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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-06 · Heft 45 (6.11.1908) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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der Nationalität eifersüchtig hüten, danur in Palästina unser soziales Problem gelöst werden kann/' „Warum nur in Palästina?" fragte David mild. Der Arzt sah ihn durchdringend an. „Weil Palästina eine unbedingte historische Notwendigkeit ift; Jeder Versuch, irgendwo anders einen jüdischen Staat zu gründen, kann nur ein negatives und ungünstiges Resultat haben. Sehen Sie nicht, wie der Instinkt unseres Volkes es naturgemäß nach Palästina zieht? Nicht weniger als.4000 Juden sind in diesem Jahre dahin ausgewandert." „Und 150 000 sind nach Amerika gegangen. Wie sieht es mit dem Instinkt dieser Leute aus?" „O, das waren nur gewöhnliche Bürger. Ich sehe übrigens schon, daß Sie ein amerikanischer Assimilator sind." „Ich bin eben so wenig ein A. A. wie ein Z. Z. —" sagte David neckisch und mit leisem Lachen,, „das heißt, ich weiß wirklich nicht, ob es so etwas wie ein Z. Z. gibt?" „Wollte der Himmel, daß es das nicht täte," sagte Lerkoff eifrig. „Es sind ja gerade diese miserabeln Zioni-Zionisten, mit ihrem Mangel an jedem politischen Verständnis die —" Milovka, so mittelalterlich seine Einrichtungen auch waren, besaß doch einige ziemlich unvollkommene Telephone, und es schellte plötzlich heftig in dem in Dr. Lerkoffs Studierzimmer befindlichen Apparat. „Ach," rief er, wenn man vom Teufel spricht, dann ist er nahe! Da meldet, sich ein Mann, der alle schlimmsten Eigenschaften der Z. Z/8 und der Misrachi in sich vereinigt. Er bildet sich außerdem ein, eine Halsentzündung zu haben, weil er kleine Partikel der Pelze, womit er handelt, verschluckt hat." — Nach diesen Worten wandte er sich in liebenswürdigster Weise an seinen Patienten und rief ihm zu, daß er sofort kommen würde. „Ist er nicht wirklich krank?" fragte David. „Absolut nicht, ihm fehlt nichts anderes, als daß er unmäßig eitel ist und zu viel Geld hat." „Heilen Sie ihn von dem ersten Leiden, dann will ich versuchen, ihn von dem zweiten zu kurieren," sagte David lachend. „O, ich will Sie bei ihm einführen, wenn Sie dafür auf meine Hilfe verzichten wollen." „Ich bitte Sie auch gar nicht um Geld. Aber die Stunde ist nahe, wo Ihre ärztliche Hilfe unschätzbar sein wird," sagte David. „Milovka ist in großer Gefahr —" „Zum Teufel mit Milovka," rief Lerkoff. „Unsere Zukunft liegt nicht in Rußland —" „Ich spreche von der Gegenwart. Gestatten Sie mir. Sie als Arzt der Samooborona vorzumerken?" „Nächstes Jahr — in Jerusalem," erwiderte der Arzt hochmütig. * # Lerkoff bat David, so lange in einem anderen Raume zu warten, während er Herrn Cantberg ärztlich untersuchte. In dem Zimmer, in das er geführt wurde, befand sich eine Lade mit Gesetzesrollen, ein Zeugnis für die Frömmigkeit und den gefüllten Geldbeutel des Hausherrn. Als Lerkoff jetzt wieder erschien, schüttelte er sich vor Lachen. „Er weiß alles von Ihnen, Sie infamer Schurke," sagte er. „Was haben Sie ihm erzählt?" „Er hat mir erzählt! Er weiß doch wirklich immer Bescheid. Sie sind ein getaufter Polizeispion, der sich als Mitglied der Polnischen Partei des Sozialismus ausspielt.' Ich denke, er hat auch , schon von Ihrem Besuche bei Herrn Rubensky gehört." „Aber ich werde ihm Aufklärung geben." „Nicht, wenn Sie Geld von ihm zu erlangen wünschen. Dieser seiner Eitelkeit versetzte Schlag würde Ihnen teuer zu stehen kommen. Gehen Sie zu ihm hinein. Ich habe ihm nicht gesagt, daß Sie der junge Mann sind, von dem er sprach. Aber nun müß ich rasch fort. Vergessen Sie nicht, daß er der richtige bürgerliche Typ eines Zionisten ist; sein Ziel ist keine neue Zukunft für unser Volk, er möchte nur die tote Vergangenheit wieder erwecken." „Und mein Ziel ist, die Gegenwart lebend zu erhalten, wollen Sie mir nicht," — aber der Arzt war schon über alle Berge. Der Misrachi-Zioni-Zionist war ein ungewöhnlich kleiner Mann, dessen Kopf den Ausdruck einer Eule hatte. Aber sein: „Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz, mein Herr!" hatte etwas durchaus Höfliches und Weltmännisches und berührte David sehr angenehm. „Ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen," sagte er gerade heraus, „Milovka ist in großer Gefahr." „Das ist es ganz gewiß," sagte der Zio-Zionist. „Wenn Leute wie Dr. Lerkoff eine Audienz verlangen, ist es sicher in großer Gefahr. Es hat mir leid getan, Sie in Gesellschaft dieses Mannes zu sehen. Er ist gewiß ein ausgezeichneter Arzt, aber Sie kennen das Wort des Talmud: Selbst die besten Aerzte sind reif für die Hölle. Und der Mann nennt sich einen Zionisten! Bah, er ist gefährlicher wie der junge Renegat, der der Polizei unter dem Deckmantel eines P. P. S. Spionierdienste leistet." „Aber er scheint doch wirklich ein glühender Zionist zu . sein," sagte David unbehaglich. Herr Cantberg schüttelte schmerzlich den Kopf. „Er würde allgemeinen Impfzwang und Serum-Injektionen einführen anstatt unserer großen alten Gesetze. Als ob irgend eine menschliche Einrichtung mit der Weisheit des Sinai konkurrieren könnte! Er spottet tatsächlich über die Wiedereinführung der Opfer." „Aber möchten Sie diese wieder eingeführt sehen? David war erstaunt. Die Eulenäuglein des Mannes funkelten. „Wofür haben wir uns so viele Jahrhunderte hindurch geopfert, wenn nicht der Opfer wegen? Was hat die lange Nacht unseres Exils anders geheiligt und erhellt als die Vision des Hohepriesters mit seiner juwelengeschmückten Brustplatte, wie er vor dem Altar unseres heiligen Tempels unsere Opfer darbringt? Nun, endlich beginnt diese Vision festere Umrisse anzunehmen, die Hoffnung Israels leuchtet hell. Wie eine 'rosige Wolke, wie der ausgehende Mond, wie der Stern in der Wüste, wie der Leuchtturm über dem einsamen Meere." Das Läuten des Telephons unterbrach ihn in unhöflicher Weise. Er nahm in seiner Ekstase keine Notiz davon, wurde jedoch einigermaßen dadurch gestört. „Ach, unser Volk ist so .kurzsichtig," fuhr er fort, „falsche eitle Propheten, — möge ihr Name von der Erde vertilgt werden —, verwirren, da die törichte Menge. Aber der Weizen wird von der Spreu, das seine Mehl von der Kleie, die nützlichen Pflanzen von dem Unkraute gesichtet werden, und mein Volk wird bald einsehen, daß nur ich —* Es läutete hartnäckig am Telephon. Nachdem er es entschieden verweigert hatte, die angebotenen Pelzwaren zu dem geforderten Preise anzukaufen, fuhr er fort: „Die Territorialisten sind Verräter, die das Volk irreführen, aber in Betracht, daß ihre Abreise den Kindern Israels eine Erleichterung verschaffen würde, wünsche ich ihnen gute Reise."

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