Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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brandenburgAsches Preußen eiil neumodischer Juden- - staat werden." (Ein Teil dieser unsinnigen Tirade ist auch im Original gesperrt gedruckt.) Wie frech diese Junker damals auftraken, beweist der nächste, die Drohung mit dem „Judenstaat"-erläuternde Saß: „Wir wagen es zu sagen, daß, wenn die Grundsätze der Willkür, der Gleichmachung der Stände und der Mobilisirung des Grundeigenthums wirklich durchgesührt. werden, nun keine Rettung für diesen Staat und für Euerer Königlichen Majestät hohes Haus mehr erscheint." Auch einige Historiker haben, wenn auch niemand von ihnen für diese Sorte Antisemitismus cintrat, das Auftreten der Stände, die dem von Napoleon schwer bedrohten Staate solche Schwierigkeiten machten, zu entschuldigen gesucht. Wir sehen heute darin nur ein Gruseligmächen vor der Revolution, die sie als Schreckpopanz für den König brauchen, wenn diese Führer des alten Preußens, fortfahren: „Mit dem Verfalle, des Ackerbaus tritt allgemeine Nahrungslosigkeit ein, die Gleichmachung aller Stände mache die unteren (hierzu rechnen die Herren Junker auch die Juden) trotzig." Hardenberg ging aber energisch vor, und als sich am 7. September die Deputierten wieder in Berlin versammelten, bezeichnet er es als einen „Frevel", die Grundlagen der neuen Reformen erschüttern zu wollen, von denen die „Wiedergeburt des Staates" abhänge. Schon allein für folgendes Wort .des von inneren und äußeren Schwierigkeiten hart bedrängten Staatskanzlers, der auch durch Hofkabalen mehr als einmal aus der Bahn'getrieben wurde/ verdient Hardenberg, ebenso gut wie die Heerführer seinerzeit, hohe Anerkennung: „Dem Egoisten, dem kleinen Tyrannen, der auf sklavische Abhängigkeit seines Nebenmenschen Wert setzen könnte, bleibt unsere Verachtung." Am 11. Mürz 1812 erließ, trotz allen Geschreies der Stände, Hardenberg die Verordnung, welche den Juden gleiches bürgerliches Recht mit den Christen gewährte. Alle Juden, welche mit Bewilligung des Staates in Preußen heimisch geworden, sollten als Staatsbürger anerkannt werden, berechtigt sein, ihren Wohnort, das Gewerbe, welches sie treiben wollten, zu wählen, liegende Güter anzukaufen und der Bewilligung einer christlichen Behörde zu einem Eheschluß nicht mehr bedürfen. Die besonderen Abgaben,'welche ihnen bis dahin auferlegt worden waren, hörten auf. Will inan heute begreifen, was diese .Verordnung des Staatskanzlers Hardenberg, die einen vollständigen Bruch mit der Vergangenheit bedeutet, damals besagte, so lese man, was noch vier Jahre vorher der Minister von Schrötter an Stein schrieb: „Um Sicherheit und Ordnung im Lande herzustellen, müßten die Juden ausgetrieben werden." (Mai'1808.) Der sonst freisinnige Minister Stein hatte der Kaufmannschaft von Elbing, welche sich in ihren Geschäften durch die Juden beeinträchtigt glaubte, recht gegeben und großes Unheil über unsere Glaubensgenossen heraufbeschworen. Unter dem Ministerium Stein wurde in ganz Preußen aus die Juden gefahndet; alle Beamten bei Strafe der Kassation und die Zünfte wurden verpflichtet, Anzeige zu machen, wo sich Juden aufhielten. Der treibende Teil war Schrötter. Aus seinen Bericht att das Gesamtministerium veröffentlichte man die schon vergessenen alten Verordnungen gegen die Juden und begann die Ausarbeitung eines neuen Judengesetzes, das Stein genehmigte. Dieses Unrecht seines Vorgängers machte Hardenberg, der allein die Menschenrechte vertrat und von keinem besonderen „Judenschutz" etwas wissen wollte, wieder gut. Während die Junker den König vor allen Reformen gruselig zu machen suchten, hatte Hardenberg schon 1807 in Riga eine Denkschrift über -die „Reorganisation des preußischen Staates" ausgearbeitet, in der er schreibt: „Die französische Revolution gab den Franzosen unter Stürmen einen ganz neuen Schwung . . . Der Wahn, daß man der Revolution'am sichersten durch Festhalten am Alten entgegentreten könne, hat besonders dazu hei-' getragen, die Revolution zu befördern. Die Gewalt der Grundsätze ist so groß, daß der Staat, der sie nicht aunimmt, entweder seinem Untergänge oder der erzwungenen Annahme derselben entgegensehen muß. Also eine Revolution'im guten Sinne, geradehinführend zu dem großen Zwecke der Veredelung der Menschheit — durch Weisheit der Regierung — das ist unser Ziel, unser leitendes Prinzip. Die reine. Demokratie müssen wir noch dem Jahre 2240 („Ausgerechnet"!) überlassen, wenn sie anders je für den Menschen gemacht ist. Demokratische Grundsätze in einer monarchischen Negierung, dies scheint mir die angemessene Form für den jetzigen Zeitgeist." Uns interessieren hier mehr noch als diese vor fast 100 Jahren für preußische Staatsmänner sehr mannhaften Worte die folgenden Ausführungen, deren volle Erfüllung auch heute noch für die Juden Preußens nur auf dem Pap ier steht: „I ede S telle im Staat, ohne A ns na hm e, sei nicht dieser oder jener Kaste, sondern dem Verdienste und der Geschicklichkeit und Fähigkeit aus allen Ständen offen. Bei keinem, er sei noch so klein, noch/so gering, töte der Gedanke das Bestreben: dahin kannst du bei dem regsten Eifer, bei der größten Tätigkeit, dich fähig zu machen, doch nie gelangen. Keine Kraft werde im Emporstreben zum. G u t eu gehemmt." Hardenberg hat dem alten Ständestaat, dem Klassenstaat, den Stoß gegeben, während man heute ganz offen den Klassenkampf protegierte Wir Juden danken ihm dafür als Menschen und Bürger. Daß er sich in Druckschriften „Judenminister" schimpfen lassen mußte, weil er jahrelang dem aufgeregten Berliner antisemitischen Pöbel die Aufführung der Posse „Unser Verkehr", in der der Komiker Wurm durch. Mauscheln anödete, vorenthielt, steht für uns in zweiter Reihe. Bis zu seinem Tode blieb Hardenberg, der am 8. Februar 1820 noch an Varnhagen mit Stolz schrieb, daß er dem Könige 1807 die obige Denkschrift aus Riga geschickt hatte, der gleiche. Ein Historiker schrieb von Hardenberg, der 1815'in Frankfurt a. M, Amschel von Rothschild empfing, der für die damals in Frankfurt noch hart bedrückte Judenschaft die ihr durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses gewährte Freiheit beanspruchte: „Trotz Hardenbergs bekannten und oft' betätigten Gesinnungen gegen Rothschilds Glaubensgenossen erregte es große Aufregung, ja entschiedenes Mißfallen, daß dieser vor dem Bürgermeister von Frankfurt a. M. zur Audienz bei dem Staatskanzler gelangte." — Als nach den Freiheitskriegen die Reaktion unter Friedrich Wilhelm HL wieder Oberwasser bekam, hatte der greise Hardenberg bis zu seinem 1822 im Alter von 72 Jahren erfolgten Tode einen schweren Stand, und er war nur im Amte geblieben, weil sonst das Volk seine letzte Stütze gegen die Anmaßung der Feudalen verloren hätte, da Wilhelm von Humboldt zurücktrat, und es Hardenberg nicht gelang, Alexander von Humboldt zu veranlassen, das ihm angebotene Kultusministerium zu übernehmen. Kehren wir zum Ausgang unserer Betrachtungen zurück, so ist es klar, daß Hardenberg der einzig leitende Mann allerersten Ranges aus den Freiheitskämpfen ist, der'auch heute noch als „Judenminister" unter der Mißgunst jener Cliquen leidet, die nicht so schnell vergessen wie die Vorwärtsstrebenden. Es war daher Pflicht, den um die Entwicklung der jüdischeu Gemeinden nicht nur Preußens so hochverdienten Mann pietätvoll an dieser Stelle wenigstens aus das Piedestal zu stellen, auf das der Vater des befreienden Edikts vom 11.' März 1811 gehört.