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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-06 · Heft 45 (6.11.1908) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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über dieses Treiben mit großer und berechtigter Entrüstung abgeurteilt worden. Aber so schlecht die Sache auch an sich ist,, .sie ist noch, schlirnznex seitens des Staates, der dies veranlaßt, während zenP aus 'übertriebener Sorge für ihre Kinder tun. ' ' i; * J Am den in dev letztes Zeit unter den Juden so häufig gewordenen Taufen wirksam entgegentreten zu können, hat man bei uns zu verschiedenen Mitteln der Verteidigung greifen wollen. Die Apologie des Judentums ist in der Gegenwart für uns sehr wichtig und soll nach Kräften gefördert werden. Es ist auch anzunehmen, daß sie viel Nützen bringen wird, und zwar vielleicht nicht so sehr nach der Richtung, daß die Leutewelche zur Annahme der Taufe entschlossen sind, dadurch von diesem Schritte zurückgehalten würden, sondern, ,daß sie den im Judentum ausharrenden Glaubensgenossen den nötigen Mut und das Selbstbewußtsein verleihen könnte. Ueberhaupt ist es unsere Pflicht, für das Judentum einzutreten und alle Angriffe gegen unseren Glauben mit der Waffe der Wissenschaft und der Kritik zurückzuweisen. Aber täuschen wir uns nicht über den praktischen Wert der Apologetik, wo es sich darum handelt, Juden von der Fahnenflucht zurückzuhalten. Man kann ihnen-aufs klarste den hohen Wert des Judentums und die Verwerflichkeit der Scheintaufe beweisen — der Schwerpunkt liegt für sie nicht in den dogmatischen Vorzügen des Christentums, sondern in den Vorteilen, welche der Staat ihnen für ein äußerliches Bekennen zu der Staatskirche bietet. Das Judentum kann geschichtlich und ethisch jede Kritik aushalten, aber es kann nicht solche materiellen Vorteile seinen Bekennern bieten, wie das Christentum durch die Machtmittel des Staates für die Taufe in Aussicht stellt. Deshalb ist im modernen Staate eine wirksame Apologie des Judentums im Grunde genommen weiternichts als ein politischer Kampf. Da wir eine kleine Minderheit bilden, so ist der Kampf um unser Recht ein sehr schwerer, und er bietet uns keine Aussichten auf Erfolg. Wir sehen ja, wie der konfessionelle Streit in der Regel geführt wird, wie Katholiken und Protestanten in manchen europäischen Staaten gegen einander kämpfen. Es wird auf beiden Seiten eine literarisch wissenschaftliche Polemik geführt, die bald eine mildere und ruhigere und bald eine schroffe Form annimmt. Aber das Recht einer jeden Konfession, die Freiheit des Bekenntnisses wird auf dem Boden des politischen Kampfes verteidigt. Denn im öffentlichen Leben, in der Politik, ist nicht das Wichtigste, daß man Recht hat, sondern daß man es behält. Vielleicht wissen es unsere Gegner ganz gut, daß das Recht auf unserer Seite ist; aber sie machen sich unsere Schwäche zunutze und wollen höchstens durch Spiegelfechtereien dem Unrecht einen Schein von Recht geben. Den Kampf gegen dieses Unrecht, gegen die vom Staat geübte Zwangstaufe/ können wir als kleine Minderheit im Staate mit politischen Machtmitteln nicht aufnehmen. Das -darf uns aber nicht abhalten, gegen diese angebliche Staatsräson, gegen diese unwürdige Herabsetzung des Judentums, gegen den Mißbrauch der Staatsgewalt mit aller Schärfe zu .polemisieren. Man soll .nicht stillschweigend-eine unverdiente Beleidigung ertragen, bis sich der Beleidiger einbildet, er sei dazu.,berechtigt, und der in seiner Ehre Gekränkte selbst daran .zu glauben anfängt. Der unvergeßliche Zacharias Frankel hat wor etwa fünfundsechzig Jahren, anläßlich seiner Wahl zum Oberrabbiner :der Berliner Judenheit ein Schreiben an -dendamaligen Kultusminister E i ch h o r n gerichtet, in welchem rer der preußischen Regierung die den Juden zugefügten Beleidigungen -undden.dem Judentum angetanen: Schimpf mit großem Freimut vorhielt. Er tat dies in einem so entschiedenen Tone, daß er damit auf -den Kultusminister des'.- damals nichtkonstitutionellen Preußen großen Eindruck machte. Daß Eichhorn von diesen Vorhaltungeü nicht unberührt dliebj erkennt man: an seiner stammelnden Antwort, in derberr;e§ gar nicht wagte, die Berechtigung der gegen die Regierung erhobenen Vorwürfe zurückzuweisen. Seitdem haben sich die Verhältnisse sehr geändert, und wir wissen nicht, ob einpreußischer Staatsminister heutzutage vor einem Schreiben, eines Rabbiners oder eines jüdischen Gelehrten solchen Respekt empfinden möchte, wie ihn Eichhorn damals vor dem Briefe Frankels. empfand. Wir wollen auch gar nicht raten, einen solchen Schritt zu wiederholen. Aber es soll darauf hingewiesen werden, welcher Art unser Verteidigungskampf sein muß; daß es nicht der dogmatische oder ethische. Inhalt des Judentums ist, der etwa vor der modernen Weltanschauung nicht bestehen könnte, sondern der Staat, dem es aus.solche subtile Untersuchungen gar nicht ankommt, und der dadurch Moral und Sittlichkeit zu fördern glaubt, daß er Ueber'- zeugungstreue und Gesinnungsehrlichkeit straft, Ueberzeugungslosigkeit aber belohnt. Dieses kann in der Oeffentlichkeit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit nicht oft und nicht entschieden genug gesagt werden. Nicht die überzeugende Kraft, des Christentums fürchten wir, sondern den Staat und seine Macht. Die Woche. Berlin, 4. November. Diskussion über die Lage der Juden in den O stmarken nimmt noch immer ihren Fortgang. Neuerdings hat man den Juden sogar deshalb geraten, sich mehr an dem Kampf gegen.die Polen zu beteiligen als bisher. Gegenüber den verkehrten undvon der Parteien Haß eingegebenen Urteilen, die man über diese Frage in verschiedenen Blättern zu lesen bekommt, nimmt der folgende Artikel der „Königsberger Hartungschen Zeitung" eine im ganzen sehr richtige Stellung ein. Derselbe ist gegen die Polenpolitrk im allgemeinen gerichtet; doch das geht uns hier nichts an. Was uns dagegen interessiert, ist die ziemlich treffende Beurteilung der jüdischen Verhältnisse. Es heißt da unter anderem: „Zu den vielen üblen Folgen der Polenpolitik gehört auch die, daß die Lage der Juden in der Provinz Posen, in der sie stets ein Vollwerk gegen die Polen waren, immer schlimmer wurde und wird. Die Deutschen werden unterstützt. Deutsche werden herangezogen, die Beamten werden vermehrt; auf der anderen Seite schließen sich die Polen immer stärker zusammen, und zwischen beiden Heerlagern werden die Juden zerrieben. Je weiter sich der zweifelhafte Segen der preußischen Ostmarkenpolitik mit ihren Hunderten von Millionen über die Provinz ergoß, desto unerquicklicher wurde die wirtschaftliche und gesellschaftliche Position der angestammten Juden. Auch die gesellschaftliche. Das Beamtentum der Provinz Posen, namentlich das höhere, ist von ganz besonderem Schlage. Kaum irgendwo findet sich der Kastengeist, zugleich mit Antisemitismus durchtränkt, so ausgeprägt, wie gerade in jenenPolnisch-deutschen Städten und Städtchen der Provinz Posen, in denen, wollte man wirktlich germanisieren, selbst Standesunterschiede und Dünkel fallen müßten, die anderswo noch begreiflich, wenn auch lächerlich sind. Und wenn man schon unter Billigung durch den Kultusminister den Juden jener Provinz . vorwirft, sie lassen das Heimatsgefühl vermissen, so darf man wohl fragen, was denn diejenigen deutschen Grundbesitzer für ein Heimatsgefühl haben, die ihren eigenen Grund und Boden verkaufen, und sich von ihm trennen, wenn ihnen von der Ansiedlungskommission oder gar. selbst von gegnerischer Seitehohe Preise geboten werden? Wenn die Juden aus der Provinz Posen sortziehen, sobald ihre wirtschaftliche Lage es nur irgend gestattet, so ist die Ursache die Regierung

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