Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zentrum der Bedeutung des gegenwärtigen Prozesses beruht nicht auf dieser oder jener Ansicht zu der jüdischen Frage." Der Redakteur wurde zu einem Jahre Festungshaft verurteilt. Unter dem Titel: „Im Gebiete der Aufklärung", bringt der „Njetsch" folgende haarsträubende Geschichte aus dem russischen Leben. Wir geben sie hier wieder,-ohne irgendeinen Kommentar hinzuzusügen. Unsere Leser mögen selbst ihr Urteil fällen. Der Verfasser dieses Aufsatzes erzählt uns tief ergriffen folgendes: „Ich kann mich des Eindruckes, den die Erzählung eines'Landsmannes, der soeben aus Odessa nach Petersburg kam, auf. mich hervorbrachte, nicht erwehren. Ein junger Mann, namens Fich, beendigte glänzend, „mit einer runden Fünf" (das ist die höchste Note in den russischen Lehranstalten) die Realschule in Elisabethgrad, und ebenso glänzend trat er, nach einem Konkurse, in das Kiewer Polytechnikum ein. Es zog ihn dennoch von den Fachwissenschaften zur Universität, und nachdem er zwei Jahre im Polytechnikum verbrachte, legte er, wiederum mit der Note Fünf, die Prüfung in der lateinischen Sprache ab, die das Recht gibt, in die Universitäteinzutreten. Fich ist — ein Jude, und deshalb, trotz seiner ausgezeichneten Diplome, seiner Aufnahme nicht ganz sicher; und da ihm, beim Austritt aus dem Polytechnikum, die Militärpflicht droht, so suchte er die Vakanz eines Freiwilligen in einem Regiments. Man sagt, daß es den Juden sehr schwer fällt, und nur mit großer Mühe gelingt, eine solche Vakanz zu erhalten, und daß man jemandem dafür Geld bezahlen muß — ich weiß nicht ob gesetzlich oder ungesetzlich. Aber Fich gelang es dennoch — ein solches Glückskind war er. Der Dienst der Freiwilligen ist viermal kürzer als der eines gewöhnlichen Gemeinen, und alle Gedanken Fichs waren nicht auf das Gewehr, sondern aus Bücher und Vorlesungen gerichtet. Er besuchte den Kurator des Odessaer Lehrbezirks, Professor Tscherbakow, und den Rektor der Neurussischen Universität, Professor Dr. Lewaschew. Und auch hier lächelte ihm ersichtlich das Glück: Herr Tscherbakow sprach sich ihm gegenüber aus, allerdings freilich bloß als seine Meinung, es sei mit einem solchem Diplom unmöglich, daß man ihn in die Universität nicht aufnehmen solle. Herr Lewaschew antwortete ebenfalls zustimmend und nahm sogar von ihm 25 Rubel als vorläufige Einzahlung. Ungemein erfreut trat Fich von der Vakanz eines Freiwilligen zurück, welche unverzüglich auf einen anderen Konkurrenten übergeht. Es vergehen zwei Tage, und Fich geht mit sicheren Schritten in die Universitätskanzlei, um sich definitiv als Student immatrikulieren zu lassen. Dort sagt man ihm, daß er nicht die Studentenkarte, sondern seine 25 Rubel zurückerhalten könne und, wohin er wolle, gehen möge, da ihm die Aufnahme in der Universität verweigert würde. Es erwies sich, daß die Baronin Kaulbars, die Gattin des Oberkommandierenden des Odessaer Militärbezirks, bei Herrn Lewaschew war und ihm ihren Kandidaten empfahl, einen nicht so tüchtigen in den Wissenschaften wie Fich, aber augenscheinlich auf einem anderen Gebiete begabteren. Fich unterlag nach dieser Begebenheit dem Dienste als Soldat auf zwei Jahre: Er war verheiratet und hatte ein Kind. Der schmerzliche Wandel von der nahen Verwirklichung seiner Phantasie zur Perspektive einer zweijährigen Kaserne und dem Hungern feiner Familie, welche er als Student durch Stundengeben oder auf andere Weise hätte unterstützen können, brachte Fich aus dem Gleichgewichte seiner Seele, und in einem Landhäuse, welches in diesem Falle gerade nicht den passenden Namen „Die Erquickung" trägt, vergiftete er sich mit Blausäure. Die Leiche wurde sofort in das gerichtlich-medizinische Kabinett der Universität zur Sezierung gebracht. Diesmal, und in dieser Form versagte ihm die Neurussifche Universität die Aufnahme nicht." GAK-- Lriek aus Mlterrrich. November 1908. er Ausfall der niederösterreichischen, speziell Wiener Landtagswahlen muß jedem Juden zu denken geben. Eine solche Niederlage der vereinigten „liberalen Demokratenpartei" hat wohl selbst der ärgste Pessimist — und an diesen fehlte es wahrlich bei uns nicht — vorauszusagen gewagt. In I er Wiener Leopoldsladt und im Stadtbezirke konnte kein Kandidat der „Freisinnigen" durchgebracht werden, das heißt, in jenen Bezirken, die zum großen Teile von Juden bewohnt werden. Wer darüber den Verstand nicht verliert, der hat fürwahr von diesem Artikel, der heute freilich' sehr rar ge- . worden zu sein scheint, nicht mehr viel zu verlieren. Hat dies noch vor einigen Jahren jemand geahntdaß die Lueger- Partei Siegerin sein werde auf allen Feldern der Wahlschlacht? Jetzt haben die'Christlich-Sozialen, diese von Tag zu-Tag mächtiger werdende Partei,. Niederösterreich, das Stammkronland der alten Monarchie erobert; sie werden vielleicht als einzige Partei in die Wiener Landstube einziehen, und Fürst Liechtenstein, „der schwarze Prinz" genannt, wird in dieser Heerschau halten über seine Getreuen — die anderen, die Wenigen werden das „vae victis“ zu hören und zu fühlen bekommen. Wir stehen, wenn nicht alles trügt, am Vorabend neuer, einschneidender Ereignisse, die wir Juden wohl zunächst an unserem Leibe spüren' werden. Und diese Ereignisse' werfen bereits ihre schwarzen Schatten voraus. Die Folge der christlich-sozialen Wahlresultate ist zunächst die Demission des Gesamtkabinetts. Freiherr von Beck geht, der größte Ministerpräsident, und , jedenfalls der an Erfolgen Reichste, den Oesterreich seit 1867, . das ist seit dem Jahre, in dem wir die Verfassung erhielten, besessen. Erinnern wir nur daran, daß sein Name mit der neuen Wahlordnung für alle Zeiten verknüpft ist. In seinem Ministerium saßen hochbegabte, freiheitlich gesinnte Männer; wir erinnern nur an den Unterrichtsminister, der das große Werk der Schulreform schuf, wenn sie auch, vom Standpunkte des Juden gesprochen, gerade nicht, als Judenfreunde bezeichnet werden können. Doch wollte man diese heute finden, ich glaube, selbst in der Nähe des Südpols würde man sie ' vergebens suchen. Aber seien wir gerecht. Nicht allein dem Anstürme der Portefeuilles hungrigen Christlich-Sozialen wich das wahrhaft volkstümliche Ministerium Beck. Es müßte auch wegen der ewigen Streitigkeiten zwischen Deutschen 'und Tschechen, welche die Prager Landtagsstube mit ihrem Huronenlärm erfüllten, die Segel streichen. Man spricht auch von Machinationen jener hochadeligen Gruppe, welche in Oesterreich noch immer großen Einflusses sich erfreut, der die Erfolge Becks ein Dorn im Auge waren, und welche seine Lorbeeren nicht schlafen ließen. Ist jemand gestorben, so ist es müßig, darüber zu streiten, an welcher Krankheit oder an welchem. Arzte — sit venia — er zugrunde gegangen. Ins Leben ruft man den Toten doch nicht zurück. Und so ist es denn überflüssig, jetzt darüber zu disputieren, warum Beck gehen mußte. Sicher ist eines: sein Nachfolger Bienerth steht in näheren Beziehungen zu den Christlich-Sozialen als der frühere Ministerpräsident. Ob aber dieser Nachfolger imstande sein wird, die österreichische Quadratur des Zirkels oder, wenn Sie lieber wollen, das Problem des österreichischen kerpetuum mobile, das ist die^ Nationalitätenfrage zu lösen, bleibt eine Frage der Zukunft. Propheten, wie wir schon sind — und diese waren ja seit Jeremia und Jesaias meist Pessimisten — wagen wir zu behaupten, daß kein Riese eine Frage zu lösen vermag, wenn jede der streitenden Parteien behauptet, sie habe recht. Wie viele Minister scheiterten bereits in Oesterreich an dieser Klippe? Wollten wir sie aufzählen, würde die Zeit vergehen, und wir kämen doch nicht zu Rande. Man will jetzt zu dem alten Mittel der Koalition greifen, ein parlamentarisches Ministerium bilden aus Deutschen, Tschechen und Christlich-Sozialen.' Wir gehen wohl nicht irre, wenn wir die letzten als die ersten anführen, denn wohl ohne Zweifel wird das künftige Ministerium, wie immer es auch heißen möge, unter dem Banner Liechtensteins und Luegers — eine verzweifelte Alliteration -7i >