Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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sich diese Kinder. Kraft- und' hilflos) blaß Wad sch'eirwerden sie zu rrns gebracht. Verängstigt, gleich verflogenen Vögelchen drücken sie sich anfangs in die'Ecken. Mit der Landessprache stehen sie auf entschiedenem Kriegsfuß — und wie rasch hat sich das geändert! Kurze Zeit — und aufrechte, kleine Menschleins die frei und treuherzig, mit strahlenden Augen zu uns aufblicken, kommen uns entgegen. Fehlerfrei erzählen stein deutschen Worten ' allerhand Wunderdinge,"von Blumen und Käfern, von Laub und Gräsern, die sie auf ihren Spaziergängen gesehen und gesammelt hahen. Dankbare Anhänglichkeit, wie sie bei hierländischen Kindern, die alles Gute als selbstverständlich hinnehmen, selten zu finden ist, zeichnet sie aus — kurz wir haben alle Veranlassung mit hoher Befriedigung und stolzen Hoffnungen auf unsere Kinderstube zu blicken. ' . Lriek aus Lutgsrien. Philippopel im Oktober, ie letzten Ereignisse in Bulgarien nehmen augenblicklich das allgemeine. Interesse in Anspruch. Die Tatsachen, daß sich das Fürstentum Bulgarien über Nacht in ein Königreich verwandelte, daß somit der - langersehnte Wunsch des Fürsten Ferdinand so plötzlich in Erfüllung ging, und endlich, . daß die Bulgaren ungeachtet des Berliner Vertrages die türkischen Fesseln von sich abschütteln und auf einmal als freies, selbständiges und unabhängiges Volk dastehen, sind in Wirklichkeit geeignet, unsere Aufmerksamkeit für die Entwicklung der Dinge im Orient und besonders auf dem Balkan zu spannen. Es ist jedoch nicht die Aufgabe einer jüdischen Zeitung, allgemein politische Fragen zu erörtern und das Tun und Lassen der Völker zu kritisieren. Als Juden interessieren uns die politischen Ereignisse nur insofern, als sie die Lage unserer Glaubensgenossen des betreffenden Landes beeinflussen. Von diesem Standprrnkte aus möchte ich im folgenden einiges über die Befreiung Bulgariens und seine Erhebung zum Königreiche berichten. Als die Juden am Versöhnungstage in den Synagogen zu ■ innigem Gebete versammelt waren, verbreitete sich wie .ein Lauffeuer die Nachricht, daß Bulgarien als unabhängig erklärt wurde. Freute sich ein jeder über das bedeutungsvolle Ereignis — denn die Juden erstreben immer das Wohl des Landes, wo sie nur einigermaßen menschenwürdig behandelt werden, und nehmen den wärmsten Anteil an seinem Geschick — so erwachten doch bei manchem Befürchtungen) ob die wie alle Slawen im Grunde ihres Herzens judenseindlichen Bulgaren sich jetzt nicht mit derselben Wut auf die Juden stürzen, wie vor zwei Jahren auf die Griechen. Bisher schützten uns indirekterweise die europäischen Mächte, aber jetzt, wer wird es wagen dürfen, den freien Bulgaren Einhalt zu gebieten? Diese Befürchtungen hegt man im stillen noch jetzt, trotzdem, wie wir weiter unten sehen, der „bulgarische Zar" sich in anerkennenswerter Weise über die Juden äußerte. An herzlicher Teilnahme an der allgemeinen Feier ließ man es jedoch nicht fehlen. Alle jüdischen Gemeinden Bulgariens sandten dem neuen König Glückwunschtelegramme und veranstalteten aus Anlaß der Landesbefreiung Festgottesdienste, wobei die patriotischsten Reden in Anwesenheit der Vertreter der höchsten Behörden gehalten wurden. In Sofia sprachen der Großrabbiner Dr. Ehrenpreis und Dr. Rosenwasser, in Philippopel der jetzt in ganz Bulgarien von Juden und Christen geschätzte Dr. Z. Rabbiner. Derselbe, der seit vier Jahren in Bulgarien weilt, und über dessen ersprießliche Tätigkeit zu berichten ich mw für ein Zweitesmal Vorbehalte, wirkb erst seit einem Monat als Rabbiner der - hiesigen jüdischen Gemeinde, hat ihr aber bereits den größten^ Dienstgeleistetindem er -siein würdiger Weise dein König gegenüber vertrat. Als der König ' "zum erstenmal herkam, stand Herr Dr. .Rabbiner an. der Spitze der jüdischen Deputation undbewillkommnete. den König mit wenigem aber herzlichen Worten. Beider zu Ehren des Königs.. stattgehabten Parade ließ sich der leutselige Herrscher mit Herrn Dr. Rabbiner in eine längere Unterredung, ein. Da diese für die Juden Bulgariens von großer.Bedeutung ist, möge sie etwas ausführlicher behandelt werden. Herr Dr. Rabbiner richtete an den König folgende Worte: „Es gereicht mir zum höchsten Glück, Ew. Majestät im Namen der jüdischen Gemeinde Philippop'els die tiefempfundenen Gefühle von Treue und Ergebenheit zum Ausdruck zu bringen." . . . Auf die Frage des Königs, ob sich auch hier die Gemeinde, in Aschkenasim und Sephardim spalte, erwiderte Herr Dr. Rabbiner: „Sowohl die einen als auch die anderen sind von der Liebe zu Ew. Majestät, wie von patriotischen Gefühlen für das bulgarische Volk und Land durchdrungen."' Darauf machte der Zar folgende markante Bemerkung: „Ich Protegiere gern die Juden, suche stets die Gelegenheit, sie zu fördern und hoffe auch, daß die Juden Bulgariens es einsehen. und anerkennen." „Ew. Majestät," versetzte Herr Dr. Rabbiner, „die Juden Bulgariens sehen in Ew. Majestät nicht bloß den gerechten und humanen Zaren, sondern auch den Vater des Landes, der, um seine Kinder' zu beglücken, niemals nach deren Nationalität und Religion fragt. Und was die patriotischen Beziehungen zum bulgarischen Volke, betrifft, so sind die hiesigen Juden stets bereit, auf dem Altar des Vaterlandes die größten Opfer zu bringen, wenn es. der Moment erheischen wird." Der König drückte Herrn Dr. Rabbiner die Hand und sagte: . „Ich danke Ihnen sehr, Herr Rabbiner," woraus dieser noch folgendes hinzüfugte: „Die Stunde, in der ich das Glück hatte, im Namen der jüdischen. Gemeinde den aufrichtigen Glückwunsch anläßlich des heutigen Tages zum Ausdruck zu bringen, wird mir stets unvergeßlich bleiben und mich an meine heilige Pflicht mahnen, die hiesige jüdische Jugend als treue Patrioten zu erziehen." Der König verneigte sich und dankte für die an ihn gerichteten Worte. Der Umstand, daß der König einen Juden durch obiges Gespräch so aüszeichnete, machte auf die gesamte Bevölkerung einen tiefen Eindruck. Wir geben uns gern der angenehmen Hoffnung hin, daß das Volk dem König niemals Gelegenheit bieten wird, die Juden protegieren zu müssen, und daß die oben geäußerten Befürchtungen sich als unbegründet erweisen werden. Jsaae Kanel, Lehrer des „Hilfsvereins der Deutschen Juden". „Das Judentum am Scheidewege," ' Von Dr. H. Fuchs-Chemnitz. in Rabbiner über Zionismus! Ein Kollege, der einen Namen hat unter seinen Berufsgenossen, — ein Mann,, dem es an Vorbildung und Muße zu wissenschaftlicher Vertiefung, nicht fehlen kann — der durch sein Amt für das Religionsjudentum voreingenommen sein wird — der . es" also an überzeugungskrästiger Begründung seines Standpunktesj schwerlich fehlen., lassen wird — — eifrig.hastete ich nach dem y Das Judentum um. Scheidewege. Ein Wort zur Schicksalsfrage an die Starken und Edlen des jüdischen Volkes. Von Dr. Max Joseph, Rabbiner in Stolp i. P. Berlin, M. Poppelauer,^1-M8.:: .