird hier auch ein zweites Jubiläum gefeiert werden, das für die englischen Juden von besonders großer Wichtigkeit ist. Dasselbe ist nämlich das 50 jährige Jubiläum der politischen Emanzipation der. Juden in England. Ich beabsichtige, in meinem nächsten Briese einige wichtige Details darüber zu geben, die die Leser dieses Blattes wohl einigermaßen interessieren werden. Gevankrn rinesLsim über dssIudentum. Veröffentlicht von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. . II. ■ Die fünf Bücher Mosis. er erste Anstoß zu diesen „Gedanken" kam mir von außen. Als ich zum erstenmal, von dem Pastor meines Ortes angeregt, Dillmanns „Genesis" las, warf ich bei den ersten Seiten das Buch ganz empört zu Boden. Die,' Ihnen vielleicht kaum glaubliche Erregung machte mich am selben Tage unfähig, meinen Geschäften nachzugehen, und der Schlaf mied meine Augen die ganze Nacht. Nächsten morgen nahm ich den Kommentar zur Hand. Ich hatte mich doch etwas beruhigt, betrachtete die Sache als. eine sonderbarem Kuriosität, wappnete mich mit einer ziemlich großen Dosis Ironie und las weiter. Bald wich die Ironie tiefem Ernste, ich verglich, ging den Quellen nach und wurde gläubiger — Bibelkritiker. Nicht etwa als ob ich ein blinder Nachbeter aller uferlosen Phantastereien der Kritik geworden wäre, aber an „tauro min haschomäjim“, an das Dogma von der buchstäblichen Göttlichkeit der Lehre Mosis, glaube ich nicht, und die spätere Fixierung der biblischen Kultvorschriften halte ich für ein unumstößliches Ergebnis der Forschung. Ebenso bin ich überzeugt, daß die anderen Teile der Bibel bis zu ihrer endgültigen Kanonisierung und Uniformierung Spuren jeder bedeutenderen Zeitströmung an sich tragen. Diese Erkenntnis führte mich natürlich Lur kritischen Betrachtung der Satzungen und Vorschriften des Pentateuchs und der nachfolgenden Gesetzessammlungen, die Betrachtung wieder zur Ueberzeugung von der Berechtigung der „Re-' formen". Als ich meinem Ortsrabbiner — einer der angesehensten „liberalen" Rabbiner Deutschlands — diese meine