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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-13 · Heft 46 (13.11.1908) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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Liberal oder rsdiksl? Von Bezirksrabbiner Dr. Lewin-Freiburg. den letzten Nummern dieser Zeitschrift ist den Herren Kollegen Klein und Köhler das Wort gegeben worden, ihre Ansichten vom" liberalen Judentums klarzustellen. Um der Meinung entgegenzutreten, als ob diese Herren die Wortführer auch der deutschen Liberalen wären, erbittet der Unterzeichnete Raum für einige kleine Gegenbemerkungen. Beide Herren predigen in Schweden und in Amerika prophetisches Judentum imGegensatze zu dempriesterlichen. Aber ist es denn sicher, daß diese beiden — Propheten und Priester — in solchem diametralen Gegensätze standen? Ich gehöre zu denen, die die Behauptung eines solchen Gegensatzes als historisch und logisch verkehrt ansehen. Moses ist uns, die ihn als Lehrer und Meister verehren, zugleich Priester und Prophet. Aber auch denen, welche ihn von der frommen Sage gedichtet meinen, muß diese. Dichtung erweisen, wie Priestertum und Prophetie ineinander übergingen, miteinander innig verwachsen waren. Und wenn die Propheten sich gegen kulturelle Handlungen wenden, so sind es Auswüchse derselben. Mißbrauch, der mit ihnen'getrieben wird, den ihr Tadel trifft, nicht die Kulthandlungen selbst! Jesaias schmäht nicht die Opfer, sondern die Vereinigung von Opfer und Unrecht. Hat er doch den klassischen Ausdruck für das Lippenbeten bei schuldbelastetem Gemüte geschaffen. „Auch wenn ihr viel betet, höre ich nicht darauf. Eure Hände sind blutbefleckt!" Auch Jeremias, den man so gern zum Eideshelfer holt wegen des Satzes (7, 22) „denn ich redete nicht zu euren Vätern und gebot ihnen nicht an dem Tage, da ich sie aus dem Lande Aegypten führte, wegen Ganzopfer und Schlachtopfer", auch er hat damit den Levitikus und alle Opfergesetze nicht als apokryph bezeichnen, sondern allein darauf hindeuten wollen-, daß mit ihnen der Wunsch der Menschen erfüllt wird, während das Hören aus Gottes Stimme und das Wandeln auf dem von Gott gegebenen Wege (dort Vers 24) das von Gott dem Menschen Befohlene ist. Durch Vermittelung Abraham Geigers haben seine Schüler die von christlichen Gelehrten so scharf pointierte Scheidung zwischen Prophetie und Priestertum übernommen. Bei den Nichtjuden war diese Sonderung folgerichtig und zweckerfüllt. - Damit wird der Paulinismus ausgebaut, die Gesetzesreligion als minderwertig bei Seite geschoben und dem Christentum die Glorie verschafft, daß es allein das Erbe der Propheten angetreten habe. Wir Juden haben keinen Anlaß, die Wahrheit so zu trüben — uns haben Gesetz und Prophetie zusammengewirkt, uns den Gottesweg erkennen und gehen zu lassen. Das-hat der Deuteronomiker im Kap. 4, 5 so deutlich ausgesprochen, daß daran nicht gedeutelt, noch gerüttelt werden kann. „Siehe, ich habe euch Satzungen und Rechte gelehrt (Obukim-^e-Wsedpotim), befolget'sie . . . wahret und übet sie, denn das gilt als eure Weisheit und eure Einsicht vor den Völkern" usw. Der Priester richtet nicht allein über Berührung und Plage, sondern ebenso über Gesetz und Streit (5; Buch Moses 17, 8) und der Prophet mahnt, am Sabbat sich der Arbeit zu enthalten — Jesaias 56, 4 und 6, Jeremias 17, 27, der außer der Arbeit auch das Ausladen, Tragen und Hinausführen von Lasten als verboten erklärt, und Amos und Ezechiel betonen es noch nachdrücklicher! Niemals haben die Propheten ein Judentum ohne Gesetz und ohne Zeremonie gelehrt; „Gedenket der Lehre des Mose, meines Dieners" — dies Schlußwort der Propheten ' weist ausdrücklich auf Satzungen und Rechtsgesetze hin! Wenn wir uns liberal nennen,, so'.wissen wir uns damit in Uebereinstimmung mit den Propheten und mit den Priestern Israels, deren Mund die Lehre der Wahrheit spricht, daß - Unrecht , auf ihren Lippennicht gefunden wird, die im Frieden und Gradheit mit Gott wandeln und Viele von Schuld zurücksühren (Maleachi 2, 7). Wir wollen das Gleichmaß Herstellen zwischen Geist und Körper,- zwischen - Glauben, Sittlichkeit und äußerem Tun. — Von Uebertreibung suchen wir fernzubleiben, dem Mißbrauch wirken wir entgegen, aber ' wir mögen weder ein geistloses,, noch ein entkörpertes Judentum! Rabbiner Dr. Klein spottet über den Küchenrabbiner: Wo in aller Welt ist je ein alter Raw ein Küchenrabbiner, nur betraut mit der Wahrung von Ritualien gewesen? Dieser Männer Hauptberuf war es, „für die Kehilla zu lernen",- d. h. Träger und Lehrer des Religionsgesetzes, der Bibel, des Talmud, der Erklärer und Dezisoren zu sein. Was man kaum in unserer Zeit kennt: die Gemeinden, bestellten Männer, die Wissenschaft des Judentums zu Pflegen! Darum will ich es im Namen meiner Gesinnungsgenossen ungescheüt aussprechen, daß wir stolz darauf sind, in unseren Gemeinden Lehrer des Judentums, seiner Wissenschaft und seiner Ideen, seiner Gesetze und seiner Bräuche, seiner Moral und seiner Riten zu sein! Wir möchten es auch nicht missen, daß wir neben der Seelsorge, dem. Religionsunterricht, ' der Predigt, nicht auch über Schlachten und Speisegesetze zu entscheiden haben sollten. Wenn man nun aber gar in den tastenden Versuchen vergleichender Religionswiffenschaft Gründe der Gesetze (Täame Mizwoot) aufsucht, welche uns das Beobachten, dieser Gesetze entwerten ^sollen, so warnen wir vor solchem Vorgehen. Selbst wenn jene Versuche etwas richtig getroffen Haben — was ja noä) sehr fraglich ist — so gibt es sicherlich manche Gründe für jede Vorschrift. Aber nicht, was ursprünglich gemeint war, gibt die Entscheidung, sondern, was das Judentum daraus gemacht und wie es im Judentum gewirkt hat. Köhler wehrt so entschieden das Nachweisen der hygienischen Wirkungen ab. Physiologen und sonstige Naturkundige . sind wohl da bessere Lehrer. Sie anerkennen die Wirkungen des'Blutverbotes und vieler anderer Vorschriften. Die Schlachtschau ist entstanden in Nachahmung unserer Bedikah. Gewiß haben diese Satzungen auch ethischen, erzieherischen Wert — aber „die der Mensch tut, daß er lebe in ihnen" (Levit. 18, 5) verheißt die Bibel ausdrücklich. Wenn wir nun fordern, daß das Bestehende erhalten werde in historischer Entwicklung und Wandlung, so scheint es, daß auch diejenigen, welche sonst Form und Brauch und Betätigung schnell abtun, wenigstens vor dem Sabbat stillhalten. Wir freuen uns dessen, wollen aber bemerken, daß uns Gebetsversammlung und Predigt nicht ausreichen; auch das „Denken" (Sachor) allein nicht genügt. Wir werden nie vergessen, daß „Hüten, Beobachten" (Schamor) mit diesem Denken vereint sein soll, daß. der Sabbat anbefohlen ist, damit der Mensch ihn „betätige" (Ia’asot). ( Evolution, nicht. Revolution, Entwicklung,nicht^Vegwerfen ist unsere Ptatso.rm, mit der wir der Liberalen Vereinigung beigetreten sind. Wir waren darauf gefaßt, dabei als Gegner zu finden : Orthodoxie und Jndifferentismus! Tritt auch der Radikalismus hinzu — wir fürchten ihn nicht als Gegner. Als Genosse würde er uns vernichten. Darum: Liberal oder radikal! Nicht liberal und radikal!

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