Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Hwird -unbeachtet werden" können, da, 'wie bereits'- erwähnt, alle' Pfleglingszimmer .besetzt' sind,' so daß sch ott' des öfteren würdige-Be- .^-3..werber-Zurückbleiben - mußten, weil noch.-dringender Eedürftige" vorhanden waren. Für die bea bsichtigte Errichtung' 'des. Erweiterungsä baues besteht seit Jahren ein Baufonds/ der bisher aber nur einen Betrag von 6000 Mark ausweist. Mit dieser -geringfügigen 'Summe kann natürlich nicht cin die wichtige Aufgabe -des Neubaues herangetreten werden.' Der Vorstand richtet daher an alle Freunde und' Gönner-der Anstaltdie Bitte, ihn durch Zuwendung von Geschenken, Legaten und Stiftungen in seinem segensreichen Wirken zu unterstützen, damit er bald' in die Lage'versetzt werde, den notwendigen Erweiterungsbau' des Hauses vorzunehMew. dessen Einweihung die . würdigste Feier des im Jahre 1911 stattfindenden 25 jährigen Bestehens des Altenhauses wäre. Entsprechend" der - größeren Zahl der , Insassen sind auch die laufenden Ausgaben der Anstalt gestiegen. Sie haben sich von rund 18 000 Mark im Jahre 1900 auf 29 000 Mark im verflossenen Jahre erhöht. Allein die Beköstigung erforderte 1907 den Betrag von fast 15 000 Mark, während die Verwaltung im Jahre 1900 mit 7000 Mark rechnete. Dabei sind im Jahre 1907 die" durchschnittlichen Kosten, auf den einzelnen Pfleglingberechnet, mit dem Beträge von 651.43 Mark auf die niedrigste Ziffer gebracht die seit Bestehen der Anstalt vorkam. Es ergibt sich auch . hier die'Tatsache)' daßdas Haus um so rationeller arbeitet, je größer die Zähl der Pfleglinge ist. Die Einnahmen der Anstalt im Jahre 1907 - aus Zinsen und Renten betrug 29 051 Mark, während an Geschenken und Legaten 10 263 Mark eingingen und -die Mitgliebsbeiträge nur die Höhe von 5644 Mark erreichten. Die Gesamt- . einnahmen betrugen'im Jahre 1907 45 273 Mark. Es/sei noch besonders hervorgehoben, daß von den Pfleglingen irgendein Eintrittsgeld nicht erhoben, wie auch der Aufenthalt in der Anstalt vollständig unentgeltlich ist. Das 'Altenhaus untersteht der Aufsicht des Gemeindevorstandes, und ist der Gemeindevorsteher Herr Alfred Levy, Vorsitzender der Verwaltung, der sonst noch eine Reihe von Damen' und Herren angehören. — Der Jsräelitisch-hülnänitäre Frauenverein hat in Verbindung ' mit anderen Institutionen 'eine Neue segensvolle Wohlfahrtseinrtchtung in unserer Gemeinde geschaffen. Ein neues Heim für jüdische junge Mädchen, die sich -als Lehrerinnen- Kontoristinnen, Verkäuferinnen und ähnlich mehr beruflich betätigen Und des familiären Anschlusses entbehren, wird am 1. Januar 1909 hier eröffnet. ' Diese Einrichtung wird in den Kreisen der jungen ■ Mädchen sicherlich freudig begrüßt werden, um so mehr, als das neue Heim unter Leitung einer gebildeten, erfahrenen Dame neben geselligen Anregungen auch eine bürgerlich gute und streng rituelle Kost bieten wird. Der Pensionspreis beträgt pro Monat von 40 Mark an. Der Vorstand besteht aus sieben Damen. Fräulein Sidönie Werner bekleidet das Amt einer ersten Vorsitzenden. . e. Frankfurt a. M., 16. Oktober. Ein beliebtes Thema der antisemitischen Presse ist der jüdische Mädchenhandel, wobei' freilich geflissentlich verschwiegen wird, daß gerade aus den Kreisen der deutschen Juden die auf die' Bekämpfung dieser schändlichen Institution abzielenden Bestrebungen . und Institutionen die tatkräftigste. Förderung erfahren, und daß eine besondere jüdische Organisation seit Jahren' Schulter an Schulter mit den änderen Komitees kämpft. Auch auf der in diesen Tagen statigehabten sechsten denkschen Nä t i o n älkön ferenz zur Be kam pfun g des M ädcheNh an dels war der jüdische Frauenbund vertreten und ist mit eigenen Anträgen, die auch einstimmige Annahme fanden, hervorgetreten. Ebenso nahm auf der.am 12.d7M. in"tjfranffurt .'q/iDt. staitgehabten 19. Konferenz. deutscher Sittlichkeitsvereine der Referent - Lic. Weber, der Herrn Stöcker politisch und kirchlich sehr nahe steht, ausdrücklich Veranlassung, in seinem Aufruf zur Bekämpfung der sogenannten Nacktkulturbewegung, sich nicht nur an die Bekenner der christlichen Religion zu wenden: „Wir hoffen, daß auch unsere israelitischen Mitbürger, die an den' Gott Abrahams glaüben, mit uns züsammenstehen werden in dieser Sache." (Lebhafte Zustimmung.) Insbesondere aber hob Lic. Weber rühmend " hervor die tatkräftige Unterstützung, die der Verein im.Kämpfe gegen die Bordelledurch einen, 'dem derzeitigen Abgeordnetenhäuse leider nicht mehr a »gehörigen Parlamentarier erfahren hat: „Besonderen Dank spreche ich noch dem'Abgeordneten Münsterberg ans. Ich bedaueredaß er nicht hier ist. . Er hat die ernste Frage im Parlament mit Nachdruck ver-- treten." ' . ... — München, 21. Oktober. Der Verleger des „Grobian", Anton Leib, hatte sich vor dem Schöffengericht München I wegen Beleidigung zu verantworten. Er hatte in den Nurnmern 37 und 39 der von-ihm redigierten Wochenschrift behauptet, der^ Rechtsanwalt Dr. Holländer führe nur Prozesse, um Geld zu verdienen. Ferner schrieb Leib: „Der Münchener Filialleiter des jüdischen Denunziantenvereins sei der koschere Rechtsgelehrte Dr. Holländer" und ließ sich in seinem Artikel gegen die Juden aus. Veranlassung zu diesen beiden Artikeln gab ein Beleidigungsprozeß mir einem Kantor, den Rechtsanwalt Dr. Holländer verteidigte, der gegen Leib eine schwere Freiheitsstrafe beantragte. Leib wurde damals zu einer Woche Gefängnis verurteilt. In der Verhandlung vor dem Amtsgericht erhob Leib gegen Rechtsanwalt Dr. Holländer Widerklage, mit der Behauptung, dieser habe ihm in einem Schriftsatz einen Falscheid unterschoben. Zu seiner Verteidigung erklärte Leib, er sei zu den Artikeln provoziert wordenim übrigen habe sein Blatt die Richtung geändert, es sei kein antisemitisches Blatt mehr. Unter Hinweis auf feine hochgradige Nervosität, wegen der er auch, wie er. angab, im Oktober 1907 in die Schweiz gereist sei. flehte er den Privatkläger wiederholt um einen Vergleich an. Da der Vertreter.des Klägers aber jeden Vergleich rundweg ablehnte, verurteilte das Gericht Leib wegen Beleidigung zu einer Woche Gefängnis und'sprach den Widerbeklagten Dr. Holländer frei. . Heidelberg, 8. Oktober. Gestern beging Herr Ernst Carlebach, Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde, die' Feier seines 70. Geburtstages. Der Jubilar erfreut sich wegen seiner jahrzehntelangen selbstlosen Tätigkeit in der Verwaltung und den humanitären Einrichtungen der israelitischen Gemeinde, die er fast alle selbst hat gründen Helsen, allgemeiner Achtung und Wertschätzung. Den Gefühlendes Dankes und der Verehrung seitens, der Gemeinde- Mitglieder gab Herr Max Liebhold,-begleitet vom Synagogenrat und vom Vorstand der Gemeindevertretung, unter Ueberreichung einer künstlerischen Adresse und eines.kostbaren Silbergeschenkes (Thoraschmuck) warmempfundenen Ausdruck. Herr Bezirks - Rabbiner Dr. Pinkuß überbrachte, die herzlichen Glückwünsche des Rabbinats- und der Bezirkssynagoge. Gesterreich-Nnsam. LI Wien, 26. Oktober. Unerhörte Dinge passieren jetzt hier. Die An- > gelegenheit des.Brigittenauer Bethausvereins „Linath Hazadek". eines Konkurrenzunternehmens zu den Vereinen „SchomreHadath" und „Bne? Berith", welchem infolge der Gutachten der Bezirkskommission- und des Tempelvereins für den 20.Bezirk die Genehmigung des Vorstandes nicht erteilt wurde, bildet den äußern Nahmen. Das Betlokal wurde polizeilich gesperrt,, und die Protektoren dieses „orthodoxen" Bethausunternehmens haben „am.heiligsten Festtage",- am Rösch-? hasch ono, einen Wagen bestiegen und sind nicht etwa zum Präsidenten der Kultusgemeinde oder zum ersten Sekretär gefahren, um die polizeiliche Maßregel rückgängig zu machen; sie fuhren vielmehr zum antisemitischen Bezirksvorsteher, welcher jetzt gerade Kandidat der antisemitischen Partei für den- Landtag ist, um ihm Gelegenheit, zu bieten, diese Schichte naiver jüdischer Wähler sich zum Danke zu der-, pflichten. In der Tat hat man bei diesem sogenannten „orthodoxen". Gottesdienste dem antisemitischen Kandidaten. den. Dank in Form eines feierlichen „Mischeberach" ausgesprochen. Damit ist aber die Sache nicht abgetan, sondern man soll ihm. auch versprochen haben, ihm bei der Landtagskandidatur Vorspanndienste. zu leisten, -und unter, dem Vorwände einer Opposition gegen den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde jüdische Wähler den antisemitischen Kandidaten:zuzusühren. Sollte man dies -für möglich halten? — Bei den letzten Unruhen in Prag wurden natürlich deutsche und' jüdische Häuser demoliert Unter den vom Volke erstürmten öffent-. lichen.Gebäudenbefand sich auch das jüdische Waisenhaus, das dievon den Deutschen im Landtage gesungene.„Wacht am Rhein" mit seinen Fenstern und Rolläden zahlen mußte.: Dafür aberagitieren