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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-13 · Heft 46 (13.11.1908) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. 46. Berlin, 13. November 1908. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonn e ni enis - Preis: durch.Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere . verlriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3UI. Redakteur: G«ftcrv Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. VerlaZs-LixeMeu: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Völker hgh. Berlin, 11. November. iner der plausibelsten und darum beliebtesten Gründe, die für die Schlechtigkeit der Juden von den Antisemiten angeführt werden, ist der, daß die Juden zu allen Zeiten von allen Völkern gehaßt worden seien. Die Tatsache läßt sich nicht gerade in Abrede stellen, läßt sich aber trotzdem als Argument nicht in der gewünschten Weise verwerten, selbst dann nicht, wenn man mit den Antisemiten das deutsche Sprichwort: „Viel Feind, viel Ehr" unbeachtet läßt. Von allen nicht schlüssigen Gründen die weitaus gefährlichsten sind die besonders plausibel klingenden. Man läßt sich nämlich dadurch, daß sie so einleuchtend scheinen, verleiten, vonihrer gründlicheren Prüfung äbzusehen. Eine solche halten aber die auf den ersten. Blick so einleuchtend scheinenden Gründe sehr oft nicht aus. Nimmt man die Prüfung aber dennoch vor, dann verschwindet gar bald die Leuchtkraft des Grundes und er fällt in sich zusammen und kann nicht mehr. Aufgeklärten gegenüber vorgebracht werden! Gewiß, die Juden waren vielfach verhaßt. Aber sollten es etwa die Eskimo, die Kalmücken, die Herero sein, die mit den anderen Völkern gär nicht in Berührung kommen, von den meisten kaum dem Namen nach gekannt und aus diesem Grunde auch nicht gehaßt werden? Die Juden sind in frühesten Zeiten schon überall hingekommen und konnten daher sehr wohl überall mehr wie alle anderen Völker gehaßt werden. Ja, wird man sagen, dann hätten sie aber auch eher wie alle anderen Völker überall beliebt sein können, wenn sie zu lieben gewesen wären. Gewiß hätten sie das, wenn es nicht in der menschlichen Natur und somit in der Natur auch der Völker läge, die Fremden und überhaupt alles Fremde zu hassen. Den Beweis, daß dem so ist, braucht man gerade heute nicht weit zu suchen und kann ihn überall finden. Sogar die verschiedenen blutsverwandten deutschen Stämme stoßen einander ab, .bloß weil sie einander lange als Fremde gegolten haben. Dev Westfale liebt den Rheinländer nicht, der Bayer nicht den 7. Pommer. Alle hassen und verspotten sie die Sachsen, die sich natürlich ihrerseits auch revanchieren. Sollen wir gar aus die Polen, auf die österreichischen Völkerschaften, auf die mazedonischen Nationalitäten Hinweisen? Weiß niemand, wie die Engländer über Schotten und Iren denken und viee versa? Und damit man nicht etwa glaube, daß es politische Gründe nur find, die da mitsprechen, braucht nur daraus hingewiesen zu werden, daß die Iren in. Amerika ebenso gehaßt und verspottet werden. Und könnte jemand etwa ein Volk nennen,-daß, wir wollen gar nicht sagen überall, sondern nur hier- und da-bei'' einem und dem anderen Volke einigermaßen beliebt wäre? Wohin man sich auch wenden mag, wird man finden, daß die großen Völker die kleinen bald mehr, bald weniger hassen, und zwar desto mehr, je mehr die Anschauungen voneinander abweichen. Einzig die Juden — und das ist nicht ihr geringstes Ruhmesblatt — haben bereits in den ältesten Zeiten in ihren Gesetzen humane Rücksicht aus die Fremden in ihrer Mitte genommen. Bei allen anderen Völkern waren diese meist ganz rechtlos, oft geächtet und ihr Gut und Leben wie Gut und Leben der Feinde preisgegeben. Die Römer und Griechen selbst betrachteten sie als Barbaren, und noch heute ist dem Durchschnittsengländer jeder „Foreigner" mehr oder minder unsympathisch, verdächtig. Wenn irgend jemand über Unbeliebtheit in fremden Landen zu klagen hätte, dann sind es die Deutschen. Man frage nur, wie man in Rußland, Frankreich, England, selbst Amerika über die Deutschen denkt. In unzähligen russischen Zeitungsartikeln braucht man nur für „Deutsche" „Juden" zu setzen, und die schönsten antisemitischen Artikel sind fertig. Das Seltsame und Charakteristische ist, daß die tüchtigsten Völker gerade am meisten gehaßt werden. Engländer und .Deutsche sind gerade wegen ihrer güten Eigenschaften, die Deutschen speziell wegen ihres Fleißes, wegen ihrer Bildung, ihrer Gründlichkeit, Gewissenhaftigkeit unbeliebt, ja verhaßt, . Die Völker, in deren Mitte sie leben, fühlen sich gerade durch die guten Eigenschaften der anderen am meisten geniert. Tout comme chez nous, gerade wie es den Juden ergeht. Die Juden waren aber früher nicht nur Fremde wie andere mehr, sondern sie hatten auch viel Eigenartiges. Im Altertum wie später bis in die neuesten Zeiten unterschieden sie sich durch ihre Religion, und zwar war dies und ist dies eine Religion, die im täglichen Leben und Verkehr auf Schritt und Tritt ihre Bekenner erkennen ließ. Katholiken und Protestanten können jahrelang in einer Stadt nebeneinander wohnen, ohne daß sie voneinander wissen, welcher Konfession sie angehöreN. Die Juden erkannte man, noch ehe sie durch besondere Abzeichen weithin kenntlich gemacht wurden, an ihrem Sabbat, an ihrer Küche, daran, daß sie gewisser Speisen sich enthielten und deshalb bei und mit Andersgläubigen nichts aßen und tranken. Rechnet man noch hinzu, das in den weitaus meisten Fällen, und in den Ghettozeiten noch mehr, fremdartige Aussehen, die ihnen ausgezwungene Beschränkung auf eine geringe Anzahl meist obendrein abstoßender und verhaßter und Haß eintragender Geschäfte — Geldgeschäfte, Pfändleihe, Trödel usw. —,. dann brauchte es gar nicht einmal der Extraverfolgungen durch die Kirche und die bis vprkurzem üstd zürn Teil noch jetzt aufs engste mit ' ihr verbundenen, ja von ihr vollständig abhängigen. Staaten,

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