Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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72. Jahrgang- Nr,44. Berlin, 30. Oktober 1908. Detlsge zur ^Allgemeinen Leitung deK ZudentumK^. korrelponllrnrrn und Kgchrichten. . Deutschland. 8. Berlin, 24. Oktober. Die heutige Abendsitzung der Rep räsent anten Versammlung, die aus Rücksicht auf die am Sonntag in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums stattfindende Gedächtnisfeier und die Einweihung des Erziehungsheimes für geistesschwache jüdische Kinder in Beelitz auf die ungewöhnliche Zeit anberaumt würde, hatte em umfangreiches Arbeitspensum zu bewältigen. Bor Eintritt in , die 34 Punkte umfassende Tagesordnung widmete der Vorsitzende LouisSachs dem verstorbenen Sanitätsrat Dr. Neumann einen warm empfundenen Nachruf. Die. ersten sieben Vorlagen der Tagesordnung betrafen Stiftungen, die sämtlich debattelos zur. Annahme gelangten; vier davon fielen der Altersversorgungsanstalt zu, nämlich im Betrage von. 12 000 Mark die Zuwendung des Herrn Jacques Salomon zur Begründung einer Isidor und Emilie Salomon-Stiftung, des Herrn Max Mecklenburg zur Begründung einer Max und Tina Mecklenburg geb. Lachmann-Stiftung, des Herrn . Louis Eduard Sachs zur Begründung einer.Louis Eduard und . Anna Sachs-Stiftung, der Frau. Erna Pakscher zur Errichtung einer Erna Pakscher-Stiftung. .Ein dankenswertes Novum auf dem Gebiete der Humanität ist die von Frau.Geheimrat Becker im Betrage von 10 000 Mark überwiesene Zuwendung zur Begründung, einer Stiftung für jüdische Studentinnen. Eine Zuwendung , des Rentiers Joseph Blitz betraf, Zwecke der Grabeserhaltung, und schließlich hat Herr Max Mecklenburg in hochherziger Weise noch die Mittel zu einer Lehrer- und Schülerbibliothek für das zweite Waisenhaus zur Verfügung gestellt. — Der G em ei n d e v o r st a n d hat der Repräsentantenversammlung seine Antwort auf eine Reihe von Beschlüssen nunmehr zugehen lassen. Der Ausschuß erhob durch seinen Referenten Professor Blaschke Einspruch gegen eine solche „Kollektivnote* und ersuchte den Gemeindevorstand, in Zukunft zu jedem einzelnen Beschlüsse.der Repräsentanten.,alsbald Stellung zu nehmen, und der Versammlung Kenntnis zu geben, Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Herr L.o.uis Sachs regte noch an, daß nach Analogie der städtischen Körperschaften der Gemeindevorstand vor Ablauf jedes Etatjahres unaufgefordert eine Ausstellung sämtlicher unerledigter Beschlüsse und Resolutionen geben solle mit kurzer Angabe, aus welchen Gründen die. Nichterledigung' oder Ablehnung erfolgt ist. In dem summarischen; Antwortschreiben des Gemeindevorstandes ist zunächst, der Antrag abgewiesen, ob die Gemeinde für ihren eigenen Bedarf die Beschaffung des Koscherfleisches nicht selbst übernehmen könnte. Nach den Ausführungen des Dezernenten Netter scheitert dieser Antrag zunächst an der Personalfrage; die nötige Zahl von Ehrenbeamten ist nichtaufzutreihen, die sich mit der Sache so befassen können, wie es im Interesse der Gemeinde liegen würde. Der. Bedarf der Gemeindeverwaltung ist. ferner kein so großer, daß es sich rentieren würde, von Gemeinde wegen derartige Institutionen zu treffen, und schließlich verbietet sich die Annahme des Antrages mit Rücksicht auf die. Gemeindemitgliedep, welche das Koscherfleisch liefern. Herr Weinberg beklagt namentlich den Uehelstand,. daß ein großer Teil der Schlächter sich nicht unter Aufsicht stellen will, und betont, daß die . kleineren Schlächter auch gar nicht in der Lage find, die geforderte Kaution zu stellen. Er regt deshalb an, - jeden Schlächter, der sich dazu eignet, unter Aufsicht zu stellen, ihm aber sämtliche Kosten zu erlassen und diese auf den Gemeindeetat zu übernehmen. Man würde dadurch eine größere Konkurrenz, schaffen und den Preis des Fleisches billiger gestalten. Hexr Aron Hirsch bittet dagegen dringend, diese Angelegenheit so zu belassen, wie sie augenblicklich, ist. Die Gemeindebehörden können nurverantworten, daß solche Fleischgeschäfte unter Aufsicht, gestellt werden, welche quantitativ und qualitativ genügen. Auch Herr I a c o b y, der Vorsitzende der Koscherfleisch-Kommission, bestätigt, daß die sehr niedrigen Schlqchtgebühren gar keinen Einfluß auf den Preis des Fleisches haben;, die Anregung Weinbergs sei durchaus nicht neusei aber unausführbar, da für eine Aenderung nur die großen Fleischhändler . in Betracht kommen. Ein zweiter Punkt des Antwortschreibens betraf die Einführung der Orgel iw der Synagoge R y k e st r a ß e. Die Vorlage wurde, wie. erinnerlich , trotz der Ablehnung seitens des Vorstandes noch einmal au den Gemeindevorstand zur Prüfung zurückgewiesen. Der Vorstand hat jetzt erklärt/ auf; seinem Standpunkt zu beharren. Der Vorsitzende konstatierte unmittelbar, nachdem der Referent über diesen Teil des Bescheides berichtet hatte, daß die Versammlung davon Kenntnis genommen hätte. Eiw verständnisinniges Lächeln huschte über die Gesichter der Gemeindevertreter; man war froh, daß dieser Streitpunkt zwischen Konservativen und Liberalen wieder auf einige Zeit begraben ist. — Zur Anstellung jüdischer Organisten hat der Gemeindevorstand , noch nicht Stellung genommen. Die erforderlichen Gutachten der Rabbiner sind eingegangen und jetzt dem Ausschuß III zur Kenntnisnahme übersandt worden. Die Versammlung erklärt sich mit zehn gegen zwei Stimmen einverstanden, daß die Vorlage mit den Gutachten in den Ausschuß zurückverwiesen wird. — Die Aenderung der Satzungen der Armenkommission hat auch die Zustimnmng des Gemeindevorstandes gefunden, ebenfalls die von den Repräsentanten beantragte Um-, gestaltung der Barmizwabfeier. Eine Aenderung in der Ansprache des Rabbiners unterliegt nur noch der Prüfung der Rabbiner. Der Beschluß des Gemeindevorstandes betreffs einer Aktion für die rumänischen Juden ist noch nicht spruchreif. — Auf Antrag des Justizrats Timendorfer, der zu dieser Sache eine Mitteilung machen will, wird die Vorlage in die geheime Sitzung verwiesen. — Alsdann folgen einige Ergänzungswahlen, und zwar des Justizrats Ob erneck als juristisches Mitglied in den Krankenhaus-Vorstand, des Professors Dr. Straub in die Bibliothek-Kommission, des Herrn Beitel in die Friedhof-Kommission. — Nach kurzer Debatte wurde die Summe , von 349450.34 Mark nachträglich in den Etat für die Zeit vom!. April 1308 bis 31. März 1909 eingestellt. Mit dieserAusgabe sollen verschiedene, imHauptetat nicht vorgesehene, nachträglich durch Gemeindebeschluß festgestellte Ausgaben bestritten werden. Wie Herr Jacoby auf Anfrage erwidert, wird hierdurch die Steuerquote keine Erhöhung erfahren. — Bei dem Rechnungsabschluß für die gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Festtagen des Jahres 1907 ist ein Mehrverbrauch von 9273 Mark: zu verzeichnen. Der Erlös aus Platzmieten betrug 71 039 Mark, der Erlös aus Mizwotgeldern 227 Mark. Der letztgenannte Betrag veranlaßt Herrn Man Heime r wiederum, für die Abschaffung der Mizwotgelder einzutreten. Man kann den Kampf, in dem Herr Manheimer sehr kräftig von Rechtsanwalt Dr. Cohn seit Jahren unterstützt wird, begreiflich finden, wenn man die außer-' ordentlich spärlichen Einnahmen liest. Die Gegner der Beseitigung der Mizwotgelder erklären übrigens, daß es sich nicht etwa um die Einnahme als solche handle, - sondern daß diese Mizwotgelder zur Abwehr etwaiger Vorwürfe gegen die .Synagogenvorsteher dienen sollen und deshalb unentbehrlich seien- Bei dieser Gelegenheit kommen auch die Jugendgottesdienste zur Sprache, welche, wie vom Vorstandstische mitgeteilt, wird, sehr überfüllt sind, und für deren Vermehrung auch im nächsten Jahre Sorge getragen werden soll. Von mehreren Rednern wird der Notstand beklagt, daß die Eltern nicht mit ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern in der Synagoge zu den hohen Feiertagen dem Gottesdienste beiwohnen können. Besonders für die jungen Leute im Alter von 15 bis 17 Jahren, welche nicht mehr in den Jugendgottesdienst gehören, wirb der Notstand auch vom Gemeindevorstand zugegeben. Zunächst müssen hier noch die Betlokale aushelsen; allen Lehrlingen, die sich gemeldet haben, find ohne weiteres freie Eintrittskarten für die Betlokale zur Verfügung gestellt worden. Alle anderen I Vorschläge sind undurchführbar, weil in den Synagogen zu den 1 hohen' Festtagen säst niemals Plätze frei sind. Den zweck-