Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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UN den Haß gegen die Indenauch ohne daß diese auch nur: Hie allergeringste Schuld zu haben brauchen, mehr als Hur Genüge zu erklären. \ Deutsche, Franzosen, Spanier, Portugiesen, Engländer usw. haßtenals Christen die in ihrer Mitte lebendem;JUden; 'es handelte sich -bei allen diesen Völkern Und handelt sich zum Teil noch bei ihnen eigentlich. nicht, sowohl um einen allgemeinen als nur um einen einheitlichen Haß. Schließlich, um.mit Tolstoi zu reden, hassen bh Völker die Juden mehr.für das. ihnen angetane als für das von ihnen-erlittene. Unrecht; und an erlittenem Unrecht hat es den Juden ja wahrlich nicht gefehlt. Es ist demnach gründlich verfehlt, aus dem allgemeinen Haß, dem die Juden ausgesetzt waren und zum Teil noch sind, auf deren Schlechtigkeit oder Minderwertigkeit zu schließen. Die Schuld lag nicht an ihnen, sondern an der der Menschennatur eigentümlichen Art, die gerade die Juden schon, in frühester. Zeit von ihrer Religion abzulegen gewöhnt wurden, während die christliche Kirche dem natürlichen Fremdenhaß, soweit. Juden in Betracht kamen, ein vermeintlich . frommes Mäntelchen, vielmehr schon einen riesengroßen Mantel, aber nicht der Liebes nmhing. Die Kultur hat die 'Aufgabe, die von der Natur den Menschen ans irgendwelchen Gründen mitgegebenen Leidenschaften und Schwächen zu mildern, zu mindern und mit der Zeit gänzlich zu beseitigen. Die Kultur duldet schon lange keinen Kannibalismus mehr und hat ihn bis in einige kleine, entlegene Und unzugängliche Schlupfwinkel des Erdballs zurückgedrängt. Die Kultur kennt nicht mehr die Abschlachtung Fremder, wenn auch deren Behandlung in vielen mehr oder weniger zurückgebliebenen Ländern noch viel zu wünschen übrig läßt. In den Kulturländern kennt man nicht mehr die Blutrache. Je kultivierter ein Volk istdesto weniger kennt es■, den Fremdenhaß, und ganz kultivierte'Menschen erkennen .in jedem Menschen, gleichviel welcher Religion, Nation, Rasse oder Farbe den Menschen, und, wenn dieser auch kultiviert, den vollständig gleichberechtigten Menschen. Die wirklich auf der Menschheit Höhen Weilenden und Wandelnden, die wahren Fürsten, Staatsmänner, die Gelehrten, Dichter und Künstler werden in ihren Kollegen und Verufsgenossen selten wenn je Fremde sehen oder gar hassen, ohne darum auch nur im geringsten etwas von ihrer eigenen Nationalität einzubüßen. Der nationale Chauvinist, der religiöse Fanatiker, sie sind nicht nur niemals wirklich kultivierte Menschen, sie sind niemals auch wirklich würdige Vertreter ihrer Nation oder Religion. Und schließlich wird ein vernünftiger Beurteiler Menschen, die seit zweitausend Jahren und darüber mit ihm dieselbe Heimat teilen, doch im Ernst wicht Fremde nennen können, ohne sich grenzenlos lächerlich zu machen. Mit Recht ist in der Behandlung der Juden ein vortrefflicher Maßstab für die Beurteilung des Kulturgrades eines Volkes erkannt worden. Oft vergleichsweise geringfügige Vorfälle und Zeichen werfen ein ganz charakteristisches Streiflicht auf das Kutturniveau eines Volkes, Wenn in Frankreich ein Jude zum Kommandanten einer Division, in Italien ein Jude zum Kriegsminister ernannt wird, während zu derselben Zeit ein Jude in Deutschland nicht einmal 'Leutnant der Reserve werden darf, und wenn man in Deutschland trotz aller. Erfahrungen und Beweise als etwas ganz selbstverständliches den Juden jede militärische Tüchtigkeit abspricht, dann schätzt man unwillkürlich die eigene Kultur niedriger ein, obgleich bie zivilisatorischen Leistungen Deutschlands mit denen Frankreichs und Italiens sich sehr wohl messen können. Daß man die Kultur Rußlands nicht sonderlich einschätzt, dafür gibt es Gründe genug. Aber wer möchte bezweifeln. daß. selbst die gründliche Niederlage .Rußlands im .japanischen Kriege dem Rufe Rußlands als Kulturland lange nicht so geschadet hat als die Pogroms? Aber' selbst die Pogrmns sind noch nicht so charakteristisch für Rußland wiedie kleinlichen judenseindlühen Maßnahmen,: die . bie : russischen Behörden in neuestet Zeit ergriffen haben, nur daß -diese natürlich nicht solches Aufsehen inachen. Pogroms! nun ja, die bMe luimüine war einmal tosgelasseu, die Bestie war ausgehetzt und hat bestialisch ihrer Natur, gemäß gehaust. Es sind eben Ausbrüche ..der Bestiennätur. Aber eine Regierung, die nach den Niederlagen in dem japanischen Kriege, nach den Enthüllungen über die Korruption in den höchsten Reihen, bei Hofe, im Heerein der Marine und in der Zivilverwaltung, zu einer Zeit, da ' in weiten Teilen des Reiches Hungersnot und Seuchen herrschen, Zeit und Laune findet, tu Vergessenheit geratene Bestimmungen wieder hervorzuholen, daß jüdische Künstler nicht außerhalb des Rayons wohnen, daß nicht, .mehr als so und so viele Prozent Schüler.diese oder jene Schule besuchen, daß Juden selbst auf der Durchreise nicht Moskau betreten sollen, stellt sich selbst das Zeugnis geringster Kultur aus. Aber sie bewegt sich doch, die Kultur, und dringt langsam, aber sicher immer weiter vor. Selbst die freindensemdlichsten Länder wie China und Japan haben sich der Kultur schließlich doch erschlossen.' Einst muß und wird auch kommen der Tag, da selbst aus den jndenfeindlichsten Herzen, und Ländern, der Judenhaß verschwunden sein wird, daß man sich schämen und nicht begreifen wird, daß er solange hat bestehen können, daß Regierungen so verblendet, sein konnten, ihn zu begünstigen, und daß die Kirchen solange nicht eingesehen haben, daß sie durch nichts so sich in Widerspruch mit sich selbst und ihrer Religion setzen als durch judenfeindliche Lehre und Praxis- ... Dir Woche. Berlin, 11. November, ie Kommission des Abgeordnetenhauses für die Beratung des Pfarrer- und Lehrerbesoldungsgesetzes hat in der vergangenen Woche über einen Antrag des Verbandes deutscher Juden beraten, der von zwei Mitgliedern der- Kommission in der Form folgender Resolution ausgenommen war: «Die Königliche Staatsregierung zu ersuchen, noch im Laufe dieser Session einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den eineSumuie von.400000 Mark jährlich aus Staatsmitteln zur Gewährung von. dauernden Beihilfen an leistungsfähige jüdische Gemeinden zwecks Aufbringung von Grundgehalt, Alterszulagen, Ruhegehalt und Hinterbliebenenversorgung ihrer Rabbiner sowie zwecks Neuerrichtung von Nabbinerstellen bereitgesteltt wird." Die Resolution wurde abgelehnt, weil nach Lage der Gesetzgebung die Kommission sich außerstande erklärte, bei diesem Gesetz diese Materie zu regeln. Den Antragstellern wurde anheim gegeben, ihre Wünsche eventuell im Plenum zu wiederholen. Sie werden es auch sicher tun. Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, wie herzlich wir uns darüber freuen, daß die Anregungen, die wir bereits bei Veröffentlichung des Etats gegeben, so. unmittelbar gewirkt haben. Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche hat übrigens, wie uns mitgeteilt wird, mach Einholung einer Reihe von Gutachten aus verschiedenen Provinzen Preußens eine PetiUru an den preußischen Landtag, das Lehrerbesoldnngsgesetz betressiuld, vorbereitet.:. Die