Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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e '",/V^J'-\^^ < *■ *v,h/- >E-^dT'/.^-' '■- "> / 1 -'£- 7'^ 5 :M&:< . Gerechtigkeit liegt an Staat ündVolk gar nichts, sondern alles an seinem Prinzip der Gerechtigkeit, Gottesfurcht usw. Er läßt sogar seinen erstgeborenen Sohn Israel untergehen, weil 'er nicht die sittliche Qualifikation besitzt. Nicht „primum movens" war das Nationale (das heißt das Staatliche), sondern nur Gelegenheitsursäche für die' Entwicklung des religiösethischen- Bewußtseins.. Die Propheten wären Vaterlandsverräter für ihre Zeit, sie sind, vom' ersten bis zum zweiten Jesaja, die schärfsten Gegner alles politischen Wesens, sie erwarten alles von der Religion und nichts vom Staate, sie betrachten den Staat als ein historisch-gegebenes, höchst nebensächliches und gleichgültiges Ding, das unter steter Kontrolle der Religion stehen muß, und sie sehen von dem Augenblicke an ihre.Aufgabe als. erledigt an, verschwinden aus der Geschichte, wo die Gründung der „Gemeinde", der Glaubensgemeinschaft ohne politische Selbständigkeit/ die Herrschaft des Gottesgedankens verbürgt. Auch hier hat die Zweideutigkeit des Wortes „Nation" dem Verfaffer einen bösenStreich gespielt. Nicht den Staat wollten die Propheten retten, sondern ihr Volk. Und sie haben dies vollbracht durch Ausschaltung des politischen Moments, indem sie dem Volke statt des Staatslebens als Aufgabe die Religion zuwiesen. Man lese nur die Utopie des Ezechiel vom neuen Jerusalem oder die Reden des zweiten Jesaja oder die Einschaltungen in den Samuelbüchern, nach welcher Israel keinen König haben soll, weil Gott allein König in Israel sein soll, usw. — Außerdem aber muß es doch geradezu unfreiwillig komisch wirken, wenn Verfasser erst erzählt, aus den nationalen Krisen sei der Prophetismus erwachsen und im .nächsten Augenblick den Staat fordert als Ausgangspunkt eines neuen .Prophetismus. Soll denn der Staat gegründet werden, damit bei seinem Untergang die Religion sich fortentwickle? Dies Resultat läßt sich doch leichter erzielen, wenn wir gleich im „Golus" bleiben! Und daß die Hoffnung auf den neuen Staat keinen Heilspropheten erzeugen kann (analog dem zweiten Jesaja), zeigt ja am besten der Zionismus unserer Tage. Oder war Herzl ein religiöser Prophet? In Wahrheit würde aber auch der Untergang dieses Staates die Prophetie nicht wieder lebendig machen, so wenig wie der Untergang des zweiten Tempels. Religion und Politik haben eben seit Esra nichts mehr-miteinander zu schaffen, und wenn man behauptet, die Nation werde den Fortschritt der Religion, ermöglichen, so hat das nur so weit Berechtigung, daß das religiöse Genie stets die Sehnsucht seines Milieus verkörpert, und wo kein . Milieu, kein geistiges Hinterland ist, auch kein Prophet erscheint. Dieses Milieu aber kann künftig ebensogut von Nichtjuden, wie von der Glaubensgemeinschaft gebildet werden. Das jüdische Reich ist vielleicht am ungeeignetsten dazu, es zu schaffen. Hier tritt nun auch der zweite Grundfehler des Buches zutage, neben der Verkennung der Zweideutigkeit in dem Worte „Nation", daß nämlich Verfasser den nationalen und den religiös-ethischen Grundtrieb in Israel stets als koordiniert behandelt. Das ist grundfalsch. Der nationale Grundzug ist freilich der ursprüngliche, aber (schon darum) später der untergeordnete, und der religiöse Grundzug seit dem Untergang des Staates der tonangebende! So sicher freilich der eine ohne den anderen nicht bestehen kann, so sicher die Gemeinschaft die Basis und fast die Garantie für den Fortbestand des jüdischen Glaubens ist, ebenso sicher ist seit den Tagen der Prophetie der Glaube der allein wertvolle Sinn und Zweck der Gemeinschaft. Die beiden Male, wo die politisierende Richtung im Judentum zuletzt versucht hat, gegenüber der religiösen sich durchzusetzen, unter den sadduzäisch - makkäbäischen Herrschern und im Barkochbakriege, ist sie schmählich gescheitert.' Die Sehnsucht der Juden im Mittelalter bezieht sich nicht so sehr auf das Reich als auf den Tempel. Die Ziontieder Jüsta. Halevlls schreien nach den Stätten der Religion-^.-nrcht/'uachr-/ einem jüdischen Staate. Und nur weil Kanaan, das. „heilige.".- Land, ist, und die Judendort Gott nach den Vorschriften 'von Bibel und. Talmud nur dann verehren könnten, wenn sie staatlich dort geeint wären, also als ein Mittel für den religiösen/ Zweck, ersehnt das Mittelalter den jüdischen Staat. Was aber liegt uns am/Opserdienst und. am Tempeh in Jerusalem? Nein! Seitdem Propheten und Psalmisten den Opferdienst diskreditiert haben und die Pharisäer „das.Gesetz" an.die Stelle' der Königsherrschast gesetzt haben (das ist doch wohl der tiefere - geschichtliche Sinn ihres Kampfes um das Synhedrin) — seitdem ist die einzige Konstituante Israels die Religion. ' Was könnte denn auch ein starkes jüdisches Volkstum anderes Erstrebenswertes schaffen neben der jüdischen Religion? Was sollte der Inhalt der sogenannten jüdischen Kultur denn wohl sein? Die jüdische Wissenschaft? Nun, was wir gewöhnlich darunter verstehen, ist von den übrigen Wissenschaften doch nur durch das Thema, den Stoff verschieden, nicht durch die Methode., Von dem Nationalcharakter abhängig ist aber nur die Methode, und soweit es methodische Unterschiede zwischen der wissenschaftlichen Betätigung verschiedener Nationen gibt, wird derselbe in Wahrheit als Mangel an Objektivität .empfunden. Für die Methode der Wissenschaft ist der Nationalismus etwas, was überwunden werden soll. Dem Material nach aber hat die jüdische Missenschast doch , den Nationalismus und den Staat nicht mehr nötig als bisher. Sie hat ja schon bestanden, ehe es auch nur einen Zionismus, gast; ja ist nicht die jüdische Wissenschaft geradezu eine der Veranlassungen des Zionismus gewesen? — Oder soll der Nationalismus eine jüdische - Kunst schaffen? Das würde er ja wahrscheinlich, wenn es einen jüdischen Staat in Palästina gäbe. . Aber 1. kann ich die Wichtigkeit dieses Zieles nicht begreifen (denn das Aesthetische überhaupt wie den nationalen Individualismus in der Kunst halte ich nicht für wichtig genug/um Selbstzweck zu sein), und 2. weiß ich nicht, warum jüdische Kunst nicht wieder auch im „Golus" entstehen könnte — wenn nur die jüdischen Künstle? sich auf jüdische Welt- und Lebensanschauung besinnen wollten (was sie freilich mit wenigen Ausnahmen perhorreszieren). Oder sollte der höchste Zweck des starken Nationalismus der Staat selbst sein? Aber der Staat ist ja — selbst nach der Meinung des Verfassers — nur ein Mittel zur Erhaltung der Nation, das Schneckenhaus, der Krebspanzer, in den das Lebewesen der Nation sich inkrustiert, wenn es in Gefahr kommt, sonst verschlungen zu werden vom Schicksal.' Wie aber, wenn ein Volk diesen Selbstschutz nicht nötig hat? Und daß dies bei der Judenheit der Fall ist, sollte doch die 2000-jährige „Golus"-Geschichte bewiesen haben, da weder Verfolgung noch Freiheit den Willen zum Volksleben ertötet Haben! Kann doch ein Panzer obendrein auch leicht zum Hindernis werden! Schreckt der Zionismus nicht vor der furchtbaren Verantwortung zurück, ein freies Weltvolk in die spanischen Stiefel politischer Betätigung einzuschnüren, und. dadurch Kräfte der Nation zu absorbieren, die jetzt in der .Arbeit für die Kultur der Menschheit Ersprießliches leisten? — So bestätigt sich nach allen Richtüngen an der Judenheit die alte Lehre des Kosmopolitismus,.', daß der Nationalismus zwar, wo er einmal vorhanden ist, einen guten Mittler abgibt' für die Menschheitkultur, daß er "aber nicht Selbstzweck seinkanru Wie' der einzelne Jude keinen Mittler zwischen sich Und Gott' braucht, so braucht die Judenheit' keinen Mittler zwischen sich und' der Menschheit. Das Nationalgefühl ist für den Juden gut als Diener der Religion, aber was es außerdem noch leisten müsse, ist nicht abzusehen. Was Verfasser S. 98 si noch außerdem von der Kultur eines