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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-20 · Heft 47 (20.11.1908) · p. Seite 557

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 557 (sequence 5)
Language
German
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herrschen und unter deren Flagge segeln. So sieht, die Zukunft, au^, der wir entgegengehen, eine Zukunft, die jeder Vernünftige unter den obwaltenden Verhältnissen Voraussagen : koUnte. ' . . Doch wozu ,uns fremder Leute Kopf zerbrechen? Müßig wäre es auch,- jetzt darüber nachzudenken, wie es zu einem solchen Siege der Christlich-Sozialen in der letzten Wahlschlacht in Niederösterreich und speziell in Wien kommen konnte. Doch zu Nutz und Frommen unserer lieben Volks¬ und Glaubensgenossen, die, nach dem alten, ewig-wahren Worte des Propheten, der sie sehr wohl kannte, „blind sind, obgleich sie Augen, und taub, obwohl sie Ohren besitzen", wollen wir den Ursachen der höchst betrübenden Ereignisse, die noch ihren Einfluß werden geltend machen, ein wenig nachspüren, und wir werden wenig erbauliche Dinge zu hören bekommen. Um es kurz zu sagen, die Herren in Wien, unsere Hirten und Führer, stehen nicht auf der Höhe der Situation; wir machen keinen Unterschied zwischen den die Führerschaft schon glücklich Besitzenden und den sie Anstrebenden, zwischen den sehr Alten und den Alten einer-,' den Jungen, und Allerjüngsten anderseits. Die große Wahlschlacht steht « bevor, es steht sozusagen alles auf dem Spiele, und-die Herrschaften haben nichts Besseres zu tun, als sich zur der Antisemiten großen „Gaude" wie man in Wien, und zwar in Lerchenseld und Umgebung so schön und elastisch sagt, in die Haare zu fahren, auch wenn man sie, nämlich die Haare, nicht besitzt. Es ist kläglich zu hören, und in jüdischen und antisemitischen Zeitungen, siehe „Deutsches Volksblatt" und schwarze „Reichspost", zu lesen/weshalb die streitenden jüdischen Parteien ein solches Wutgeschrei anstimmen. Eine „Alinjan"-Frage war es, zu deren Schlichtung Antisemiten herbeigezogen wurden. Diese „Minjanim“, wie sie seit Jahren an den hohen Feiertagen in Wien abgehalten werden, eine Art Privatindustrie, um nicht Hausindustrie zu sagen, die von hungrigen Kantoren und Genossen rege betrieben wird, dienen allerdings nicht zur Hebung des Judentums in den Augen der Nichtjuden. Wurde da in einem nördlichen Bezirke Wiens am Neujahrstage ein solches „Minjan“ irgendeines Vereins ab geh alten. Die guten Leute hatten verabsäumt, die Bewilligung der Kahals-Gewaltigen n der Seitenstettengasse, dem Sitz der Wiener Kultusvertretung, einzuholen. Darob große Entrüstung der Herrschenden. Das „Ninjan" soll während des Gebetes aufgelöst werden. Die „Minjan"-Leute aber wenden sich an den antisemitischen Bezirksvorstand, der zum Schutze der ihre Andacht, trotz Ukases der Kahals-Gewaltigen, Verrichtenden zu Hilfe gerufen wird. . Fehler hier — Fehler da, und Fehler sind nach dem geistreichen Worte irgendeines Franzosen, wenn ich nicht irre, war es Voltaire, der es aussprach, ärger als ein Verbrechen. Diese „Minjan "-Frage wird nun von den jüngsten Oppositionellen gegen die Kahals-Wirtschast weidlich ausgeschrotet. Der Vorsitzende der Wiener Kultusvertretung wirst dieser etwas zu stark ins Feuer gehenden Oppositionspartei vor, sie treibe die .Geschäfte der Antisemiten; ja, er läßt sich dazu Hinreißen, sie stehe mit den atisemitischen Blättern in enger und reger Verbindung. In einer der letzten, sonst so lammsruhig verlaufenden Sitzungen des Wiener Kultusvorstandes kommt es zu Erscheinungen, die lebhaft an die in der Wiener Rathausstube oder an die des Prager Landtags erinnern. Ein Herr Kultusvertreter, Millionär und in. seinen Mußestunden das sehr nährende Bierbrauereigewerbe betreibender Großindustrieller, ruft einem allzu hitzig werdenden Oppositionellen ein nicht gerade ästhetisch zu nennendes Schimpfwort zu, daß man gewöhnlich kleinen Buben gegenüber gebraucht, und das sich aus gewisse Bewohner .des. Kopses bezieht, wenn dessen Reinigung nicht mit tunlichster und notwendiger Gründlichkeit vorgenommen wird. So schlagen sich die Herren gegenseitig. ins Antlitz, während „Hannibal", hier der Christlich-Soziale, „ante portas" droht und sich vor Lachen, wie man bei uns zu sagen pflegt „ausschüttet" ob dieser rührenden. Einigkeit der Juden. — Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, diese gegenseitige Zerfleischung habe manchen Juden bewogen, der herrschenden Partei die Stimme zu geben, denn sonst wäre ja ein Wahlsieg Luegers in der Leopoldstadt und der Wiener City doch schwer zu erklären. Und ein solcher Sieg mit einer so großen Majorität! Man hat eben wieder den verhängnisvollen Fehler begangen, durch den wir schon soviel zu leiden hatten: Sonderinteressen über die Gesamtinteressen zu stellen. Das Feuer der Zwietracht, das in der Wiener Judenschaft lodert, wird natürlich von manchen Zeitungen noch angefacht, welche durchaus den Herrschenden recht geben, ohne zu bedenken, daß es doch wahrlich dem. Judentum gar nicht schaden könnte, wenn in der Wiener; und anderen Kultus-Gemeindestuben auch einige Herren von der Opposition säßen. Es war ein gewiegter englischer Staatsmann, wenn ich nicht irre, hieß er Palmerston, er kann auch anders geheißen haben, der das Wort sagte: „Wenn ich keine Opposition hätte, ich würde nur eine solche schaffen." Das wollen unsere Machthaber nicht einsehen, die Verblendeten halten es wohl für besser, wenn man sich erbitterte Gegner schafft und, zum Hellen Jubel unserer Feinde, in Streit und Zwietracht liegt. , Wir haben einen der Gründe für den Sieg der Antisemiten in Wien angeführt. Und die Listen der „Uebertretenden" mehren sich. Jüngst ist die Tochter eines früheren Wiener Kantors, den wir noch selbst an den „furchtbaren Tagen" vorbeten' hörten, eine wegen ihrer Streitigkeiten mit der Hosoperndirektion bekannt gewordene Sängerin, für die „liberale" Zeitungsjünglinge die bekannten „Lanzen brachen", aus dem Judentum ausgetreten, in dessen Mitte ihr Vater den „l1ne38an6 Tokof“ mit Andacht vorbetete. Sie hat einen steirischen, katholischen Großgrundbesitzer geheiratet und ist jetzt „zu Schiff" nach Amerika, um dort Proben ihrer Gesangskunst zu geben. — Die Zeichen, die „protdigia“ für das Judentum sind ominös. Wann kommt für unsere Krankheiten der Tag der Besserung? Jwri. Sriek aus London. E Von Reverend Dr. Chotzner. ine interessante Bemerkung wurde jüngst in einem lokalen Blatte von einem hiesigen bekannten und erfahrenen Musikkritiker gemacht. Er sagte nämlich daselbst, daß gute und klassische Musik in etwa zehn Jahren hierzulande eine unbekannte Größe sein würde, falls die Juden in toto England verlassen sollten. Im letzteren Falle, meint er auch, würden die hiesigen Theater einen erheblichen Verlust erleiden, da sie den Juden nicht allein ein beständiges Patronat, sondern auch mehrere Mitglieder beider Geschlechter zu verdanken haben, die hohe künstlerische Talente besitzen. Merkwürdig ist auch die Tatsache, daß die jetzt hier bestehende englisch-französische Ausstellung, die in vielen Beziehungen alle früheren Ausstellungen bei weitem übertrifft, ihre eigentliche Existenz vorzugsweise dem Erfindungsgeift, der Energie und Liberalität von Juden zu verdanken hat. So ist zum Beispiel der Urheber der fraglichen Ausstellung ein ungarischer Jupe namens Jmre Kiralsy, und alles Schöne und Bewunderung Erregende darin ist nach seinem genialen M dirittÜÜ

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