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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-13 · Heft 46 (13.11.1908) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
Seite 551 (sequence 11)
Language
German
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Hardenberg hat nicht nur die Emanzipation der preußischen -Juden durchgeführt, sondern auf dem Wiener Kongreß 1814 die Bewilligung uneingeschränkter Religionsübnng und das Bürgerrecht für alle in ganz Deutschland lebenden Juden erlangt. Einen Entwurf zur Ordnung der deutschen Angelegenheiten legten Hardenberg und Wilhelm von Humboldt einer gemeinsamen Beratung der Bevollmächtigten aller deutschen - Staaten Anfangs April 1815 in Wien vor. Die Bestinnnungen über Verfassung und Bürgerrecht hielten sie aufrecht, und das bereits zugestandene Recht der freien Religionsübung hatten sie dahin erweitert, daß auch die Juden Bürgerrechte genießen sollten, da sie sich ja den Bürgerpflichten unterzögen. Da es Hardenberg bei den Ansichten der anderen Bevollmächtigten des Wiener Kongresses zweifelhaft war, ob seine Prinzipien bezüglich der Juden zu allgemeiner Geltung kommen würden, war er sofort auf diplomatischem Wege bestrebt gewesen, praktische Erleichterung gegenüber den härtesten Bedrückungen zu schaffen. In dieser Absicht hat er den preußischen Gesandten in Hamburg beauftragt, sich bei den Ortsob.rigkeiten von Hamburg, Lübeck und Bremen der dort noch sehr gedrückten Juden anzunehmen. Auch in dem von Metternich im Mai 1815 ausgearbeiteten Gegenentwurf war den deutschen „Untertanen" (Hardenberg und Humboldt halten sie als „Bürger" bezeichnet) die freie Religionsübung zugestanden. Am 8. Juni wurde der ganze Entwurf an- . genommen. In dein späteren Bundesparlament in Frankfurt a, M. war es dem Vizepräsidenten, einem Juden, unserem Gabriel Nie her, möglich, feine Ausführung oder vielmehr Nichtausführung drastisch zu beleuchten. Dies schmälert aber durchaus nicht das Verdienst des großen Staatsmannes, dessen Name von uns immer in Ehren gehalten werden soll. Ghrtto-Komödim. n Von I. Zang will. Samooborona. ^^avid fühlte sich gerührt durch diese erfrischende Einfachheit. Er empfand eine gewisse Verlegenheit, dem jungen Mann erklären zu müssen, daß das Hauptquartier für ihn die Samooborona und nicht den Bund bedeute. Sofort war der Jüngling wie verwandelt. „Selbstverteidigung der Juden," rief er verächtlich, „was haben wir mit der jüdischen Bourgeoisie zu schaffen?" „Besteht denn der Bund nicht auch ausschließlich aus Juden?" „Allerdings, aber doch nur, weil wir die andern Mitglieder der revolutionären Partei so ungeschickt fanden, daß wir nicht mit ihnen arbeiten konnten, sie ließe» sich immer fangen, und ihre Führer wußten sich nicht zu helfen. Deshalb haben wir uns von ihnen abgezweigt; es geschah einzig und allein, um unseren Genossen, den Arbeitern, um so mehr helfen zu können. Wir gehören einer Arbeiter- und keiner Judenpartei an. Die ganze russische Revolution ruht auf unseren Schultern. Wie können wir unser Leben für die Kapitalisten des Ghettos in Milovka wegwerfen? Außerdem stehen die Wahlen bevor — ich habe für die Linke zu arbeiten. Ah, da kommt einer unserer Bourgeois. Wenden Sie sich an den ■> "I- .< > : wenn Sie wollen. Ich werde, meinen Schwiegervater ans dem Laden zurückzuhalten wissen." Zwei in vertrauliche Unterhaltung vertiefte Männer kamen herein, ein dritter folgte ihnen auf dem Fuße. Mit den fünf Juden.war ein ordentlicher kleiner Kongreß versammelt. Einer der Männer erwies sich als fortschrittlicher Jude. Er hielt David irrtümlicherweise für einen Zionisten und erkannte sofort den Fremden in ihm. „Wir von der Partei der P. P. P.," sagte er, „woüemin friedlicher Weise gleiche Rechte mit den anderen Polen erringen, und . das wird uns sicher gelingen. Ihr Zionisten seid weniger Bürger als Fremde, und wenn Ihr logisch wäret, würdet Ihr alle-" „Wo bleibt Eure eigene Logik," unterbrach ihn Davids „Warum schließt Ihr Euch nicht gleich der. Partei der. nationalen Polen an?" Der fortschrittliche Pole runzelte die Stirn. „Die Nationalen! Sie sind Antisemiten. Ich würde mich noch eher mit der Liga der treuen Russen befreunden können." „Vertraust Du den P. P. P.?" fragte sein Begleiter ihn. „Ich sage Dir, Nathan, daß das Heil nur bei der fortschrittlichen Demokratischen Partei mit ihrem Glauben an die Gleichheit aller Nationalitäten zu finden ist." „Wenn Sie eine Partei suchen, in der es keine Antisemiten gibt," unterbrach ihn David verzweifelt, „so müssen Sie sich der Samooborona —" „Ich fürchte, Sie werden hier keine Rekruten finden," unterbrach der Bundist ihn, jedoch nicht unfreundlich.. Er meinte dann mit einem Hohnlächeln: „Diese Herren der P. P. P., der P. P. N. und die P. P. D. sind alle gute Polen." . „Gute Polen," wiederholte David mit Bitterkeit, „und doch sind es die Polen, die en bloc dagegen gestimmt haben, daß auch nur ein einziger Jude in die Duma ausgenommen würde." „Dann lnüssen wir eben noch besser polnisch sein als die Polen selbst," antwortete würdevoll das Mitglied derP. P.P. „Wenn es das Wohl unseres Landes fordert, gehen wir sogar mit der klerikalen Partei der Rechten. Jetzt, da die Partei der Nationalen Verbindung —" „Wenden Sie sich an die Arbeiterparteien," rief der P. D. „Unter ihnen finden Sie vielleicht stämmige Burschen, die die notwendige Ghettofarbe haben." Es gäbe vier große Arbeiterparteien, erklärte er David, aber er glaube, daß die Partei der Sozialdemokraten für Davids Vorschläge am empfänglichsten sein würde. Nicht die von Bolsheviki, sondern die von Mensheviki geführte Partei. Vielleicht würde er auch beim Proletariat oder der Partei der P. P. S. williges Ohr finden. „Nein, b.ei denen habe ich es schon versucht," sagte David. „Aber meine Herren, Sie alle werden doch unter allen Umständen einsehen, daß die Verteidigung unseres eigenen Lebens eine wichtige Sache ist und Sie werden daher nicht abgeneigt sein, wenigstens eine Kleinigkeit zu unserm Kapital beizutragen?" , Ein wahrer Sturm von Protestäußerungen erhob sich. Es schien unglaublich, daß nur vier Männer am Sprechen seien. Alle erklärten mit beredter Zunge, daß sie genug täten, wenn sie die von der eigenen Partei geforderten Beiträge zahlten^ es koste außerdem sehr viel, ihre Kandidaten für die Duma durchzubringen. „Sehen Sie," sagte der Bundist, „Ihre einzige Chance ist. bei den Männern, die überhaupt keiner Partei angehören, die nur ihrem eigenen bürgerlichen Behagen leben." „Gibt es solche Leute?" fragte David eifrig. Ein allgemeines Gelächter war die Antwort dieser Frage.

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