Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Gehalt angerechnet wird. -Der nächste Punkt der Tagesordnung betrifft eine Interpellation betreffs eines angeblichen Mißgriffes des Friedhofsinspektors auf dem Israelitischen Friedhof. Der Inspektor soll zwei Glaubensbrüder am Erew Jom Kippur wegen Bettelei auf dem Friedhof haben verhaften lassen. Die anwesenden Gemeindevorsteher, die-Herren M. Beith und Alfred Levh, sprechen ihr Bedauern über den Vorfall aus, ein Bericht des Inspektors sei eingesordert worden, und dieser Bericht stelle die Angelegenheit in ganz anderem Lichte dar. Nach eingehender Debatte gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Das Nepräsentantenkollegium spricht seine Entrüstung über die Handlungsweise des Friedhofsinspektors aus und bittet die Mitglieder der Begräbniskommission, Maßnahmen zu treffen, die eine - Gewähr dafür bieten, daß gleichartige oder ähnliche Vorkommnisse sich nicht wieder ereignen." Diese Resolution wird der Begräbniskommission zur Durchführung überwiesen. — Köln, 2. November. Der Dritte Rechenschafts-Bericht über die Tätigkeit des Ingen-Vereins „Gabriel Rießer" vom Oktober 1907 bis Oktober 1908 ist ein erfreuliches Zeugnis von dem rührigen Geiste, der diesen jungen Verein durchweht. Die Zahl der Mitglieder, betrug 516 Mitglieder (331 im Vorjahr). Außerdem' wurden 207 Damenkarten verausgabt. Demnach 723 ständige Besucher. Es fanden 14 Diskussionsabende über jüdische, 12 über allgemeine Themata, ferner Rede- und Diskutier-Uebungen, Kunstabende und Unterrichtskurse statr. Auch die Geselligkeit wurde eifrig gepflegt. Der Gabriel Rießer-Verein ist Dank dem Eifer und der Hingabe seines Leiters, des Herrn Dr. Alfred Apfel, der erste auf diesem Gebiete in Deutschland. Die Art und Weife, wie dieser Verein seine außergewöhnlichen Erfolge errungen hat, bietet einen beachtenswerten Beitrag zur Frage der jüdischen und auch der anderskonfessionellen Jugendbewegung. Eine wesentliche Erleichterung der Arbeit brachte dem Verein die Einrichtung des eigenen Heims. Es wurde eine vorzüglich geeignete Etage im Mittelpunkt der Stadt gemietet, die aus einem Vortragssaal, einem Lesezimmer (in dem über hundert Zeitungen und Zeitschriften aufliegen), einem Spiel- sowie einem Unterrichtszimmer besteht. Das Heim ist allabendlich geöffnet Und bietet den teilweise überfüllten Sprachkursen, dem Schach-, dem Musikkränzchen sowie den zahlreichen Lesern einen mustergültigen Aufenthalt. Zum Schlüsse sei hervorgehoben, daß der Gabriel Rießer- Verein den Zusammenschluß sämtlicher jüdischer Jugendvereine Deutschlands zu einem einheitlichen Verbände und die Schaffung eines Zeitungs-Organes erstrebt. Diesbezügliche Konferenzen in Frankfurt und Berlin haben gute Hoffnungen erweckt. Es wäre dies eine Ziel aufs Innigste zu wünschen. Nürnberg, 30. Oktober. In der jüngsten Sitzung der städtischen Körperschaften kamen Beanstandungen zur Sprache, die gegen' das Projekt des neuen jüdischen Friedhofs erhoben worden sind. Die israelitische Kultusgemeinde machte geltend, daß der Plan den Bedürfnissen besser entsprochen hätte, wenn die Stadt, wie seinerzeit gewünscht wurde, drei Tagewerke Terrain mehr abgetreten hätte, als geschehen ist. Die Kultusgemeinde würde es jetzt noch begrüßen, wenn die Kreisregierung, an die jetzt die Pläne gehen, das' vom Magistrat wiederholt abgelehnte Gesuch um weitere Grundstücksabtretung befürworten würde. Seitens der Stadtverwaltung wurde in der-Sitzung erklärt, daß man auf die Grundstücksabtretung nicht mehr zurückgreifen solle. Die israelitische Begräbnisstätte sei bei der geringen Anzahl von Sterbesälleu auf Jahrzehnte hinaus ausreichend. Der Oberbürgermeister fügte hinzu, daß der israelitische Friedhof auf 50 Jahre reiche. — Offenburg, 30. Oktober. In einem Lande, in dem die politischen und konfessionellen Gegensätze seit Jahren aufs äußerste zugespitzt sind, verdient jeder erfreuliche Vorgang konfessioneller Duldung auch in der Oeffentlichkeit erwähnt zu werden. An der kirchlichen Einweihung der katholischen Kirche in Offenburg nahmen der protestantische Oberbürgermeister mit dem Stadtrat, der Amtsvorstand, Geheimer Rat v. Senger, das gesamte Offizierkorps, der evangelische Stadtpfarrer sowie der Bezirksrabbiner Dr. Rawicz teil. Bei dem sich an die kirchliche Feier anschließenden Essen mahnte der Weihbischof Knecht, wie der. klerikale „Badische Beobachter" mitteilt, zur gegenseitigen Achtung und Duldung unter den Konfessionen. Besonders bemerkenswert war die Ansprache des evangelischen' Geistlichen, der hauptsächlich die Friedensmission der christlichen Konfessionen betonte. Der Bezirksrabbiner rühmte in seiner Rede die Einträchtigkeit, die in Offenburg herrsche. Der Landgerichtspräsident Dr. Zehnter, Zentrnmsmitglicd des Reichstags und Landtags, hielt die Festrede. Gesterretch-Ansam. HZ Wien, 2. November. Die Land tags Wahlen in Niederösterreich sind, wie leider zu erwarten war, vollständig christlich-sozial ausgefallen. Von den 48 Wiener Mandaten erlangten die Christlichsozialen 43, die Sozialdemokraten fünf Sitze, während die freisinnige Vürgerpartei vollständig leer ausging. Dieses für die Christlichsozialen über Erwarten günstige Ergebnis wird hauptsächlich dem Umstande zugeschrieben, daß sie als . die herrschende Rathauspartei die Wählerlisten sich, nach Belieben zustutzen konnten, nachdem die Regierung alle Beschwerden der Freisinnigen und Sozialdemokraten vollständig unberücksichtigt ließ. So kam .es, daß die Freisinnigen selbst in der inneren Stadt, die sechs Abgeordnete zu wählen hatte, nichteinen einzigen ihrer Kandidaten durchbringen konnten. Im neuen Landtag, der 127 Mitglieder zählt, wird gegenüber den Christlichsozialen die Opposition kaum mehr als 15 Mann stark sein. In der Leopoldstadt wurde Dr. Lueger gewählt. Ebenso der Antisemit Geßmann. Der Rest ist Schweigen. — Und in einer solchen Zeit herrscht im eigenen Lager beständiger Zwist. Die Agitation der Zionisten zu den Kultus wählen zeitigt seltsame Blüten. Einer ihrer Führer mußte während der Vorstandssitzung förmlich hinausgeworfen werden. Die antisemitischen Blätter führen die Sache der Gegner des Vorstands mit großer Wärme. Diese beiden Tatsachen mögengenügen, um unsere Lage zu schildern. — Im Strafhause zu Lemberg starb dieser Tage der 83jährige Jakob Stern. Vier Jahre hatte er, laut dem Urteilsspruche galizischer Richter, im Kerker verbringen sollen, hat es aber nicht länger als sechs Monate ausgehalten. Eine Kette von Verfolgungen und Drangsalen hat den Lebensabend dieses Mannes vergiftet. Seit zwei Jahren war Jakob Stern Untersuchungshäftling des Rzeszower Gerichtes. Er soll den Bauer Grigor ermordet haben. Zuerst hat ihn das Schwurgericht wegen Mordes zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Oberste Gerichtshof hat das Urteil aufgehoben und eine neuerliche Verhandlung angeordnet. Und siehe da, die zweite Jury-, die aus zwölf Christen bestand, hat, trotzdem genau dieselben Beweise Vorlagen wie in der ersten Verhandlung, Jakob Stern einstimmig freigesprochen.' Aber der gebrochene Greis wurde nicht sreigelassen. Der Staatsanwalt hat den zwölf christlichen Volksrichtern keinen Glauben geschenkt und die Verfolgung hat von neuem begonnen. Zunächst wurden die Entlastungszeugen wegen falscher Zeugenaussage — trotzdem ihr Verteidiger ihre volle Unschuld nachgewiesen hat — zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Diese Verurteilung wurde nun dazu benutzt, dem arg gequälten Stern zum drittenmal, den Prozeß zu.machen. Abe»' diesesmal lautete die Anklage, trotzdem das Beweismaterial dasselbe geblieben war, nicht mehr auf vorsätzlichen Mord, sondern nur auf Todschlag, und Jakob Stern wurde zu vier Jahren schweren Kerkers mit einem Fasttag an jedem 24. April verurteilt. Dieses Urteil hat auch der Oberste Gerichtshof bestätigt. Jakob Stern ist nun tot. Auf dem Sterbebette, nachdem er die Widduj, das Schuldbekenntnis, abgelegt hat, stieß er noch röchelnd hervor: „Ich trete vor Gott hin. ich bin unschuldig an dem Morde Grigors!" und dann hauchte er seine arme Seele aus. — Wie die Blätter melden, hat der Kaiser auf Grund eines vom Verwaltungsrate der Oesterreichischen Bodenkreditanstalt einstimmig beschlossenen Vorschlages den bisherigen Direktor und Gouverneur- Stellvertreter Theodor Ritter von Taussig zum Gouverneur der Anstalt ernannt. — Am 27. v. M. verschied hier nach langem schweren Leiden im 43. Lebensjahre Dr. L. D ob schütz, Rabbiner der Gemeinde Skotschau in Schlesien, wo er 15 Jahre ein treuer Hirte seiner Gemeinde war. Ehre seinem Andenken! — In Eger hat der Stadtrat den Beschluß gefaßt, jüdische Händler zu Jahrmärkten nicht mehr zuzulassen, ungefähr zu gleicher Zeit, wo jüdischliberale Studenten auf dem Fleckchen deutscher Erde vor dem Deutschen Kasino in Prag täglich von rasenden Tschechen mißhandelt werden. — In Budapest wurde in Gegenwart des Kaisers und der Minister ein Denkmal des Kronprinzen Rudolf von einem begabten