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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-06 · Heft 45 (6.11.1908) · p. Seite 535

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
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rJÖe'öctftcrurig :imböffciVf)eit'.-jagen intraitfsetorbentfidfj zu. Als alter Abonnent der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" lese ich Ihre Artikel mit großem Vergnügen, und auch Ihre wissenschaftlichen Arbeiten sind alle meiner Bibliothek einverleibt. So werden Sie es sich erklären, daß ich meine Gex danken Ihnen unterbreite; Sie werden in ihnen manche Anlehnung an Ihre Ideen finden. Ich stelle sie Ihnen zur freien Verfügung; nur vernichten dürfen Sie mein Manuskript nicht. Ueber Jahr und Tag werde ich mich bei Ihnen schon melden, sollten Sie es nicht vorziehen, durch Veröffentlichung meines Schreibens mich dessen Schicksal wissen zu lassen." Ich Khöre wirklich nicht zu den Eitlen meines Standes, kann aber nicht leugnen, daß mir die anerkennenden Worte recht angenehm waren. Sein Ziel hatte der Schreiber jedenfalls erreicht. Behaglich lehnte ich mich in meinen Arbeitsstuhl zurück, kreuzte die Füße übereinander und begann mit wohlwollender Aufmerksamkeit zu lesen. Bald jedoch wuchs die etwas gönnerhafte Aufmerksamkeit zu lebhaftem Interesse. — Als ich das Manuskript zu Ende gelesen hatte, fielen mir die Worte Zunz^s in den Sinn: „Selbstmord ist keine Reform". Ich sperrte das Manuskript in meinen Schreibtisch, mit dem Vorsatze, abzuwarten, bis der Verfasser seine „Gedanken" sich holen lassen werde. Es dauerte aber nicht zu lange, nahm ich das Manuskript wieder vor, dann nochmals und abermals. Viermal habe ich es forgsältigst durchgelesen. Dann entschloß ich mich,' es zu veröffentlichen. Nicht etwa, als ob ich mit dem Absender in allem übereinstimmen würde. So sehr ich in vielem seine Meinung teile, erkläre ich hiermit dem Herrn Verfasser, daß ich in sehr wesentlichen Dingen ganz gegenteiliger Anschauung bin. Auch die Gedanken, so wertvoll manche und so flüssig sie auch geschrieben sind, auch die Anträge, die er stellt, sind zum größten Teil der Rüstkammer der „Reform" erborgt. Was mich zu ihrer Veröffentlichung doch bewegt, ist zum Teil die Liebe zum Judentum, die aus jedem Worte der „Gedanken" hervorquillt; vor allem aber der Blick, den dieser Laie in die religiöse Gedankenwelt der gebildeten jüdischen Menge mich tun ließ. Diese Schrift ist .ein schrilles Warnungssignal, ein Memento für alle liberalen Rabbiner, endlich mit dem „Reden" aufzuhören und zur Tat zu schreiten. Wer muß denn nicht bekennen, daß' es mit dem liberalen Judentum schlimm, sehr schlimm bestellt ist? Die heutigen Gemeindevorstände kokettieren mit der Orthodoxie, legen ein klerikales Mäntelchen um ihre Schultern, ohne eine Spur echter Orthodoxie in ihren Herzen, in ihren religiösen Handlungen. Und die liberalen Rabbiner, nur zu oft abhängige kleine, ängstliche Menschen, auslugend nach irgendeiner höher dotierten Stelle mit modern-klerikalem Vorstande, haben nicht den Mut der ehrlichen, offenen, tatkräftigen Ueberzeugung. So sehen unsere Gemeinden nur Hypokrisie und Unaufrichtigkeit, und eine religiöse Verwahrlosung nimmt überhand unter, den liberalen Juden, die uns an den Rand des Abgrunds , bringt, vor dem man sich nicht in den Schoß unserer Orthodoxie rettet, sondern in den Schoß — des Christentums. Unsere Orthodoxen werden wohl höhnisch triumphierend sprechen: „Wer hat also Recht gehabt? Sind nicht wir die Retter und Erhalter des Judentums?" — Gut, sie haben Recht. Können sie die Verhältnisse zurückschrauben? Auch im religiösen Leben ist Macht Recht. Kann die Orthodoxie die Macht der Zeit brechen? Nur wenn die Zeit eine andere wird, werden auch wir uns ändern, nur wenn Ghettomauern wieder aufgerichtet werden, kehren wir weinend in die Arme der -».Orthodoxie zurück. Und wer weißob dann. D ie Ortho- ' boxen orthodox zu erhalten, ist die beneidenswerte Aufgabe der Strenggläubigen. Mer einmal das Joch des „Gesetzes" von sich abgeschüttelt hat, beugt ihm nicht, mehr seinen Nacken. Vereinzelte Ausnahmen zählen nicht. In d em Lager dieses Teils der Judenheit aber können nwr die liberalen Rabbiner und Vorstände mit ehrlichem Freisinn Ordnung und Ruhe,. Sicherheit und Freudigkeit Herstellen. Hier heißt es, der Zeit und dem neuen Leben von dem religiösen Leben das geben, was zu fordern sie berechtigt sind; hier heißt es, dem reißenden Strom ein Bett graben, breit genug, um schwellend anfteigen zu können, ohne Schaden anzurichten, schmal genug für die richtige Tiefe, um brauchbar und nützlich zu sein. An diese große Pflicht erinnerten mich diese Blätter, die ich nunmehr der Oeffentlichkeit übergebe. . Wenn sie diese Pflicht in den Herzen aller liberalen Rabbiner und Vorstände wachrufen, haben sie dem Judentum einen Dienst geleistet. * Religiöse Gärung ist stets ein Zeichen von geistiger Kraft einer Gesellschaft. Die Ideale und der Glaube eines Menschen sind das Interessanteste und Wertvollste an ihm. James, „Der Wille zum Glauben". Deutsch von Dr. Lorenz. 8. XVI. Zueignung. Ich widme diese Gedanken jenen Juden, denen die neue Zeit neues Sehnen, neue Ideale gegeben hat. Ich schrieb sie für und über jene Juden, denen die bürgerliche Gleichstellung nicht nur das Joch der politischen Knechtschaft, sondern auch das des jüdischen Religionsgesetzes abgenommen hat. Ich künde meine Worte jenen Juden, die tiefe Zuneigung zur angestammten Religion sich bewahrt haben, doch darüber weinen, daß ihre Kinder sie nicht verstehen. Jenen Juden gilt meine Rede, die dem freien Juden ein freies Judentum schaffen wollen. Leset die „Gedanken" bis zu Ende, leset sie prüfend, leset sie öfters. Und wenn ihr einig seid mit mir, dann gehet an die Arbeit. Säumet nicht, zögert nicht! Es war eine Zeit zum Niederreißen, jetzt ist die Zeit da, den Schutt hinwegzuräumen und Neues aufzubauen! Was ich will. Hinausschreien möchte ich es in alle Welten: die Juden will ich dem Judentume wiedergewinnen! Ich schwöre Ihnen, geehrter Herr Rabbiner, daß nichts anderes meine Seele bewegt.. Ich will nicht berühmt und nicht berüchtigt werden. Sie sehen, ich bleibe anonym. Seien Sie versichert, daß dieses Manuskript seit Jahren in meiner Schreibtischlade wohl verwahrt geruht hat; selbst meinem Weibe, der treuen Mitarbeiterin meines Lebens, ist es verschlossen geblieben. .Ich habe immer von neuem begonnen und immer wieder abgebrochen, bei jedem Satze mein Gewissen zu Rate gezogen. Schließlich hat der Schmerz über den Verfall des Judentums und das sehnsüchtige Verlangen, mein Herz auszuschütten vor Gott und Menschen, mir einen unerklärlichen Seelenzwang auserlegt, zu sprechen, mit meinen Gedanken nicht allein zu bleiben. Vor einiger Zeit hatte ich mit einem jungen Arzte zu tun, einem begabten Manne, dem Sohne eines sogenannten

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