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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-06 · Heft 45 (6.11.1908) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. MWWMW MWWW? 72. Jahrgang;. Nr."4J5. Berlin, 6. November 1908, Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abönnenienls -Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere . verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 5 ITC. Redakteur: Gustav liavpclcs. Begründet von Rabbiner £u&wi<j Philipxson Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße q-S/49, zu richten. Verlag vau Rudolf Blosse, Berlin. Mlldrrnr Lwsngstsukm. Berlin, 4. November, der Geschichte des jüdischen Volkes ist mit blutiger Schrift die Barbarei der Zwangstaufen verzeichnet, als fanatische Fürsten und Volksmassen die Juden zur Annahme des Christentums zwangen. Es geschah dies unter Androhung der schwersten Gefahr an Leib und Leben, oft aber auch ohne die abgenötigte Zustimmung der jüdischen Opfer, die man einfach in die Kirche schleppte und trotz ihres lebhaften Protestes .der Taufe unterzog. Diese Vorgänge spielten sich häufig in Frankreich und in Deutschland ab, wo die Zwangstaufe um die Zeit der Kreuzzüge für die Juden geradezu ein Elementarereignis wurde. Die letzten Jahrhunderte des Mittelalters sind von ähnlichen Gewalttätigkeiten; gegen die Juden voll, und von Zeit zu Zeit machten es auch islamitische Fanatiker den christlichen nach, indem sie die Juden zur Annahme des Islam nötigten. Am meisten sind die Judenverfolgungen in Nordasrika und in Spanien bekannt, als um die Mitte des zwölften Jahrhunderts die almohadische Bewegung mit großer Vehemenz einsetzte und in Hunderten von jüdischen Gemeinden Schrecken verbreitete. Viele tausend jüdische Familien konnten diesem Ansturm nicht widerstehen, und in der großen Not entschlossen sie sich, zum Schein den Islam anzunehmen. Es ist wahr, daß im Laufe der Zeit viele Scheinchristen und Scheinislamiten, oft unter schwerer Lebensgefahr, zum Judentum zurückkehrten; aber ein großer Teil dieser in ihrem Gewissen so schrecklich Vergewaltigten blieben doch dem Judentum für immer verloren. Nach den Stürmen vom Jahre 1491 und 1492 in Spanien, denen wenige Jahre darauf die Austreibung und die gewaltsame Taufe aller jüdischer Kinder im Alter unter zehn Jahren in Portugal folgten, hielten sich heimlich die meisten Scheinchristen im Judentum, den blutigsten Maßregeln der grausamen Inquisition trotzend. Viele retteten sich auch später, um sich in der Türkei und in Holland öffentlich zum Judentum zu bekennen. Aber der größere Teil ist doch im Laufe der Jahrhunderte dem Christentum endgültig verblieben. Solche Szenen der Gewalttätigkeit wird man heutzutage in Europa für unmöglich halten. Physische Gewalt wird an den Juden, um sie zur Taufe zu veranlassen, nicht mehr verübt, höchstens daß in Galizien hin und wieder ein jüdisches Mädchen den Eltern gestohlen und nach einem Kloster verschleppt wird, wo es trotz aller gesetzlichen Bestimmungen gegen den Willen der Eltern die Taufe erhält. Daß in Galizien vorzugsweise jüdische Mädchen und nicht Knaben in der geschilderten Weise dem Christentum zugeführt werden, dafür fehlt zwar jeder vernünftige Grund; aber die frommen Seelenschacherer werden schon wiffen, was sie damit bezwecken. Indes, auch derartiges geschieht bloß noch in Galizien. Anderswo wird doch jeder Schein von Gewalt vermieden; sollte sich ein solcher Fall in einem modernen Rechtsstaate ereignen, so zweifeln wir nicht im mindesten daran, daß die staatlichen. Organe mit aller Strenge eingreifen und den Frevel nach Gebühr ahnden würden. Indessen möchten wir fragen, ob es vom ethischen Standpunkt aus viel besser ist, wenn der Staat selbst moralische Zwangsmittel gebraucht, um Juden zur Annahme des Christentums zu nötigen? Im gewissen Sinne, müssen wir dieses Tun als moralisch noch verwerflicher bezeichnen, denn wenn jemand durch materielle Zwangsmittel gedrängt wird, dem Judentum abzuschwören und eine Religion anzunehmen, zu der er sich innerlich nicht bekennt, so handelt er eben unter dem äußeren Zwang und nimmt dabei sittlich keinen Schaden. Biel schlimmer ist es, wenn Juden durch allerlei Verlockungen, durch die Aussicht auf Verbesserung ihrer materiellen Lage veranlaßt werden, scheinbar freiwillig zum Christentum überzutreten. Der Staat, der die Juden bei der Verleihung von Aemtern zurücksetzt, ihnen aber für den Fall, daß sie sich scheinbar zum Christentum bekennen, jede Art von Beförderung in Aussicht stellt, verübt an den Charakterfesten und mutig Ausharrenden schweres Unrecht und verleitet die Charakterschwachen und Schwankenden zu einer Lüge, zu einer Unsittlichkeit. Kein vernünftiger Mensch glaubt ja daran, daß sich ein Jude in solchen Fällen aus innerer Ueberzeugung taufen läßt; höchstens kann angenommen werden, daß ihm jedes religiöse Bekenntnis gleichgültig ist, daß er aber: trotzdem das Christentum zum Schein annimmt, weil ihm dieser Wechsel gut bezahlt wird. Wir fragen, ob damit denn so viel dem Staat oder auch der christlichen Kirche gedient ist, daß die Regierung eines modernen Rechtsstaates zu solchen Mitteln greift, um unter den Juden die Taufe zu fördern? In Deutschland kommt es häufig vor, daß Juden, die sich gelehrten Berufen widmen, viele Jahre auf eine Anstellungwarten, und diese -erst erhalten, wenn sie ihren Glauben um einen materiellen Preis wechseln. Es ist kein Geheimnis, daß ein solcher Schritt den meisten auf Beförderung wartenden Gelehrten sehr schwer fällt, und wenn sie ihn doch am Ende tun, so geschieht dies nach langen inneren Kämpfen. In manchen jüdischen Familien ist es leider üblich geworden, daß man die Knaben, um ihnen später solche Seelenkämpfe zu ersparen, im zarten Alter dem Christentum zuführt. Aus Liebe zu den Kindern, um ihnen für die Folge ihre Karriere zu erleichtern/, tun die Eltern für sie etwas, was sie für sich selbst nicht tun wollten. Es ist oft, genug in unseren Kreisen . j "M . "4 :'-§

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