Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 549 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228845--65070-3277163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
f .jüdischen Maates - erwartet, kailn ich nicht anders denn als Mhrase bewerten. ' . f. , @o angesehen erledigt sich auch alles, was der Verfasser / böndem „Missionsideal der neueren Rabbinen" sagt und klagt. p Die Missionsidee, die er bekämpft, wird nur von sehr wenigen; "vertreten. Aber die andere Idee, daß die Judenheit als der » ... Typus eines Volkes ohne Politik durchdieWelt wandern I soll, um den Völkern ein Beispiel zu geben, daß es „nicht auf L '. Heere und Macht" ankomme, sondern daß die Religiosität allein, L nur sie, sie aber auch wirklich imstande ist, die Völker lebensf, kräftig zu erhalten — die ist so alt wie das Wort: „Ihr sollt v. mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." ' 7 Wie man angesichts der Knecht-Gottes-Lieder sagen kann, in V der Bibel stehe nichts von einer Mission Israels, das wird t jedem Bibelkundigen rätselhaft bleiben, ebenso wie das Salto- . mortale, mit dem Verfasser Seite 38 die Bibel, von den Zitaten für die Missionsidee ausschaltet. Darum, weil die Bibel nichts von einer zweiten Zerstreuung wußte, kann sie nicht von Israels Mission sprechen? Was anders bedeutet denn Jes. 49,6V „Mir ist es zu wenig, die Stämme Jakobs aufzurichten -- so mache ich dich zum Licht der Völker, auf ■ daß mein Heil bis ans Weltende existiere"? Oder Jes. 42, 1—6, 52,13 ff., Stellen, deren Unkenntnis oder Mißverständnis anzunehmen doch den Verfasser beleidigen hieße!? Kommt es denn auf Zeit und Umstände bei einer religiösen Idee mehr an als aus den Inhalt? Noch dazu, wenn dabei ausdrücklich gesagt ist: „Der Gottesknecht ermattet nicht, bis er aus Erden festgestellt hat, w.as Rechtens ist, und die Inseln auf seine Lehre harren?" Man kann diese Misfionsidee der Bibel für sich abrogieren, wie der Liberalismus manche andere Glaubenslehre der biblischen Zeit für sich nicht mehr, anerkennt, aber ableugnen, für nicht vorhanden in der Bibel ausgeben, kann mansie nicht. Selbst wenn die neueren Rabbiner nicht die oben skizzierte Missionsidee verfechten, sondern die von Verfasser bekämpfte: die Glaubenslehren Israels hochzuhalten inmitten der Ungläubigen, selbst dann fänden sie noch in Jes. 42,2 ihre Stütze, wo gesagt wird: Israel bringt den Völkern die Religion: Freilich schreit es nicht und macht nicht Reklame für seine Lehre; aber dafür zerbricht es auch anderseits nicht geknicktes Rohr und verlöscht nicht glimmenden Docht, sondern wirkt nach außen für die Religion allein durch die Wahrheit des von ihm verkündeten Glaubens. Daß die machtlosen Juden den Christen nichts zur Läuterung ihres Gottesglaubens lieferten, ist schon deshalb unmöglich richtig, weil die Arbeit eines so stark geistig arbeitenden Volkes nicht ohne Einfluß auf seine Zeit bleiben kann. Und wenn die Kanäle nicht sichtbar sind, durch die jüdischer Geist in die Menschheit sickert, so schadet das nichts; im Gegenteil: es ist nur die Bestätigung dieses Bibelwortes. Viel ließe sich noch sagen. Doch zur Beurteilung des Buches genügt dieses. Das Resultat meiner Besprechung läßt sich dahin zusammenfassen: Anzuerkennen ist, daß Verfasser das Problem am richtigen Ende angefaßt hat, an dem historisch gegebenen Religionsjudentum. Kann die jüdische Religion, bestehen ohne jüdischen Staat? — das ist die einzige wichtige Fragestellung;' alle anderen Fragen gehen entweder die Antizionisten oder die Zionisten nichts an. Von der Antwort hat Verfasser, wie mir scheint, das gänzlich entnationalisierte Judentum endgültig abgetan (freilich war es das eigentlich schon vorher, denn der Kultus ist stets national gewesen, und den Kultus kann die Religion nie entbehren). Daß aber die jüdische Religion den jüdischen Staat nötig habe, das hat mir wenigstens Verfasser, nicht bewiesen. Vielleicht schreibt er noch einmal ein Wort zur Schicksalsfrage Israels, aber nicht „an die Starken und Edlen" (das heißt doch wohl cm die leicht Enthusiasmierten), sondern an die Ueberlegten, denen der Verstand jede Gefühlsregung wieder auslöscht, und' zeigt uns, d.aß das Nationalbewußtsein der Judenheit im „Gölus" nicht lebensfähig ist. Die Ansätze zu diesem Beweise Seite 100 ff. sind gänzlich ungenügend für Gegner des Zionismus. Dann wäre die Notwendigkeit des Zionismus sachlich bewiesen. Denn ohne Stammesbewußtsein scheint auch mir die Erhaltung der jüdischen Religion unmöglich. . Bis dahin aber bleibt der Zionismus weiter Gefühlssache. Brr Stastskslulkr jfiirft Hardenberg und die Duden. Von M. Friedeberg. Hundertjahrfest unserer Städteordnung ruft natürlich wieder die Erinnerung au den Schöpfer des großen Werkes wach. Bei den Juden Preußens bedarf es wohl nicht erst eines solchen Anstoßes, denn aus unserem Herzen und unserem Gedächtnis sollte das Andenken dieses Mannes, den man im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts öffentlich in Berlin (und nicht nur da) den „Judenminister" nannte, nicht ganz verbannt sein. Er hat ja die Pariastellung der preußischen Juden unter schweren Kämpfen'' beseitigt und wenigstens im großen und ganzen ihre bürgerliche Gleichstellung herbeizuführen gesucht. Einer der Feudalen schrieb ihm damals: „Die Urheber solcher Ideen sind Catilinas, die den König und den Adel ermorden werden." Hardenberg blieb unbeirrt. Um seine Ideen: Freizügigkeit, Beseitigungveralteter Standesvorrechte, Judenmanizipation, -durchzusühren, berief Hardenberg am 23. Februar 1811 nach Berlin eine Notabeln-• Versammlung aus allen Provinzen und Ständen, da eine Beratung mit den rückschrittlichen Provinzialständen nichts genutzt hätte. Wie diese Stände, auch nachdem die Beratungen der Notabeln mehrere Monate gewährt und zu keinem Resultat geführt hatten, speziell über die Rechte der Juden dachten, mögen folgende Stellen aus der Eingabe der Stände des Lebus-Storkow-Beeskow'schen Kreises beweisen, die sich mit Uebergehung des Staatskanzlers direkt au den König wandten. Bald darauf schickte der Staatskanzler die Anstifter der Eingabe, Graf Finkenstein und von der Marwitz, aus die Festung Spandau, aus der sie ein Gnadenakt des Königs Friedrich Wilhelm III. wieder befreite. Diese agrarischen Heißsporne schrieben in ihrer Verwahrung im Namen der Stände wörtlich folgendes: „Der uns mitgeteilte Entwurf zu einem Edikte über die bürgerlichen Verhältnisse untereinander redet von den großen ländlichen Besitzungen, die man sonst wohl Rittergüter nennt. Den Juden hingegen gibt man auch ihren Namen nicht mehr — aber aus dem entgegengesetzten Grunde, nämlich, weil man ihn für zu schlecht für sie hält.. In der Verordnung, wo ihnen Grundeigenthum zu acquiriren erlaubt wird, heißen sie: die Bekenner der mosaischen Religion. Diese Juden, wenn sie ihrem Glauben treu, sind die notwendigsten Feinde eines jeden bestehenden Staates, wenn sie ihren Glauben nicht treu, sind Heuchler, und haben die Masse des Geldes in ihren Händen; sobald aber das Grundeigenthum so in seinem Werth gesunken sein wird, daß es für sie mit Vortheil zu aquiriren ist, wird es sogleich in ihre Hände übergehen, sie werden als Grundbesitzer die Hauptrepräsentanten des Staats, und' so' unser altes ehrliches