Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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KZ AMD WBM S-8WW . Unter dem Zeichen der Frauen 'stand Breslau, und man kann es laut künden,' die Frauen von 1908 fangen an, ein nicht zu übersehender Einschlag in dem Gewebe "der Kulturentwicklung zu werden. Strafgesetzreform in allen Paragraphen, die aus Frauen und Kinder in Anwendung kommen, wurde in der Generalversammlung des deutschen Frauenbundes von - allen Richtungen unter ausdrücklicher Betonung'des eigenen Standpunktes erörtert. Gerade, übersichtliche Wege, ohne-Schwanken, gehen mit festen Schritten, geführt von Helene Lange, adjunktiert von Fräulein Dr. Bäumer, die gemäßigten deutschen Frauen. Eine bedeutende Kräftigung brachte dieser Fraktion der Eintritt des evangelischen Frauenbundes. Paula Müller, die Vorsitzende dieses evangelischen Frauenbundes, ist erst in diesen Oktobertagen dem deutschen Frauenbund mit 43 Ortsgruppen beigetreten. Der Anschluß bedeutete für die Radikalen - eine große Ueberraschung. Marie Lischnewska, die schneidige, zungengewandte, logische Führerin der radikalen Frauen, verfocht in geistreicher Weise, im Gegensatz zu den Franzosen von 1789, die Abstimmung nach Verbänden (Ständen) und nicht nach Köpfen (Einzelvereinen).. Mit dem katholischen, noch nicht angeschlossenen Frauenbund, wurde von allen Seiten weidlich kokettiert, und immer wieder seine Vertreterinnen in die Debatten gezogen. Es war durchaus am Platze, das alsdann die erste Vorsitzende des jüdischen Frauenbundes, Fräulein Berta Pappenheim, hervortrat und betonte, sie, als Vertreterin des jüdischen Frauenbundes, spreche nicht wie ihre Vorrednerin vom katholischen Frauenbund, weil sie so oft angerufen wurde, sondern weil sie gar nicht angerufen wurde. Der jüdische Frauenbund, der 120 angeschlossene jüdische Frauenvereine repräsentiere, nehme zu der angeschnittenen Frage die und die Stellung ein. Man fühlte es in diesem Augenblicke, und ich glaube, nicht nur wir jüdischen Frauen fühlten es, wenn auch noch im Anfangsstadium der Entwicklung, bedeuten heute schon einen Faktor, mit dem zu rechnen ist und werden, wenn wir so fortschreiten, gerade in diesem deutschen.Frauenbund zu einer Macht werden, die man suchen oder fürchten wird. Unsere Zeit ist ernst und reif; wir haben es in Breslau wieder offensichtlich gesehen, daß wir jüdischen Frauen zeigen, wir sind auch da; wir arbeiten mit allen gemeinsam, wo es gilt, gemeinsame Kulturwerte zu schaffen und zu fördern; wir sind aber auch da, organisiert, ausgerüstet und diszipliniert, wenn es gilt, unsere gesonderten Interessen zu schützen, weiterzuführen und neu anzubahnen. Sicherlich müssen wir jüdischen Frauen auf den Pulsschlag der Zeit mit geschärftem Sinne lauschen, nicht einen Pulsschlag vorüber gehen lassen, ohne ihn zu nutzen. Ueberall, heißt es für uns, das Ohr hinwenden, lernen und bereiten, damit wir nicht nur unsere eigenen Frauen, die uns noch vielfach so fern stehen — wir haben es wieder aus der Breslauer Tagung gesehen, wie ängstlich sie uns jüdische Führerinnen mieden — für unsere gesonderten Aufgaben gewinnen, sondern auch der Allgemeinheit Achtung und Beachtung abzwingen durch unsere Arbeit. In Breslau ist unser Ansehen — ich meine damit das Ansehen des jüdischen Frauenbundes rich darf es wohl sagen, ein gut Stück gewachsen. Dank an dieser Stelle den Breslauer jüdischen Frauen, die uns den Boden so bereitet und uns so gastlich empfangen haben. Der Kontakt zwischen den jüdischen Frauen in Breslau, die in altem Jichus, wie Fräulein Pappenheim sagte; ausgewachsen sind, und uns zu finden, war nicht schwer. ... In einer besonderN Nachmittagssttzung im Saale Lessingloge hatten wir Gelegenheit, uns' durch ein gemutlichesrM Beisammensein persönlich näher zu treten. Frau Henriette - May, Berlin, sprach-über die Entstehung und. Entwicklung, des X, jüdischen Frauenbundes. Er ist am 14. Juni 1904 als Ver-M band der jüdischen Fraüenvereine in Deutschland gegründet worden. Als greifbare Erfolge des Bundes sind schon jetzt . anzuführen die Gründung eines Heims für gefallene und?.- gefährdete Mädchen und Frauen in Neu -Isenburg^ bei-^ Frankfurt a. M., die Entsendung von drei Damen in das jüdische Zweigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels, welches von der Großloge für Deutschland U. O. B. B. be- , gründet, dem internationalen Bund gegen den Mädchenhandel - angegliedert ist; ferner die Mitarbeit am Werke des Hilfs- . Vereins der Deutschen Juden usw. . Nach einigen überleitenden Worten der Vorsitzenden,? Fräulein Berta Pappenheim, begann die Schreiberin dieser; Zeilen ihren Vortrag: „Kulturaufgaben der jüdischen Frau", davon ausgehend, wie die jüdische Frau während der Ghetto- , zeiten mit ihrem Manne unter der Rechtlosigkeit der Juden litt, und wie sie dann selbst, nachdem die Ghettomauern gestürzt waren, so wenig in der engbegrenzten Gemeinschaft wurzelte, daß ihr nur der Platz in der Familie zugewiesen / war. Die moderne Jüdin will, wenn die reifgewordene Frauenschaft ringsum ihre Ketten klirrend abwirst, die Vor- " urteil und Ueberhebung ihr angelegt, nicht zurückstehen und fordert mit erwachten Ansprüchen ihren Anteil an der jüdischen Kulturentwicklung. Ihre Sinne sind zugeschärft auf die Eigenart ihres Volkes, das sie liebt, sie will 'keine Renegatin oder auch nur Mitläuferin werden. Ihr Bestes soll ihrem Volke : gehören. Anteil muß ihr werden an der jüdischen Gemeindeverwaltung. Um sie dafür reif zu machen, ist eine Reform der weiblichen Bildung nötig. Das jüdische Mädchen muß ebenso wie der jüdische Knabe die jüdischen Ideale verfechten lernen. Das Mädchen muß ebenso die hebräische Sprache; ' die jüdischen Gesetze, die jüdische Geschichte kennen, dann erst wird sie die Volksseele bewundernd begreifen. Der Beruf dem jüdischen Mädchen wie dem jüdischen Manne. Die Ehe kann nicht die einzige Lösung der jüdischen Frauenfrage bedeuten. Das war einmal. Mit den Männern gemeinsam müssen die Frauen ihre Interessen beraten, rmmer wieder darauf hinwirken, daß ihre Kinder gleichberechtigt in den Staatsschulen ausgenommen, jüdische Lehrerinnen gleichberechtigt angestellt werden. Wo gibt es ein jüdisches Lehrerinnenseminar in Deutschland? Frauen müssen in die Armen- und Schulverwaltungen und überhaupt in alle jüdischen Verwaltungen, die für Kinder und Frauen geschaffen wurden. . Die Wohltätigkeit muß in andere Bahnen gelenkt werden. Wohltat muß Wohlfahrt werden; das Ohr überall hingewendet werden, wo Gefahr entsteht, und Vorbeugen. Die Durchführung des Kinderschutzgesetzes verlangt auch die mütterliche Hilfe der jüdischen Frauen; Säuglingsüberwachung, Verhinderung der . großen Sterblichkeit auch unter den jüdischen Kindern, ist jüdischer Frauen Pflicht. Uebernahme von Vormundschaften jüdischer Kinder ist eine nicht hoch genug anzuschlagende Tätigkeit, denn gerade derartige, anderseitig überwachte jüdische Kinder gehen uns vielfach verloren. Wahrlich, Arbeit genug für jüdische Frauen, wollen sie an der Kulturentwicklung der Judenheit Mitarbeiten. Kultur wächst von innen heraus, und' je größer der Umkreis ist, den wir von innen heraus bebauen, desto höher wird unsere Kulturarbeit verwertet. Mädchenhandel, das uneheliche Kind, Kolonisation, osteuropäische Juden; n alles Arbeitsgebiete, die die Kräfte der Besten unter uns be- ÄS