Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Untere Linderltubk. Von Elise Guttmann in Mannheim. ^^!hr voller Name ist eigentlich Jüdische Kinderstube, wir ''.^ f aber, denen sie besonders nahe steht, nennen sie mit Vorliebe und -mit — Gründerstolz — gern die unsrige. Sie -ist „Neuland", diese Heimstätte, noch nicht gar lange gewonnenes „Neuland" — aber doch schon von einem zahlreichen bodenständigen Völkchen bewohnt. Täglich hält es hier gemut seinen Einzug und jedenfalls sind es die glücklichsten Lebensstunden, die es hier verbringt. Die Sonne, die in 'diesem kleinen Reiche niemals untergeht, bewährt ihre desinfizierende Kraft,' gerade hier in ganz wundertätiger Weise, ' so daß alle Keime und Miasmen trüber Erscheinungen schon im Entstehen vernichtet werden und stets für gesunde, lebensfrische Luft gesorgt isü Geleitet und gepflegt von kundiger, liebevoller Hand, ist das anfangs verödete Ländchen zu einem lieblichen Garten buntbepflanzter Menschenknöspchen herangeblüht, der den Eintretenden auf das angenehmste gefangen nimmt. Der „wissende" Besucher ist ob diesem schönen Fortschritt freudig überrascht; weiß er doch, daß sich hier vieles zum Bessern gewendet hat. — Denn nur schwer konnten sich die an freie glückliche Lebensbedingungen nicht gewöhnten; Schattenpflänzchen, dem fremden wärmeren Erdreich anpassen mußten sie doch einem gar zu dürftigen unwirtlichen Boden entrissen werden. Waren es doch nur feuchte kalte Nebel, ständiger, verderblicher Frühreif, der sich auf alles legte, was dort wachsen, blühen und gedeihen wollte. Aus einer trüben, von ewigem Dämmer umhüllten Welt, mußten wir unsere Kleinen — nur allzuoft gegen den eigenen und gegen den elterlichen Willen — herauslocken, um sie in ihr Sonnengärtchen zu bringen. Die Liebe zu ihm mußten sie erst lernen. Aber sie haben dies über jedes Erwarten rasch und gründlich getan, und das Mißtrauen der Eltern hatte ebenso schnell einer eine große Erleichterung atmenden Zuversicht Platz gemacht. — Wie wir dazu kamen zu diesem Kinderneuland? Wer sein Schöpfer war — möchten meine Leser wissen? Nun denn gut — an dem Willen, eine schlichte Darstellung dieses Werdegangs zu geben, soll es nicht fehlen und ivenn dieselbe einen oder den anderen Kinderfreund zum Nachdenken über Kinderelend anregt, oder wenn unsere Gründung nur in einem einzigen Falle vorbildlich wirken würde, wäre diese kleine Mühe ja überreich belohnt. Es war vor wenigen Jahren, kurz nach den furchtbar bestialischen Massenpogroms. Ein vorzeitiger Winter kündete seine harte Herrschaft bereits durch kalte Novemberstürme an. Den sich rapid verkürzenden Tagen folgten rauhe, unfreundliche Abende, die ihre unheimliche Last schwer auf das ohnedies niedergedrückte Gemüt fühlender und denkender Juden legte. Das gerade jetzt beängstigend -nahe gerückte Empfinden von der Nichtigkeit alles Bestehenden, insbesondere das von der eigenen Vergänglichkeit, von dem menschlichen Fremdsein hier auf Erden, mischte sich mit dem Schmerz und der Trauer um jene unglücklichen' Stammesgenossen/die nicht einmal diese '-kürze Spanne Zeit ein Plätzchen finden, auf dem sie in Ruhe "ihr kärgliches Dasein fristen konnten und die darum doppelt fremd und heimatlos in dieser kälten Welt herumirren. Und fremd und heimatlos waren auch die jener Aermsten, die sich bereits' in ganzen Massen zu uns geflüchtet hatten; und das mitleidige Verlangen, sie auf dem unbekannten Wege, den sie jetzt zu begehen hatten, nach Möglichkeit zu stützen, bestimmte eine Anzahl warmherziger Frauen, sie in ihren Wohnungen aufzusuchen, um ihnen dort- .beizustehen mit Rat und Tat- Zu diesem Zwecke stellte man sich in 'den Dienst von zirka 30 Familien, von denen je zwei, von'zwei Damen fortgesetzt — (dieselben Damen und dieselben Familien) — allwöchentlich besucht wurden. Durch taktvolle und freundschaftliche Be-' lehrung wollte man dort einen wirtschaftlichen Aufstieg zu erzielen suchen, d. h. man wollte die Frauen zu unserer, zur deutschen Wirtschaftsmethode bekehren. Man wollte zusehen, wo es fehlt, um am richtigen Platz eingreifen zu können. Zu-' meist aber war es auf eine intimere persönliche Fühlung, auf einen Brückenbau von Mensch zu Mensch abgesehen. Dadurch sollte die Scheu und das Mißtrauen auf jener und der Hochmut und die Ueberhebung auf unserer Seite ihre trennenden Pole verlieren, man hoffte sich dadurch in bewußtem Zusammengehörigkeitsgefühl zu finden — denn man sagte sich mit Recht, ohne daß gewisse soziale Schranken zu Falle gebracht werden, ist an ein Aufhelfen, an ein Besserwerden nicht zu denken. Ob er uns gelungen — der große Wurf? — Nun denn, wenn nicht gleich alles, so doch einiges. Ein völliges Mißlingen war ein Ausnahmefall, verschuldet von beiden Seiten. Wo die Besuche regelmäßig fortgesetzt wurden, waren bald kleine' Erfolge .zu bemerken. Schreiberin dieses kann sogar einige vollständige verzeichnen. Und das war nicht einmal schwer, dennwo Verständnis, guter Wille für eine Sache sich wohlwollend begegnen, da ist schnell eine gemeinsame Straße gefunden, die zum gewünschten Ziele führt. Aber diese, etwas „neuartige Fürsorge", wie man sie uns zuweilen ironisch zu benennen beliebte — zeitigte noch ein anderes Resultat. Nämlich sie war die Gründerin unserer jüdischen Kinderstube. . Durch sie lernten wir das oben geschilderte Kinderelend kennen, über dessen Tragödie Bände zu schreiben waren. Obschon es vielleicht ganz aktuell wäre, dem Leser hier einen „Tiefblick" zu verschaffen, möchte ich doch ihm es ersparen, auf die Wirklichkeit näher eiuzugehen; und es sei deshalb nur bemerkt, daß von dem Heer anderer Nöte abgesehen, die Wohnungsnot „diesen Kindern" den traurigsten Stempel aufdrückt und daß es nur dem opfermutigsten Familiensinn diesem, unserem Stamme wohlerhaltenen „väterlichen Erbe" zu danken ist, wenn bei solch mangelhaften Lebensbedingungen ein Mensch zur normalen Entwicklung gelangt. — Ganz wird dies wohl niemals gelingen, das beweisen - unsere durchschnittlich körperlich halbdegenerierten Massen. An diesen. wundesten Punkt nun die Sonde anzusetzen, war der Beschluß weniger Tage — denn wo das „Heute" rief, durfte es kein „Morgen" geben. Und so stand in kurzer Zeit, sobald die Lokalsrage gelöst war — unsere- Kinderstube zwar auf primitiven Füßen — aber sie stand. — Wohl hatten wir noch, wie oben erwähnt, mit Eltern und Kindern manche kleinen Kämpfe zu bestehen, aber auch dies gab sich bald, schnell waren alle Mißverständnisse beseitigt und wenn wir auch zunächst nicht viel mehr als Luft und Licht und erziehliche Liebe zu bieten hatten, strömte man uns. doch bald in kleinen Scharen, zu. Als uns aber durch die Hilfe einiger Kinderfreunde die Möglichkeit geboten ward, die Kleinen über Mittag zu behalten, sie zu speisen, mußten wir bald an die Erweiterung, des Lokals und der Hilfskräfte denken. Heute nun sind es zirka 65 kleine Plappermäulchen, die mit allem möglichen, so mit Antworten aus tiefgründige Fragen, mit Lob, mit Tadel mit Schmeichelworten, insbesondere aber mit Essen und Trinken befriedigt sein wollen. — Allerdings, mit dem Wachsen der Institution sind auch unsere Sorgen, aber — auch unsere'Freuden gewachsen. Resultieren die ersteren aus den leider noch immer mangelhaften pekuniären Hilsstruppen, so beziehen wir die letzteren aus dem sichtbaren körperlichen Aufblühen und aus dem merkbaren geistigen Wachwerden unserer kleinen Zöglinge. — Wunderbar.rasch.entwickeln üüi