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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-30 · Heft 44 (30.10.1908) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 44 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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''aüfstehung gewiß liegen bleibt, ohne daß es. die liebe Vorsehung be- ' merken wird. - , -° - - :; Allein auch dieser -personifizierten Null, dieser in Fleischmakulatur .einhergehenden Nichtigkeit hat diegütige .Allbarmherzigkeit Gottes eine Seite gegeben, von welcher er sich bemerkbar machen kann — er ist nämlich ein Judenfeind. .Auf eine wohlfeilere Art kann ein charakterloser Mensch nicht zu einem-Charakter kommen. Man fragt sich in Gesellschaft: Wer ist denn' dieses Schattenspiel von einem Menschen? Ist er ein Gelehrter? nein! — Ist er ein Dichter? nein! — Ist er ein Gutsbesitzer? nein! — Ist er ein Bankier? nein! — Ist er ein Handwerker? nein! — rEin Künstler? nein! —' Ein Doktor? nein! — Ein Advokat? nein! — Ei," was ist er denn? — O! er ist ein Judenfeind? — Da hat er Plötzlich einen. Charakter.. - All' sein Witz, all' sein Mut, alle seine Einfälle, all' seine Beredsamkeit, all'-, sein sanstseliges Lächeln drehet sich um die Juden herum, und wenn die Juden ihm einmal den verdammten Streich spielen wollten, ganz auszusterben, er wäre das geschlagenste, erbärmlichste, miserabelste Männchen aller fünf Weltteile, er hörte aus, etwas zu sein, er müßte stumm herumwandeln! An der lable ä'llote verzehrt er die Juden als Salz, als Salat Dessert. Liest er aus der Karw „Judenfisch mit brauner Sauce" dann ist er geborgen, sein Leben beginnt; er weiß, von was er sprechen soll! Er bedauert, daß man „Judenfisch mit brauner Sauce" hat, denn er würde viel lieber „braune Juden mit Fischsauce" essen. Ist er an einem Orte, wo Juden sind, o, da ist er glücklich! Denn in seiner endlosen Fadheit nicht einmal geschickt genug, noch vom Wetter oder von der Cholera zu sprechen, sind es nur die armen Juden oder vielmehr die reichen Juden, die sich ihm auf die Sprachwerkzeuge geschlagen haben! Er sagt erst: „Ach, es wäre hier schön, wenn nur nicht so viel Juden da wären!" Nach dieser Geistesanstrengung ruht er aus seinen Reduerlorbeeren aus; dann wendet er sich in seiner überschwenglichen Liebenswürdigkeit zu einer anderen Dame und sendet ihr postsrei die Bemerkung hin: „Ueberall sind Juden!" — Hierauf knickt er. erschöpft von diesem Aufwand an Witz und positivem Wissen, wie ein Taschenmesser zusammen, erholt sich nach einigen Augenblicken, und frankiert an eine dritte unglückliche Dame die Worte: „Daß doch die Juden überall sind!" Nachdem er sich nun selbst über die Fülle seiner Genialität angestaunt, wendet er sich zu dem vierten bedauernswerten Gegenstände seiner interessanten Aufmerksamkeit mit dem brillanten Einfall: „Müssen denn überall Juden sein?" ^Darauf drängt er sich wie eine maskierte Sardelle durch die Reihen bis an das andere Ende des Saales und näselt mit unendlicher Grazie einer beklagenswerten Dame das herrliche bon. mot hin: „Findet man doch Juden überall!" — Ich glaube, wenn Müsse Spindelfuß einst auf der letzten Poststation des' Lebens angelangt sein wird, schnüffelt er dem Tode noch die Worte zu: „Sind hier keine Juden?" Da überhaupt der Judenhaß da anfängt, wo die gesunde Vernunft aufhört, so kann der Leser sicher darauf rechnen, das;, wo er das Wort „Jud" ansgestoßen hat, da hat der Verstand des Sprechers entweder noch nicht angefangen, oder er ist bereits zu Ende. Wo das Herz und der Geist gleich dumm und stumm sind-oderzu werden beginnen, und bloß die fünf Sprachwerkzeuge für Kopf und Herz provisorisch das Wort führen, da ist immer-das Feldgeschrei: „Jude! Jude!" Müsse Spindelfuß aber läuft als mathematischer Beweis des eben Gesagten unter uns herum. Es ist das drolligste und lächerlichste Exemplar dieser Rasse ans Erden, und sollten wir im Verlaufe der Zeit entdecken, daß er sich in dieser Wissenschaft vervollkommne, so werden wir Buffons Naturgeschichte mit einer lithographierten Abbildung dieses Prachtexemplars von einem Judenseinde gelegentlich vermehren." Es ist schade, daß wir keinen zweiten M. G. Saphir mehr haben, um die heutigen Antisemiten wieder so gründlich zu Paaren zu treiben! Ghetto-Komödien. Von I. Zang will. Samooborona. nr. T|Jcm brachteschnell 15000 Rubel für den Gouverneur zu- * t sammen aber noch ehe man sie ihm Aberreichte, hatte der Rabbi in tödlicher Angst vor dem von dem Feuerkopfe David angeregten Ideen die sorgfältigsten Erkundigungen.danach angestellt, ob Selbstverteidigung gesetzlich, und ob. es erlaubt sei, den Talmnd-Thorasaal dazu zu benutzen, um sich im Schießen zu üben. In Antwort auf.diese Fragen erschien eine obrigkeitliche Bekanntmachung, in der erklärt wurde, .daß alle Juden, die mit Waffen oder in irgendeiner Versammlung, die nicht religiösen Zwecken diene, gesunden würden, ohne weiteres erschossen werden sollten. Als dann die Stadlonim (Gesandten) mit den 15 000 Rubeln erschienen, erklärte der Gouverneur ihnen sehr ernst, daß sie es sich selbst zuzuschreiben hätten, wenn ein Po grom stattfände. Die Juden von Milovka fingen an, Pistolen zu tragen wie Revolutionäre; sie planten ungesetzliche Versammlungen in ihren Betsälen, wäre es da ein Wunder, wenn die Liga der treuen Russen mißtrauisch würde? Er indessen wolle sein bestes tun, diese wenigen Rubel dazu zu verwenden, extra Vorsichtsmaßregeln zu nehmen, aber er rate ihnen im guten, beizeiten die Übeln Elemente ans ihrer Mitte auszumerzen, sonst möchte auch seine Autorität nicht hinreichen, um sie vor dem gerechten Zorne der gehorsamen Kinder des „Väterchens" zu schützen. Zitternd zogen sich die Abgesandten mit ihren leeren Geldbeuteln zurück. Der arme David fand es nach diesen Vorgängen unmöglich, eine zweite Versammlung zusammen zu berufen. Sein Wirt hatte ihm auf das entschiedenste erklärt, daß in seinem Gasthause er von solchen Dingen nichts mehr wissen wolle; man war allgemein der Ansicht, daß es am besten sei. wenn David die Stadt so schnell wie möglich verließe, und man schickte einen Abgesandten an den Wirt, um ihn zu veranlassen, dies David wissen zu lassen. „Meint Ihr denn, daß ich ihm nicht schon selbst gesagt hätte, er solle gehen?" . * „Aber er ist doch, immer noch hier?" „Ach! Er droht, mich und jeden, der ihn verrät, erschießen zu wollen." Der Gesandte schauderte. „Als ob ich einen Bruder in Israel verraten würde," fügte der Wirt vorwurfsvoll hinzu. „Nein, nein — das natürlich nicht," sagte der Gesandte. „Man läßt solche Burschen am besten allein, sie tragen Bomben unter ihren Westen, anstatt Geldbeutel. Hoffen wir, daß ein plötzlicher Tod uns von ihm erlöst." „Amen," sagte der Wirt inbrünstig. Nicht als ob David irgendeinen Grund hätte haben können, in einem so armseligen Wirtshause zu bleiben. Aber sein Blut war erregt und es machte ihm ein gewisses boshaftes Vergnügen, seinen ängstlichen Wirt nicht von seiner Gegenwart zu befreien. Er sah ein, daß, wenn überhaupt noch auf einen Erfolg zu hoffen war, er sich einzeln an die Bürger wenden und sie

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