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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-30 · Heft 44 (30.10.1908) · p. Seite 528

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 44 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 528 (sequence 12)
Language
German
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W JS. I- Bß- 04' £**> v;?w*lfz | "■»", ^Aber die Intellektuellen werden Mer'" die Reaktionäre fürfeine Aufgabe zu gewinnen suchen müsse. 7Ein Narr oder ein Feigling in einer Versammlung genügte/ um die ganze .Gesellschaft anzustecken. - ' •" Er machte sich also am anderen Morgen gleich nach dem Frühstück aus und suchte zunächst Erbstein, den Bankier, auf. Der aber hob abwehrend die Hände in die Höhe. „Was, ich habe kaum erst 1000'Rubel dazu gegeben, um uns vor einem Pogrom zu bewahren —" „Die waren für den Gouverneur. Geben Sie mir nur 100 für die Selbstverteidigung." Der Bankier sog ruhig an seiner großen Zigarre. „Wir werden unsere Rechte mit der Zeit schon durchdrücken. Aber so etwas geht nur allmählich. Schon jetzt volle Gleichberechtigung zu fordern, ist Unsinn, ist einfach unmöglich.. Es ist eine schlechte Taktik, etwas zu fordern, was sich nicht erlangen läßt. Wir können unsere Emanzipation nur dadurch befördern, daß wir Hand in Hand mit Rußland —" David wurde ungeduldig. „Ich spreche jetzt nicht von unsern Rechten — ich spreche von unserm Leben." Aber da Erbstein eben ein Bankier war, so hörte er niemals .zu, obgleich, er auf alles antwortete. Seine Finanzerfolge hatten ihm glauben gemacht, daß er auch in Religion und Politik eine Autorität sei. . „Vertrauen Sie den Oktobristen," sagte er fröhlich. „Ich würde lieber unsern Revolvern vertrauen." Dem Bankier fiel die Zigarre aus dem Munde. „Sie sind ein Anarchist! Wie mein Neffe Simon." David fing an zu begreifen, wie beschränkt der Horizont dieses Finanzgenies sei. Er sah ein, daß es noch schwerer ist, einem Bankier neue Ideen verständlich zu machen, als Geld aus seiner Tasche zu locken. Er verließ ihn in der Absicht, den vielversprechenden Neffen Simon aufzusuchen. Es gelang ihm, seine Spur zu finden und er traf ihn in einem hübschen, nahe dem Stadttor gelegenen Hause. Simon studierte Jus, wie es schien; sein Zuname war Rubensky. Als der junge Mann hörte, daß sein Onkel ihn für einen Anarchisten hielt, lachte er verächtlich. „Bourgeois!" sagte er, „der erklärt jeden Gedanken, der sich nicht in Geld ummünzen läßt für Anarchie; tatsächlich bin ich genau das Gegenteil eines Anarchisten: ich bin Sozialist. Ich gehöre zu den P. P. S. Wir sind nicht so revolutionär als die S. R/s." „Ich fürchte,- daß ich sehr unwissend bin," sagte David, „ich bekenne, nicht zu wissen, was diese Buchstaben bedeuten." Simon Rubensky lächelte mitleidig. „Die S. R/s, das sind die törichten Sozial-Revolutionäre, ich aber gehöre zu den P. P. S/s, das heißt die Polnische Partei des Sozialismus." „Ach so," sagte David, der zu begreifen anfing, „und ich gehöre zu der Jüdischen Partei der Selbstverteidigung. Ich hoffe, daß auch Sie sich dieser anschließen werden." Der junge Rechtsgelehrte schüttelte den Kopf. „Eine getrennte jüdische Partei, nein, nein! Das hieße den Zeiger der Weltgeschichte zurücksetzen. Die Nicht-Isolierung der Juden ist eine unbedingte historische Notwendigkeit. Unsere Emanzipation muß Hand in Hand mit der Entwicklung Rußlands gehen." „O! Dann stimmen Sie also doch mit den Ansichten Ihres Onkels überein!" „Mit jenem Spießbürger! Niemals! Aber wir sind Polen, die sich zu dem mosaischen Glauben bekennen — jüdische Polen — keine polnische Juden. Die Antisemiten morden die einen wie die anderen." „Und auch die sogenannten Intellektuellen." triumphieren und dann werden sie gemeinschaftlich': gegen" die: Juden losgehen. Haben nicht die ungarischen Juden zu Koffuth gehalten? Und nachdem Ungarn frei geworden — In diesem Augenblick kämen Sinwns Frau und Schwester in das Zimmer und er stellteihnen David lächelnd als Ghetto-Reaktionär vor. Die jungen 'Damen — ernst gekleidete Studentinnen einer Schweizer Universität — machten große erschrockene Augen. „Und dabei noch so jung," sagte Simons Frau erstaunt. Möchten Sie, daß ich ruhig dabei stände und zusähe wie mein Volk ermordet wird?" ' „Gewiß," sagte sie „lieber als dem Zeitgeiste entgegenstreben. Die unbedingte historische Notwendigkeit wird uns ganz von selbst zu einer befferen sozialen Stellung verhelfen." ,-Ach was," rief Simons Schwester, „das sagst Du Deinem Marx und Hegel nach! Ich protestiere gegen Deinen historischen Materialismus. Mit Fichte behaupte ich —" „Sie ist Sozial-Revolutionärin," unterbrach Simon' sie, in erklärendem Tone. „Ach," sagte David, „dann gehört sie also' nicht der Polnischen Partei des Sozialismus an, wie Sie und Ihre Frau?" „Simon, hast Du ihm gesagt,, ich wäre eine P. P. S.?" fragte seine Frau entrüstet. „Nein, nein, natürlich nicht. ■ Ein Ghetto-Reaktionär versteht eben nichts von moderner Politik. Es tut mir leid, zu sagen, daß meine Frau eine Sozial-Demokratin ist." „O, von denen habe ich schon reden hören," sagte David triumphierend. Simons Schwester lachte. „Natürlich, weil sie eine bürgerliche Partei bilden — die nichts riskiert und geduldig wartet, bis die Revolution in ihre Hände gleitet." . „Was Du da sagst, paßt besser auf jene Partei, die die landbesitzenden Bauern zu ihren Kräften zählt," sagte Simons Frau ärgerlich. „Darf ich mir erlauben, Sie darauf aufmerksam zu machen," sagte David besänftigend, „daß all diese Unterschiede völlig unwesentlich sein würden, wenn Sie der Samooborona beitreten wollten? Ich könnte die Hilfe der Damen im Ambulanz- Departement so sehr gut verwenden." „Das ist ja beleidigend," rief Simon "gereizt. „Unser Platz ist Schulter an Schulter mit unseren Landsleuten, den Polen." (Fortsetzung folgt.) Sxrechsast. Sehr geehrter Herr Redakteur! t^>er Verfasser des Aufsatzes „Naturwissenschaft und Religion" in »mS der vorigen Nummer dieses Blattes läßt Galilei „wegen des Wortes: „Und sie bewegt sich doch" den Scheiterhaufen besteigen." Das ist ein doppelter Irrtum.. Denn die Erzählung, daß Galilei jene Worte gesprochen habe, ist nichts als eine Sage, und es ist ferner vollkommen gewiß, daß Galileiso sehr er auch drangsaliert und seelisch gemartert, wurde, in seiner Villa in Arcetri, wenn auch als eine Art Gefangener der Inquisition, kurz vor vollendetem 78. Lebensjahre gestorben ist. Die Schmach eines gewaltsamen Todes dieses großen Mannes ist der Inquisition erspart geblieben. Hochachtungsvoll Berlin, 25. Oktober 1908. Professor Dr. Kali schere Druck und, Verlag von R u d ol s Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. .

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