Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
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- Ich ckeugne aber .diesen Wert ganz ..'entschieden. 'Ich zweifle ^keinen Augenblick, und der Nationalismus unserer jüdischen ' . Atheisten, beweistes, daß sich der jüdische Stamm mindestens ebenso kräftig wie früher erhalten würde, wenn er eine rein Persönliche Religion besäße, ja,, vielleicht noch viel kräftiger. Und da, wie schon gesagt, die höchste Stufe unter den Religionen die Persönliche und universalistische einnimmt, will ich alles daransetzen, das Judentum von allem zu befreien, was seine persönliche und universalistische Seite trübt und beengt. Ich will es also vom Gesetz — von 'dem, was heute allgemein ~ unter Gesetz verstanden wird — und vom Nationalismus befreien. Vor allem vom Gesetz. Denn das Gesetz macht eine tiefe, echte, persönliche Religion bei dem Durchschnittsmenschen fast unmöglich, und nur ein außerordentlich reiches Gemüt hat . bei Beobachtung der vielen Satzungen noch etwas für sein Innerstes, für seine Seele übrig. Sicherlich können wir . tiefste Religiosität bei vielen strengsten Gesetzesjuden finden — ein Beweis für den ursprünglichen Gemütsreichtum unseres Stammes —, bei den meisten Juden jedoch hat das Gesetz ebenso die Religion erschlagen, wie bei den Christen das Dogma, weit sie in ihrem Durchschnittsverstande das Gesetz für Religion Halter?, wie der Durchschnittschrist das Dogma für Religion hält. Was ich also will, ist: Einerseits durch Beseitigung des nationalen und gesetzlichen Moments, anderseits durch volle Entfaltung der persönlichen Seite im Judentum, jedem Juden, der noch ein religiöses Bedürfnis sich bewahrt hat, auch wahre, innere Befriedigung im Judentum geben können, und dem Judentum selbst dadurch die Stellung unter den Religionen schaffen, die ihm gemäß seiner inneren Größe zukommt. — Ich will den Schutt Hinwegräumen und bauen. Line Linleitung in den Talmud. Von Albert Ka h. ^^^ie Weltliteratur hat kaum ein zweites Werk aufzuweisen, das in gleicher Weise wie der Talmud das Objekt der Geistestätigkeit unzähliger Generationen bildete. Nicht bloß Juden, die im Talmud gewissermaßen den Nährboden ihrer Existenz erblickten, beschäftigten sich mit der Sichtung und Ergründung feiner die manigfachsten Wissensgebiete umfassenden Materie; auch Nichtjuden bemühten sich von jeher, in seinem Labyrinth einen Weg zu bahnen und seine Lehren der Welt zu offenbaren. Nur sind die Beweggründe der letzteren andere als die der ersteren gewesen. Während die Juden mit dem Studium des Talmuds aus dem Grunde sich befaßten, weil sie ihn, nach dem Worte der Mischnah (Aboth 5,22) für den „Quell aller Weisheit" hielten, widmeten nichtjüdische Kreise seiner Erforschung Zeit und Mühe hauptsächlich deswegen, um aus ihm geeignete Waffen zur Bekämpfung des Judentums zu holen. Das 17. Jahrhundert weist eine ganze Reihe nichtjüdischer Gelehrter auf, die, wie Paradox es auch klingen mag, den Talmud gegen Juden und Judentum auszuspielen versuchten. Selbst ein Wilhelm Surenhuys, der das Verhalten derjenigen, die, „nachdem sie Nützliches aus den Schriften der Juden gelernt, sie schmähen und mit Kot bewerfen." als eines gebildeten Menschen unwürdig brandmarkte, lebte der Ueberzeugung: „Die Kenntnis des talmudischen Schrifttums führe zum festen Glauben, daß Jesus der Messias sei." Ziehen wir noch in Betracht, daß die Hilfsmittel von damals äußerst dürftig, und daß die Lehrer der christlichen Talmud-Beflissenen in der Regel unwissende öder boshafte jüdische Apostaten waren, so brauchen wir uns nicht zu wunderndaß über den Talmud im Laufe der Zeit eine Menge schiefer Darstellungen und verworrener Urteile sich gebildet haben. Mit Recht klagte daher Leopold Znnz 1832 in seiner Vorrede zu den „Gottesdienst- ' lichen Vorträgen der Juden": „Obwohl die Schriften über den Talmud und wider die Juden wie Pilze über Nacht aufschossen, und einige Dutzende Solone sich uns zu Reformatoren aufdrangen, so war doch kein Buch von Belang da, aus welchem die Staatsmänner sich hätten Rates holen können, kein Professor las über Judentum und jüdische Literatur,,keine deutsche Akademie setzte Preise darauf aus, kein Menschenfreund machte Reisen zu diesem Behufe. Gesetzgeber und Gelehrte von dem Pöbel unter den Autoren schweige ich — mußten den- Autoritäten des 17. Säkütum Eisenmenger, Schudt, Buxtorf und anderen bettelartig Nachtreten, oder von der verdächtigen Weisheit moderner Berichterstatter borgen." Ist diese Klage zum Teil auch noch gegenwärtig berechtigt,, so muß doch zugestanden werden, daß seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine wesentliche Aenderung zum Bessern eingetreten ist. Bereits 1865 schrieb Grätz im Vorwort zur zweiten Auflage des IV. Bandes seiner „Geschichte der Juden" : „Als ich vor ungefähr einem Dezennium mit der Geschichte der talmudischen Zeitepoche vor das Publikum tratmußte ich mein Beginnen, mit einem wenig beachteten und wenig beliebten Stoffe aufzutreten, so ziemlich erst entschuldigen. Seit dieser Zeit ist gerade diese Partie der jüdischen Geschichte, wenigstens ein Teil derselben, fast populär geworden; sie ist von geistvollen Fachmännern, nicht bloß aus jüdischem, sondern — was eben erfreulich ist — auch aus christlichem Kreise, einer eingehenden kritischen Untersuchung unterworfen worden. Immer mehr bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß die Entstehung und der erste Verlaus des Christentums, das heißt seine evangelische, epistolarisch6; apokalyptische und apostelväterliche Literatur, in der Agada der talmudischen Zeitepoche wurzelt und ohne gründliches Verständnis derselben uach allen Seiten hin ein unlösbares Rätsel bleibt.-" Inzwischen hat die Talmudforschüng weitere erfreuliche Fortschritte gemacht. In' jüdischen wie in nichtjüdischen Gelehrtenkreisen, besonders in Deutschland, ist man seit drei Jahrzehnten bestrebt, den Talmud durch Uebersetzungen der gebildeten Welt zugänglich zu machen, seine wissenschaftliche Seite zu erforschen und zugleich geeignete Hilfswerke zu schaffen, die insbesondere dem Laien das Eindringenin diese ihm völlig fremde Geisteswelt -ermöglichen sollen. — Den ersten Versuch, objektiv und wissenschaftlich über das Ganze des Talmuds zu belehren und in das Studium dieses Riesenwerkes einzuführen, hat Professor Dr. H. L. Strack 1887 mit seiner Einleitung in den Talmud unternommen. „Ich habe," bemerkte er einleitend zu dieser ersten Auflage, „danach gestrebt, weder von polemischem noch von apologetischem Interesse mich beeinflussen' zu lassen, sondern ausschließlich der Wahrheit zu dienen." 'Wie zeitgemäß diese Publikation war, .beweistam besten deren buchhändlerischer Erfolg. Schon nach-- verhältnismäßig kurzer Zeit, 1894 und 1900, folgten zwei weitere Auflagen die ebenfalls , bald vergriffen waren, so daß der. Autor, um einem wirklichen Bedürfnis abzuhelfen,, sich veranlaßt, sah, eine vierte, neubearbeitete Auflage zu veranstalten, dieffoellen erschienen ist?) Diese unterscheidet sich : nun vom den y Einleitung in den Talniund von Professor Dr. H. L. Strack. Vierte, neubearbeitete Auflage.' Leipzig 1908. I. C Hinrichssche Buchhandlung (182 Seiten). -!