Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 536 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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frommen" Juden. Das Gespräch/.kam nun bald auf das Thema: Judentum. In einen Abgrund blickte ich, lieber Herr Rabbiner, in einen entsetzlichen Abgrund! Ein innerlich M mit sich vollständig zerfallener Mensch. Kein gutes Haar ließ er am Judentume: eine abgetane Größe, kein Kulturfaktor mehr, eine Ghettoreligion, die einen freien Menschen anwidern müsse, die Gebete eine Lüge, der Gottesdienst roh, unwürdig, überhaupt das Judentum keine Religion. Mischehen und Taufe der Kinder wären die einzige Rettung, das letzte Heil! Und dieser junge Arzt ist der-TyPus einer großen Zahl der gebildeten westeuropäischen Juden! Ueberall dieselbe Sprache, dieselbe Klage. Es. wäre. Unrecht zu behaupten, daß diese Leute keinen religiösen Sinn hätten. Nein, viele von ihnen haben ein tiefes religiöses Bedürfnis, finden aber in dem Judentume, das sie kennen, keine Befriedigung. Das religiöse Gesetz erscheint ihnen lächerlich, unsinnig, und etwas anderes findet ihr Gemüt im Judentume nicht. Wie dem Heinrich Bermann in Schnitzlers „Der Weg ins Freie" bedeutet ihnen der Glaube ihrer Väter „eine Sammlung von Gebräuchen, ^bie sie längst nicht mehr . halten und von denen ihnen die meisten lächerlich und abgeschmackt Vorkommen". Einige Tausende dieser jungen Idealisten sind auf den merkwürdigen Einfall gekommen, den nationalen Gedanken auszunehmen und im Nationaljudentum die Erlösung, ihrer Seelen zu finden. Vergebliches Beginnen! Nationales Empfinden ersetzt das religiöse Sehnen niemals. Allen Respekt vor edlem Nationalgedanken! Aber das, was Religion dem Menschen zu geben vermag, kann Nationalität nie und nimmer bieten. Ich werde mich mit der Frage „Nationalität und Religion" später beschäftigen, hier genüge Ihnen mein Bekenntnis, daß mir nur das Judentum als Religion am Herzen liegt. Aber eben das scheint für die bürgerlich freien Juden im Absterben begriffen zu sein und wird absterben, wenn nicht bald eine Verjüngung eintritt. Ja, wenn man sagen könnte: Hier sind einehalbe Million Juden, die ihr Judentum vergessen und verloren haben, die keine andere Sehnsucht kennen, als zu verlassen die alte, rissige Feste, neuneinhalb Millionen aber laben und erquicken sich an diesem Judentume; so wie es ist, ihnen ist es alles: Herzensglück, lebendiger, frischer Wasserquell für Leib und Seele, ich würde wahrlich sagen: Wohlan, es tut mir leid, diese halbe Million Menschen zu verlieren, aber mögen sie uns verlassen, wenn nur die anderen treu bleiben; mögen sie im Christentume ihr Heil und ihren Untergang finden, ihnen zuliebe opfere ich nichts von dem. was neuneinhalb Millionen Menschen lieb und teuer ist. Ist dem aber so? Denken wir . uns einmal, Rußland wäre bereit, den fünf Millionen Juden die bürgerliche Freiheit zu geben. Hätten wir nicht in kürzester Zeit dieselben religionsfeindlichen, richtiger judentumsfeindlichen Zustände unter diesen Juden, über die wir uns in unseren Landen so bitterlich beklagen? Muß unsere Religion nur eine Religion des Golus, des Ghetto bleiben, muß sie dem freien Juden eine unverstandene Antiquität werden? Ist sie nur gut für Not und Drangsal, für Elend und Tränen, aber nicht für Glück und Erfolg? Man redet sich gewöhnlich dahin aus, daß die Religion eigentlich nur ein Trost der Mühsalbeladenen sei, der Armen und Dürftigen, der Gequälten und Gebrochenen; es sei das eine tägliche Erfahrung, über die man sich nicht allzusehr zu grämen brauche: die geistig und materiell Höher-' stehenden sind in allen Konfessionen der Religion etwas weniger zugetan. Ich gestehe, daß ich diesen Widersinn verabscheue. Entweder ist Religion eine Weltanschauung, fähig, allen Menschen das höchste Lebensgut zu gewähren, mögen sie welchen Standes und Ranges immer sein, oder sie ist nur ein Dusel für die von den Leiden dieser Welt Erfaßten, dann wird es besser sein, dies'Opiatdurch gesundes Heilmittel zu ersetzen. Eine Krankheit dadurch heilen wolleü,. daß ich Morphinist werde, ist doch ein Verbrechen. .IstV. j meine Religion wirklich etwas, dann muß sich mit ihr der / reiche jüdische Automobilbesitzer ebenso glücklich - fühlen,, wie der / arme Hausierer, der mit seinem Stecken in der Hand von; Dorf zu Dorf wandert. Müssen wir uns nicht endlich die Frage vorlegen, wie es doch komme, daß der Jude mit seinem Eintritt in die allgemeine Zivilisation, mit^ seiner bürgerlichen Gleichstellung zumeist sein Juden- / tum verliert?! Ich finde die Antwort in folgendem: Unser religiöses Leben befindet sich in Widerspruch mit dem Alltagsleben, und diesen Widerspruch bezahlt regelmäßig die Religion und nicht das Leben. Und selbst wenn die Religion scheinbar siegt, bezahlt sie den Sieg mit der Verkümmerung ihres eigenen Gehaltes. Sollen wir die Hoffnung ausgeben, durch Aufhebung der Widersprüche dem religiösen Leben unter den Juden auf die Beine zu helfen? ' . Ist dieser Versuch nicht immer wieder aufzunehmen, trotz der anscheinend bösen Erfahrungen, die bis heute damit gemacht wurden? Denn, so werden viele sagen, die Widersprüche sind ja aufgehoben, wenn auch nicht offiziell, so doch in der Praxis. Sind die gesetzesfreien Juden etwa bessere Juden als die gesetzestreuen, die den Widerspruch zwischen Leben und Religion nicht die Religion, sondern das Leben büßen lassen? Gewiß nicht. Aber nicht, weil nur der gesetzestreue Jude religiös sein kann, sondern weil es nicht genügt, die Widersprüche zwischen Leben und Religion auszugleichen. Es muß den Juden die Religion im Judentume gelehrt und ins volle Licht gerückt werden, was seit dem 15. Jahrhundert fast vollständig vernachlässigt worden ist. Aber auch die Widersprüche zwischen Leben und Religion sind nicht beseitigt. Meint man vielleicht, mit dem Schinkenessen ist dem Leben Genüge getan? Das ganze religiöse Leben im alten Judentum ist ein einziger großer Widerspruch, und der muß beseitigt oder ausgeglichen werden. Das offizielle Judentum ist bis heute eine merkwürdige Mischung von nationalen, gesetzlichen und persönlichen Momenten geblieben, nur hat es das persönliche Moment zugunsten des nationalen und gesetzlichen Teiles tief herabgedrückt. Es gibt Menschen, die in Verzückung geraten, wenn sie von der Mischung „Nationalität und Religion" im Judentum sprechen. Ich kann mich dafür ganz und gar nicht begeistern. Je universalistischer und persönlicher eine Religion ist, umso größer ist sie, das muß man zugeben. Das Judentum hat alles in sich, um an Universalismus und Individualismus mit jeder anderen Religion wetteifern zu können, und sein strenger ethischer Monotheismus gibt ihm ein Plus, das bis heute keine andere monotheistische Religion erreichen konnte. Nur muß von ihm endlich das nationale und gesetzliche Moment abrücken, damit es in der freien Judenheit jenen Platz gewinne und einnehme, der ihm kraft seines inneren Wertes auch gebührt. Freie Menschen befriedigt nur eine persönliche, freie- Religion, eine solche muß unser Judentum werden. Jedoch die Einrichtungen einer Religion, ihre Institutionen müssen vor allem nach ihrem tatsächlichen,nicht nach ihrem philosophischen und abstrakten Werte abgeschätzt werden. - Wenn die Geschichte uns lehrt, daß die nationale Religion einst außerordentlich viel beigetragen hat zur Erhaltung' unseres Stammes, muß in erster Reihe gefragt werden, ob sie diesem Zwecke nicht auch heute noch in hohem Maße dienlich sei? Wenn ja, dann muß sie unverändert bleiben, mag sie auch als. Religion an sich darunter leiden.'