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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-13 · Heft 46 (13.11.1908) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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Büche. Hier wird, so hoffe ich, sachlich eiitschiedei^ werden, was" bisher nur das Temperament entschied — das doch in so wichtiger Angelegenheit besser schweigen sollte. Allerdings, der 'Verfasser nennt sein Buch bescheiden nur „Ein Wort zur ... er will nicht erschöpfend sein. Aber er würde doch nicht schreiben, wenn es nicht das für ihn entscheidende Wort wäre! So dachte ich vor der Lektüre- Und jetzt? Der Verfasser sagt drei Worte, aber das entscheidende scheint mir nicht darunter. Diese drei Worte heißen: 1. Ein „entnationalisiertes" Judentum ist unmöglich. 2. Gerade die jüdische Religion hat stets, die Nation vorausgesetzt. 3. Gerade die jüdische Religion erfordert daher den Zionismus, und zwar den sogenannten politischen. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese drei Themen glänzend ausgeführt sind — in einem Stil, der zuerst etwas befremdet, weil er das Wissenschaftliche und Rhetorische nicht verbindet, sondern bloß mischt, der aber der Sache und der Persönlichkeit wohl angemessen scheint — in einem Ton, der von edlem Enthusiasmus, von Zorn und Liebe widerhallt — mit einer Klarheit der Gedankenführung, die frappiert — bei der Fülle des beigebrachten Materials. Diese Vorzüge machen das Buch zu einem höchst lesenswerten und anregenden, und seine Lektüre zu einem Genuß, den ich dem Verfasser danke, wie wohl jeder, der es liest — und das sind hoffentlich recht viele! Aber ein „Aber" ist doch da, und zwar bei dem „Darum" des dritten Wortes. Das Wort Nation ist zweideutig; man versieht darunter ebensooft die Summe der Menschen, die zu einem Staat, wie derer, welche durch Geburt und Blutsverwandtschaft zu einem Volke zusammengehören (auf Geschichte und Ausdruck dieser beiden Begriffe kommt es hier nicht an, nur auf die gegenwärtige tatsächliche Wirklichkeit). Das Nationalitätsgefühl kann sich ebensosehr auf das Artefakt des Staates (Patriotismus), wie auf das Naturprodukt der Gens (Stammesbewußtsein) beziehen. Für den deutschen Zionismus kommen daher vier Kategorien in Betracht: 1. Deutsche Neichsangehörigkeit, 2. Deutsche Volkszugehörigkeit, 3. Jüdische Reichsangehörigkeit, 4. Jüdische Volkszugehörigkeit. Als allgemein angenommen darf wohl betrachtet werden,, daß davon die geraden und ungeraden Ziffern sich vertragen, die geraden miteinander und die ungeraden miteinander aber nicht. — Der Verfasser berücksichtigt diesen Unterschied gar nicht, und das ist der grundlegende Fehler seines Buches. Wenn er im ersten Teile die Gründe dafür zusammenstellt, daß die Judenheit sich als eine Volksgemeinschaft zu betrachten hat, so schlägt er eigentlich offene Fenster ein. Wer kann vergessen, daß die Judenheit durch Blut .zusammengekittet ist?! Wenn Verfasser aber sortfährt: Darum müssen wir Zionisten werden — so vergißt er zu beweisen, warum die Judenheit (als Volk) die politische Selbständigkeit nötig hat warum sie nicht über die Welt verteilt lebensfähig sei. Der Verfasser beweist (und dies beweist er wirklich, teilweise geradezu in glänzender Diktion), daß die Religion ohne den Hintergrund nationler Gdanken bisher nich existiert hat und zurzeit nicht existieren kann, ja daß die Entstehung des Judentums durch die Schicksale der altisraelitischen Reiche bedingt gewesen ist. Wenn er abe? daraus folgert, daß auch zum Fortleben der jüdischen Religion die „Nation" vonnöten sei, so ist das — selbstverständlich, falls er nur die Volksgemeinschaft, das Gefühl der Blutsbrüderschaft meint (das wird selbst Professor Cohen zugestehen, dessen „Nationalität" im Gegensatz zu „Nation" 'ungefähr dasselbe bezeichnet, wie mein „Volk" im Gegensatz zu „Reichsgenossen"). Fordert Verfasser aber den nationalen Staat mit dieser Begründung, so hat er mich nicht überzeugt, ja eigentlich führt er diesen Beweis gar nicht. Was soll denn der Staat für die Religion leisten? Die Glaubenslehren des Judentums sind international; welches nationale „Dogma" Verfasser Seite 3 bis 5 meint, habe ich beim besten Willen nicht verstanden. Das ist, wie sicherlich auch Verfasser weiß, doch der Hauptgegensatz zwischen dem vorexilischen Israel und dem eigentlichen Judentum, daß die Glaubenslehre des ersteren national, die des letzteren aber menschheitlich sein wollte und ist. Bis aus den heutigen Tag macht die jüdische Glaubenslehre den Anspruch, die allein wahre, ideale Menschheitsreligion zu sein. Die Ideen des Judentums wollen so wenig national sein wie etwa die Wissenschaft. Sollte in ihnen etwas enthalten sein, was nur. für das jüdische Volk gilt, so wäre jeder jüdische Religionsphilosoph bereit, es zu streichen, ja er wäre dazu verpflichtet um der Ehre des Judentums willen. Dasselbe gilt von der jüdischen Sittenlehre." Selbst die Hoffnung auf ein uational-jüdisches Reich in der. Messiaszeit ist für den, der sie betont, doch nur die Folge der' allgemein menschlichen Idee der ausgleichenden Gerechtigkeit. Innerlich national kann und muß bloß der Kultus sein. Hält der Verfasser aber den etwa für so wichtig, daß um seinetwillen ein jüdisches Reich gegründet werden müßte?. Der Kultus ist der Erhalter der Glaubensgemeinschaft, das Mittel, um' dem System des Judentums Eingang in die Herzen der,. Gläubigen zu verschaffen, und kaute de mieux benutzt er die Traditionen der Volksgemeinschaft; — ist es um seinetwillen, nötig, diese auch politisch zu verfestigen? Genügt das Stammesbewußtsein innerhalb der bestehenden, politischen Verhältnisse nicht, um deuKultus und damit den Glauben lebensfähig zu erhalten? Soll aber der Staat, wie der Verfasser will, deshalb, ge-, gründet werden, weil er allein die Vorbedingungen schaffen kann für das seit Jahrtausenden fehlende religiöse Genie, so frage ich — abgesehen davon, daß Paulus und Spinoza schließlich doch jüdische religiöse Genies gewesen sind. — ob Verfasser nicht oft genug in seinem Amte gelehrt hat, daß Genies wie die Propheten überhaupt nicht mehr möglich sind, weil sie die Grundlage aller Religion, gleichsam ihr Alphabet, geschaffen haben, mit dem jeder künftige religiös?geniale Mensch arbeiten muß.. Wird jemand Gabelsberger mit den Erfindern der Schrift auf eine Stufe stellen? Die Schöpfer einer Geistestätigkeit können von noch so genialen Epigonen nicht wieder erreicht werden — wozu also überhaupt die Klage? Anderseits wenn wir auf eine solche religiös-geniale Persönlichkeit hoffen — wer wird dem Verfasser darin folgen, sie durch einen jüdischen Staat bedingt zu denken? Wäre Raphael ohne. Arme geboren, er hätte mit den Füßen gemalt, so sagt man:. Wenn das Judentum noch einmal der Welt eine neue religiöse Wahrheit soll verkünden dürfen, was kann die Politik dazu helfen? Nachdem die durch Klima und Bodenbeschaffenheit bedingten Naturgötter und die an das Leben der Staaten gebundenen Nationalgötter überwunden sind — was kann da die Bodenständigkeit des. Volkes noch der Religion .nützen? Für einen Fortschritt der Religion, der nicht' aus ..dem menschheitlich orientierten Individuum hervorgeht,, danke ich. Ueb.er die Zeit des . P.rophetismus sind wi^ eben hinaus.. Dieser fand, im Begriff, die Meuschheitsreligion zu. gründen, sich und sein .Publikum. an den Staat gebunden. Er schuf die ' Religion >.im Protest gegen diesen. Staat, indem er kehrten Dem. Gott der

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