Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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7Z..Jahr2ang. Nr. 46. Berlin, 13. November 1908, ' Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Audentnm^". SorrrlpanÄrn?en und Kachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 2. November. In der Repräsentanten-Ver» sammlung vom 24. Oktober wurden außer den bereits mitgeteilten - Vorlagen noch die Rechnungsabschlüsse des zweiten Waisenhauses, der Armenkommission, der Zentralstelle' für die Wohltätigkeitsanstalten, . der Waisenkommission, der Altersversorgungsanstalten, der Bau- .kommission und der Synagoge Lützowstraße zur Erledigung gebracht. . Aus diesen Vorlagen geben wir nachstehend noch einige interessante Notizen. Der für das zweite Waisenhaus etatmäßig vorgesehene Gemeindezuschuß belief sich ans 45 260 Mark, die Ausgaben betrugen 45 117.60 Mark. Die Durchschnittsfrequenz betrug 57,5 Zöglinge. Die Gesamtkosten jedes einzelnen Zöglings stellten sich auf durchschnittlich 784.65 Mark (im Vorjahre 784.58 Mark). Für Beköstigung der Zöglinge wurde aufgewandt pro Kopf und Tag 61,20 Pfennig. - — Die Einnahmen der Armenkommission beliefen sich auf 202 098.30 Mark, die Ausgaben auf 201 846.12 Mark, die Ausgaben des Fonds für verschämte Arme auf 38 394.90 Mark. Die Kommission erledigte in 195 Sitzungen ihre umfangreichen Arbeiten. Von den eingegangenen 5811 Unterstützungsgesuchen wurden 3689 mit einmaligen, 445 mit laufenden Unterstützungen berücksichtigt; 1777 Gesuche wurden abgelehnt. An den Fonds für verschämte Arme wurden 484 Gesuche gerichtet, davon wurden 305 berücksichtigt, 171 abgelehnt und 8 zurückgezogen. Zum erstenmal wurden 201 Bittsteller vorstellig, darunter 194 (U) verschämte. Die Stadt Berlin gab auf Empfehlung * der Armenkommission Unterstützungen an 107 Personen im Betrage von 8740 Mark. Von der Stadt erhielt die Kommission zur Verteilung an Bedürftige 5236 Mark. Sehr häufig konnten die Bedürftigen an die Ärbeiterkolonie in Weißensee und auch an den Arbeitsnachweis überwiesen werden. Die einmaligen Unterstützungen erreichten die Summe von 84 092.90 Mark, an 285 Personen würden Unterstützungen zu Badekuren gewährt. Von den Tagesvorstehern wurden an 1075 Personen kleinere Beträge bis zu 3 Mark bewilligt. Zur Beköstigung wurden 858 Mittagsmarken und 752 Abendmarken ausgegebett. An freiwilligen Beiträgen gingen für die Armenkommission ein 16 827 Mark, wovon der Armenkommission 11 239 Mark und dem Fonds für verschämte Arme 5588 Mark überwiesen wurden. Die Einnahmen aus Geschenken zu laufenden Ausgaben waren wesentlich geringer als im Vorjahr. Die gegen das Vorjahr wesentlich höheren Ausgaben zu laufenden Unterstützungen war .die Kommission bemüht, möglichst herabzusetzen, durch Heranziehung der Unterstützungs- . verpflichteten, besonders der städtischen Gemeinden. Das Vermögen der Armenkommission beläuft sich auf 1 181423 Mark. Besonderen Dank spricht die Armenkommission noch Herrn Moritz Mänheimer. aus, der auf Antrag zahlreiche Pfleglinge in der Lungenheilstätte zu Vogelfang in Freistellen untergcvracht hat. — Die Einnahmen der Waisen-Kommission pro 1907/08 beliefen sich einschließlich des Gemeindezuschusses von 50 000 Mark auf insgesamt 59070.75 Mark, die Ausgaben auf 58 716.44 Mark,, so daß sich ein Minderverbrauch von 354.31 Mark ergibt. Während des Berichtsjahres befanden sich 40-Kinder in der Pflege der Kommission, welche in 22 Pflegestellen untergebracht waren. An Pflegegeld wurde für diese Kinder monatlich im Durchschnitt ein Betrag von 997 Mark verausgabt, für Bekleidung, Lehrmittel, ärztliche Behandlung und diverse Ausgaben wurden 2677.79 Mark ausgegeben. Außer den laufenden Unterstützungen wurden in einer Reihe von Fällen einmalige Extraunterstützungen im Gesamtbeträge von 366 Mark, ferner periodische, . für einige Monate berechnete Unterstützungen im Betrage von .255 Mark-bewilligt. Für die Unterbringung mehrerer Pfleglinge in' den Ferienkolonien wurde, wie 'im Vorjahre, ein Betrag von M0 Mark gewährt. Seitens der städtischen Armenpflege wurde im -r' Berichtsjahre ein Zuschuß von insgesamt 5436 Mark (gegen 4848 Mark im Vorjahre) .geleistet. Der Referent, Herr Aron Hirs ch, gibt der Bitte an die Gemeindemitglieder Ausdruck, die umfangreichen Aufgaben der Waisenkommission durch reichlichere Zuwendungen fördern zu helfen. — Die durchschnittliche Frequenz der Alterversorgungsanstalten betrug für das Jahr 1907/1908 in der. Anstalt Große. Hamburger Straße 112 Hospitaliten, in der Schönhauser Allee 88 und in der Exerzierstraße 60 Hospitaliten. Die Verpflegungskosten beliefen sich durchschnittlich pro Tag und Kopf auf 73,89 Pfennig (gegen 72,27 Pfennig im Vorjahre). Die gesamten Betriebsunkosten betrugen 164 986.97 Mark (im Vorjahre 142 917.63 Mark). Das Vermögen der Anstalt, belief sich einschließlich des Reservefonds und des Grundstückswerts auf 4 260 894.80 Mark. Der Referent, Herr Lewinski, konstatiert die erfreuliche Tatsache, daß der Wohltätigkeitssinn der Gemeindemitglieder sich auch im vergangenen Jahre in dankenswerter Weise betätigt , hat, bittet aber zugleich um weitere Zuwendungen, da bedauerlicherweise noch eine große Zahl von Zimmern aus Mangel an Mitteln nicht belegt und so den an die Anstalten gerichteten Aufnahmegesuchen leider nicht entsprochen werden kann. s. Berlin, 7. November. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 4. d. M. der berühmte Weltreisende Geheimer Hofrat Ernst von Hesse-Wartegg einen ungemein fesselnden Vortrags über die Juden in Nordafrika und in der Wüste von Sahara. Namentlich, was der Redner über den zweiten Teil seines Themas mitteilte, über die jüdischen Troglodyten in der Gegend von Tuhuret, über die Wanderungen der Juden durch, die lybische Wüste auf unwegsamen Pfaden, die erst fünfzehnhundert Jahre später große Reisende wie Emin Pascha, Stanley, Nachtigal und andere wieder betraten, war von großem Interesse. Bei der Schilderung der Lage der Juden in Tunis hob Herr von Hesse-Wartegg die besvnderen großen Verdienste hervor, die die - Alliance sich um die Juden in Nordafrika erworben hat. Der sehr interessante Vortrag wurde durch eine Reihe von Lichtbildern nach eigenen Aufnahmen in Tunis, Marokko und in der Sahara wirksam illustriert. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, und Hunderte mußten leider umkehren, die absolut keinen Platz finden konnten. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Danzig sprach Herr Fabius Schach-München über die „Psychologie des Renegatentums", in Memel und Insterburg über „Jüdische Kultur in Ost und West", in Ostrowo Rabbiner Dr. Neuhaus über „Moderne jüdische Dichter", in Köln Dr. Hanover über „Der jüdische Herzog von Naxos und seine Zeit", in Coethen Dr. B. Seligkowitz über „Nietzsche und das Judentum". LL Berlin, 5. November. Am 2. d. M. fand die Generalversammlung der-„Liberalen Vereinigung für das deutsche Judentum" hier unter zahlreicher Beteiligung auswärtiger Delegierter statt. Daran schloß sich ein Vortragsabend in der „Gesellschaft der Freunde", der von dem Vorsitzenden des hiesigen Vereins, Herrn Justiz rat Plonsker, mit einer Ansprache eröffnet wurde. Als erster Redner erörterte hierauf Justizrat Breslauer das Programm der liberalen Vereinigung in treffender und überzeugender Weise. Er schilderte die gegenwärtige Lage, die Parteien, die Stellung der Vereinigung zu diesen, und die Aussichten, welche dieselbe habe. Die geistvollen Ausführungen des Redners erregten lebhaftes Interesse: Hierauf sprach Dr. Gustav Karpeles über die Aufgaben und Ziele des liberalen Judentums. Da dieser Vortrag wohl im Druck erscheinen wird, erübrigt sich ein weiteres Eingehen auf denselben an dieser Stelle. Zum Schluß nahmen noch von auswärtigen Delegierten Professor Dr. Vogelstein-Stettin und Dr. med. Reich- Breslau das Wort, um das Interesse und die Teilnahme ihrer Gemeinden für die Ideen des liberalen Judentums in entschiedener Weise zu bekräftigen. Die ganze Versammlung machte einen sehr guten und wirksamen: Eindruck. Es ist" zu hoffen, daß sich ihr noch viele andere anschließen, die das gleiche Ziel verfolgen und sicher auch erreichen werden.