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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-06 · Heft 45 (6.11.1908) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 534 (sequence 6)
Language
German
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stets unter Aussicht des Direktors, der es nicht versäumt, in nötigen Fällen mit den Lehrern seiner Pflegebefohlenen in Verbindung zu treten. Der in meinem früheren Artikel genannte Handsertigkeitsunterricht wird weiter gepflegt, dem Kerb- und Flachschnitt sind noch Hobelarbeit, Brandmalerei und Tarso angereiht. Um das Interesse der Zöglinge wach zu erhalten, ist setzt, auch für angemessene Abwechslung gesorgt; den Hebungen an der Schreibmaschine sind mehrere Stunden der Woche gewidmet. Der erziehliche Wert derselben überragt noch ihren praktischen Wert. Hier muß der Uebende seinen Geist recht in Zucht nehmen, um: einen Schriftsatz richtig darzustellen; eine kleine Ablenkung der Aufmerksamkeit ist gewöhnlich von einem Fehler begleitet. — Ein weiteres Mittel, die Aufmerksamkeit in Spannung zu erhalten und Fleiß zu erwecken, ist der Unterricht in der Stenographie, der seit einiger Zeit hier eingeführt ist. Wenn ich nun hinzusüge, daß die Mädchen auch zu Handreichungen bei der Vor- und Zubereitung der Speisen und zu mannigfachen Ausbesserungen der Kleider angehalten werden, so dürfte das hohe Maß von Arbeit, das den Kindern zugemutet wird, Staunen erregen. Ja, Arbeit ist das beste Erziehungsmittel für diejenigen, ins deren Herz schon die Keime des Bösen gestreut waren; die meisten Kinder, die der Anstalt zugeführt werden, waren schon der sittlichen Verderbnis preisgegeben. Wer aber das Leben in der Anstalt aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, wird sicherlich eingestehen, daß die Zöglinge nicht übermüdet werden. Auch der Erholung sind viele Stunden gewidmet, die nach getaner Arbeit um so mehr erquicken. Turnen, Spiele, Spaziergänge sind hier nichts Seltenes; das Schlittschuhlaufen wird im Wmter fleißig betrieben. Wenn die religiöse und sittliche Erziehung auch früher nicht "vernachlässigt wurde, so ist doch in den letzten Jahren noch manche Einrichtung getroffen worden, die geeignet ist, das Gemüt der Zöglinge zu erwärmen undzu veredeln. Zweimal in der Woche wird ihnen von einem städtischen Lehrer Gesangunterricht erteilt, die gelernten Lieder werden von ihnen oft und gern gesungen. — Die jährlich veranstaltete Chanukahfeier mit ihrem Gesänge, der an hinreißender Gewalt dem Volksliede gleicht, wird von den Zöglingen nie vergessen werden. Der Besuch des Jugendgottesdienstes ist nun auch hier eingeführt; seine bedeutsame, zu religiöser Betätigung anregende Wirkung ist hinlänglich bekannt. Die Spruchtaseln, die manch tiefe religiös-sittliche Wahrheit enthalten, sind vermehrt. Sie sind dem Tau und der erfrischenden Luft vergleichbar, die dem Gedeihen der Pflanze notwendig sind. Sie bilden gleichsam die Atmosphäre, in der sich die Waisenkinder bewegen. Die Bibliothek ist auf 643 Bände erweitert und dem Bedürfnisse der Zöglinge nach jeder Richtung hin angepaßt. Seit dem Bestehen der Anstalt ist der 100. Zögling ausgenommen worden, 71 Zöglinge sind entlassen. Ein Drittel. ist dem Handwerk zugesührt worden, ein Drittel hat sich dem. Kaufmannsbernse gewidmet, ein Drittel ist den Angehörigen zurückgegeben worden, zwei von ihnen werden Bildhauer, Das Vermögen der Anstalt ist um 14638 Mark gewachsen. Wie oben hervorgehoben worden ist, hat die Anstalt viele Freunde und Gönner gewonnen, die nicht nur ihr Herz, sondern auch die Hand dem edlen Werke öffnen, das viele junge Seelen, die schon verloren waren, auf den rechten Weg zurückführt, viele die entbehrte sorglose, glückliche Jugend wiederfinden läßt. Ein Beispiel möge die Wohltat, dieser Anstalt veranschaulichen. Vor einiger Zeit wurde ein Knabe in fast schulpflichtigem Alter ins Waisenhaus gebracht, der derartig — man sollte es kaum glauben verkommen war, daß er sich der Sprache gar nicht zu bedienen, nicht einmal seinen Namen zu sagen wußte. Man konnte ihn für idiotisch halten. In bessere Verhältnisse gelangt, entwickelte, sich der Knabe körperlich und geistig und gehört heute zu denjenigen Schülerndie der Lehrer zu den besseren rechnet. — Auch einen russischen' Knaben, ein Opfer der Pogrome, beherbergt das Waisenhaus. Zum erstenmal , haben in diesem Jahre umfangreiche Beurlaubungen von Zöglingen bewilligt werden können, die", in den Ferien ihre Angehörigen besuchen. wollten. — Die skrophulösen Kinder wurden in das israelitische Kinderheim nach Bad Jastrzemb geschickt, die erholungsbedürftigen wurden in Ferienkolonien untergebracht. Vorstehende Ausführungen werden hinlänglich gezeigt haben, daß und in welcher Weise für Körper, Geist und Gemüt der Waisenkinder gesorgt wird. Die Freunde und Gönner der Anstalt erhalten den Beweis, daß ihre Mühe und ihre Zuwendungen nicht auf unfruchtbaren Boden fallen. Möge dieses wohltätige Institut noch recht viel Segen in Israel ausstreuen! Gedanken eines Laien über das Judentum. Veröffentlicht von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. or einigen Wochen brachte mir die Post ein 52 Folioseiten starkes Manuskript mit folgendem Begleitschreiben: „Geehrter Herr Rabbiner! Erlauben, Sie, daß ich mich Ihnen vorstelleohne meinen Namen zu nennen. Ich bin aus Ostungarn gebürtig, aus jener Gegend des magyarischen Reiches, wo die Juden fast nichts von ihren galizischen Glaubensgenossen unterscheidet. Eine uralte Gemeinde mit gelehrten Traditionen, ein Elternhaus, in dem Frömmigkeit und rabbinisches Wissen seit Jahrhunderten von Geschlecht aus Geschlecht sich sortgepflanzt haben, gaben meiner Jugend: eine überaus strenge religiöse Richtung. So lebte ich bis zu meinem 17. Lebensjahre, war ein. berühmter Talmudkenner,, auch in der Bibel — unter meinen Genossen eine Ausnahme — sehr gut bewandert. Unglückssälle in der Familie — „Jüdisches Aschires is wi a Bündel Stroi," sagt ein Judensprichwort — drückten mir den Wanderstab in die Hand. Ich wanderte nach Deutschland und fand Gunst in den Augen Gottes und der Menschen: ich bin ein glücklicher Mann, ein glücklicher Gatte und Vater geworden. Seit 35 Jahren lebe ich in deutschen Landen, bin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, genieße Achtung und Ansehen bei Christ und Jud. Das irdische Glück ließ mich an die Traditionen meiner Kindheit nicht vergessen. Zwar ist - die Küche meines Hauses keine rituelle, aber ich fehle an keinem Sabbat, an keinem Feste in der Synagoge, ich lese mit Vorliebe auch heute noch ein Blatt „Oemore"; Sie könnten in meinem Zimmer eine recht ansehnliche Zaht jüdischer Schriften finden, die ich nicht nur besitze, sondern auch eifrig studiere. Und was mich am meisten beglückt, alle meine Kinder — Söhne und Töchter in Wohlstand und angesehenen Stellungen — sind gute, begeisterte, religiöse Juden/ Ich glaube sonach, ein bescheidenes Recht zu haben, über das Judentum zu sprechen. Auch bin ich schon alt und besonnen genug, mir ein abgeschlossenes Urteil Über meine Religion gestatten zu dürfen. Warum ich mich gerade an Sie, geehrter Herr Rabbiner/mit meinen Gedanken wende, will ich Ihnen gern sagen. Ich bin seit 20 Jahren Kurgast in Karlsbad.' Selbstverständlich besuche ich auch jeden Sabbat Ihre Synagoge. Und Sie gefallen mir, geehrter Herr Rabbiner! Ihre einfache, ungeschnörkelte Sprechweise, die Klarheit Ihrer Gedanken, Ihre

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