Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlins zog Frau R-, die einen jüdischen Ehemann hat, gemäß. § 5 des Gesetzes, betreffend die Erhebung der Kirchensteuern in katholischen Kirchengemeinden und Gesamtverbänden, vom 14. Juli 1905 zur Kirchensteuer heran. Der § 5 bestimmt: Der katholische Teil einer Mischehe ist von der Hälfte des Staatssteuersatzes, zu dem der Ehemann veranlagt ist, zur Kirchensteuer heranzuziehen. Frau N. erhob gegen ihre Heranziehung Einspruch, indem sie geltend machte, daß der § 8 des Gesetzes von 1905 unter „Mischehe", nur eine Verbindung von Personen verschiedener christlicher Konfessionen verstehe. Der Ausschuß der Verbandsvertretung verwarf den Einspruch, worauf Frau R. Beschwerde erhob, die sie bei der sürstbischöflichen Delegatur einreichte. Diese legte mit einer Aeußerung über die Streitfrage die Beschwerde der Staatsbehörde, das heißt dem Polizeipräsidenten vor. Er hörte zunächst den Ausschuß der Verbandsvertretung und beschied sodann die Beschwerdeführerin abschlägig. Sie focht den Bescheid des Polizeipräsidenten mit der Klage an, indem sie bei ihrer Auffassung von der Bedeutung des § 5 des Gesetzes von 1905 verblieb. Der achte Senat des Oberverwaltungsgerichts hat die Klage abgewiesen. Er ist der Meinung, daß § 5 auf Mischehen überhauptalso auch auf solche Mischehen, bei denen der eine Ehegatte nicht-christlichen Glaubens ist, Anwendung findet. -^ Osterode (Ostpr.), 25. Oktober. Am 19. d. M. beging der bekannte und verehrte Herr Predigsr und Religionslehrer Jakob Sturmann, der im vorigen Jahre unter Anteilnahme weiter Kreise das fünfzigjährige Amtsjubiläum gefeiert hat, seinen siebzigsten Geburtstag, und unsere dankbare Gemeinde und die Berufsgenossen des Jubilars benutzten diesen willkommenen Anlaß, um dem verehrten Manne ihre Liebe zu bekunden. Nach dem Morgengottesdienst in der Synagoge, woselbst der Sitz des Jubilars bekränzt und mit der Zahl 70 geschmückt war, fand in der Behausung zunächst im Kreise der Kinder, Enkel und Verwandten eine Familienfeier statt. Daran schloß sich die Gratulation des Vorstandes des Vereins jüdischer Lehrer Ostpreußens, der in voller Zahl aus der Ferne herbeigeeilt war, um seinem langjährigen Vorsitzenden durch Herrn Waisenhausinspektor Peritz-Königsberg in einer trefflichen Rede seine Glückwünsche zu übermitteln und einen Korb mit schönen Früchten zu überreichen. Bewegt dankte Herr Sturmann in beredten Worten. Viele Aufmerksamkeiten in Form von Geschenken, Telegrammen usw. wurden von Seiten einzelner Gemeindemitglieder, der Schüler und Schülerinnen, des jüdischen Frauenvereins, dessen Begründer der Jubilar ist, gewidmet. Eine Familienfestlichkeit am Abend, zu welcher auch einige Vorstandsmitglieder des Lehrervereins geblieben waren, beschloß das Fest, welches Herr Sturmann, der bereits den Adler des Hohenzollernschen Hausordens erhielt, in voller Rüstigkeit begehen konnte. Möge es ihm vergönnt sein, in gleicher Frische noch lange zum Heile seiner Gemeinde zu wirken! — Graudenz, 31. Oktober. Hier ist am 20. d. M. Professor Dr. Ignaz Praetorius im 73. Lebensjahre plötzlich gestorben. In Graudenz war Dr. Praetorius aber erst seit acht Jahren und hier meistens in der Stille tätig. Der Schwerpunkt seiner öffentlichen Wirksamkeit und damit seiner reichen Verdienste lag in Könitz, wo er vordem eine lange Reihe von Jahren Gymnasialoberlehrer und gleichzeitig ein hervorragender Führer der Bürgerschaft war. Unvergessen ist seine zum Frieden, zur Duldsamkeit, zur Vernunft mahnende Wirksamkeit, als nach der Ermordung des Gymnasiasten Winter die Wogen des Antisemitismus in Könitz plötzlich so mächtig aufschäumten und zu Ausschreitungen der blinden Leidenschaftlichkeit führten. Leider konnte er hier seine Versöhnungsmission nicht fortsetzen, da er nach Graudenzberufen wurde, eine an sich günstige Versetzung, die er aber gerade damals schmerzlich empfand. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hat dem wackeren Manne . einen warmen Nachruf gewidmet. -ff. Aus -er Provinz Posen. Rechtsanwalt Dr. Orgler in Posen hat der Stadthauptkasse 800 Mark für den Spendensonds der Armendeputation und 200 Mark für den Spendenfonds des Oberbürgermeisters überwiesen. — Rechtsanwalt S moschewer Hierselbst ist zum Justizrät ernannt worden. — Herr Nathanson aus Berlin, aus Lobsens gebürtig, überwies aus Anlaß seiner Silberhochzeit der Stadt^emeinde 1500 Mark. — An Stelle des nach Meseritz verzogenen Königlichen Kreisarztes Dr. Michaelsohn ist Herr Kaufmann Herrmann Ziegel in Wreschen zum Stadtrat gewählt worden. — . In der Stadtverordnetensitzung zu Kosten w urde Kaufmann -7 ' Gotthelf auf weitere sechs Jahre zum Magistratsmitglied gewählt. . — Der Besitzer der Ernstmühle. Kaufmann Bernhard Prack in Berlin, ist, 62 Jahre alt, gestorben. Die. Mühlenebst Holz- - bearbeitungsfabrik beschäftigte bisher bis 50 Arbeiter,, welche infolge' der Schließung des Betriebes arbeitslos geworden, sind, inzwischen jedoch anderweitig hier Arbeit gefunden haben. Das hinterlassene Vermögen des. Verstorbenen beziffert sich auf mehrere Millionen Mark. — Die Mazzenfabriken haben bereits ihre Betriebe eröffnet, es werden zusammen 200 Personen beiderlei Geschlechts in sechs' Fabriken beschäftigt. — Vor der Strafkammer in Gnesen hatten sich die jugendlichen Burschen Bronislaus Meyer und Johann Fritsch Gollantsch wegen Schändung der jüdischen Leichenhalle dortselbst zu verantworten. Die Taugenichtse zerschlugen mit langen Stöcken die an den Wänden hängenden religiösen Bilder und Gebetstafeln. Die Trümmer warfen sie in eine Tonne und . steckten diese in Brand. Meyer erhielt zwei Wochen und Fritsch zwei Tage Gefängnis. / .£? — Hohensalza, 2. November. An der Einweihung der hiesigen Synagoge hatte auch der polnische Stadtverordnete und Direktorder Bank Ludowy, Grosman, teilgenommen, was ihm aber vom. - „Dziennik Kujawski" sehr verübelt worden ist und zu folgender Aus- /; ■ lassung Veranlassung gegeben hat: „Bei dieser Feierlichkeit nahmen auch die städtischen Behörden, unter anderem auch unser polnischer ■ Abgeordneter Grosman teil. Allgemeine Verwunderung und Entrüstung in unserer Stadt! Unsere Gemeinschaft kann dieses nicht verstehen, die Teilnahme an der jüdischen Feierlichkeit. Die Ver- ~ wunderung ist uni so größer, als Grosman nie an den städtischen Sitzungen teilnimmt, welche unsere Stadt in Hohensalza umgetauft haben. Wir denken auch daran, daß Grosman damals sicher gegen die jüdische Dreistigkeit gestimmt hat. Am schmerzlichsten ist es, daß Grosman Vankdirektor ist, und daß es sich mit seinem Namen auch als Vorsitzender des Wahlvereins nicht verträgt. Wir urteilen, daß unsere Gemeinschaft das Recht hat zu verlangen, daß einzelne, aus höherem Posten stehende Personen mit uns einer Meinung sind." Das ist die berühmte Judenfreundlichkeit der Polen! n. Breslau, 30. Oktober. Der Hauptlehrer emer. Isidor Walter, Inhaber der Adler des königlichen Hausordens von Hohen- . zollern, der seit Oktober v. I. nach 45jähriger segensreicher Amtstätigkeit in den wohlverdienten Ruhestand getreten ist und früher in Königshütte, jetzt zu Breslau wohnt, feierte am 29. v. M. seinen 70jährigen Geburtstag unter allgemeiner wohlverdienter Teilnahme der Kreise, denen er seine verdienstvolle Lebensarbeit in so reichem Maße gewidmet hat. M. Hamburg. 27. Oktober. Das Repräsentanten - kollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt im Ge- . meindeburau eine Versammlung unter dem Vorsitz des Herrn. I. Alexander ab. Herr A. Levy hatte folgenden Antrag eingebracht: „Das Repräsentantenkollegium beschließt, an den Gemeinde- Vorstand das Ersuchen zu richten, die Herausgabe eines Handbuches über sämtliche der Oberaufsicht der Gemeinde unterstehenden Stiftungen (§ 40 der Verfassung) zu veranlassen. Das Buch soll unter Zuhilfenahme des Archiv- und Aktenmaterials ausgearbeitet werden und eine Uebersicht über den Ursprung der Stiftungen, sowie besonders über die von den Stiftern festgelegten Bestimmungen geben." Der Antrag kommt auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung. Den Bericht der Kommission über die Aufbesserung der Gehälter der Lehrer und Lehrerinnen an der Töchterschule der Gemeinde erstattete Herr H. Fraustädter. Der Referent hob hervor, daß die Kommission sich eingehend mit der Materie beschäftigt und sich bei Festsetzung der Gehälter in: wesentlichen nach der in den Hamburger Volksschulen herrschenden Gehaltsskata gerichtet habe. Die Kommission könne auch im übrigen den Vorschlägen des Gemeindevorstandes in dieser Angelegenheit zustimmen. Weiter werde seitens der Kommission beantragt, daß Lehrkräfte, die das 65. Lebensjahr erreicht haben, ohne weiteres pensionsberechtigt sind. Nach -kurzer Debatte werden die von der Kommission gestellten Anträge angenommen. Die - Gehaltserhöhungen haben rückwirkende Kraft und werden bereits vom 1. April 1908 an gerechnet, jedoch mit der Maßgabe, daß die für das Schuljahr 1908/09 bewilligte Teuerungszulage aus das erhöhte