Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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schmäht, Hr zuzürufen: '„Küsse mich, mit den Küssen'.Deines Mundes,, denn Deine Reize sind süßer denn Wein". .Schlank -wie: eme. Gazelle, üppig■ wie Karmels Weizenfelder, Zähne wie.Lämmer/ die aus der Schwemme kommen, und Augen, -und Augen! — und dieses Kompendium.von Schönheit war Braut. Es ist eine ganz eigene Sache um die Art und Meise, wie eine Braut.in einer israelitischen Familie betrachtetwird. Sie fühlt die Suprematie des Hauses; sie wird mit einer heiligen Zärtlichkeit behandelt,, wie. eine Gottgesegnete verehrt, man möchte sagenwie ein zum. Opfer erkorenes Wesen.betrachtet. Eine Braut ist die Alleinherrscherin; mit Lust und Liebeunterordnen. sich ihr Eltern, Geschwister und Haus- . gesinde. Ihre Wünsche werden , ihr an den Augen abgesehen und ihr leisestes Begehr erfüllt. Die Juden haben, eine Sage: .In der Familie, wo eine. Braut ist, geht ein Engel umher und streut Körner auf die Schwelle (an der „Mesuse"), um dem „Schedim" und der „Lilit" -(Hexe) den Eingang zu wehren. Diese Sage ist'sinnig und. Poetisch und mag wohl die Ursache der besonderen Brautveneration sein." Ueberaus köstlich und amüsant ist Saphir, wenn er in seinen anmutigen Geschichten allerlei Sachen vom Polnischen Juden erzählt. Hier nur auszugsweise eine aus seinem „Wanderbuch durchs Leben".: Bekanntlich war er jahrelang Redakteur der „Berliner Schnellpost" Und der „Berliner Scheerschleiferin". Da er mit seinen beiden Blättern fortwährend Scherereien mit. der Berliner Zensur hatte, entschloß er sich, den Druck derselben nach Altenburg zu verlegen, ein. Ort, .an welchem damals die Zensur die mildeste unter den schwarzen Damen Deutschlands war. Weil er jedoch seine Zeitung: „Berliner KoUrier" in Berlin drucken ließ, war er genötigt, oft hin- und herzu fahren, und der Weg führte ihn immer durch Leipzig, „berühmt durch seine: Literatur, seine Lerchen und Auerbachs Keller". Im Begriff/ von Altenburg zurückzukehren,; bestellte er sich in dem Hotel „Zur Krone" einen Platz auf einem sogenannten „Hauderer" zwischen Altenburg und Leipzig, ein Fuhrwerk, auf vier Personen eingerichtet. Es war im November und furchtbar kalt und windig. Er versah sich mit einer Flasche Rotwein und allerlei Speisevorräten, und also kampfgerüstet gegen die Chancen einer langen Tagereise nahm er seinenBorderPlatz imFond desWagens ein, der Gesellschaft entgegenharrend, die ihm der liebe'Zufall auf dieser Tagereise bescheren, möchte. Endlich kamen seine Gefährten. Es waren drei Polnische. bärtige Juden, die von Barseba gen Leipzig zogen. Die vierzeilige Strophe war beisammen, die Arche setzte sich in Bewegung und „vier Elemente, innig gesellt" waren bald im Freien. Es waren drei echte „Polaken", die Bärte urwüchsig, von keinem mörderischen Kamm gelichtet,. die Kleidung original-polnisch, und Hände und Gesicht gaben sichtliche Beweise, daß das Urelement Wasser seine verderbliche Macht nicht über sie zu erstrecken vermochte. Saphir rückte ein wenig abseits, um zwischen sich und seinem Grenznachbar eine kleine leere Demarkationslinie zn bilden. Er war in einen feinen langhaarigen Flausrock gehüllt, hatte einen, roten Schal um den Hals und eine keckerregende dito rote Troddelmütze auf dem Kopf. Dadurch unkenntlich gemacht, zumal es im Wagen dunkel war, wurde er von den Enkeln Abrahams für einen Enkel Midians oder gar für einen wahren, gut konservierten Sprößling Amaleks gehalten. Als es Tag wurde, faßte sich einer von ihnen Mut und sagte: „Guten Morgen!" zu ihm. Da Saphir nur in ein paar unartikulierten Tönen antwortete, fragte der zweite Jude: „Tun Sie auch auf Leipzig?" und die Antwort war wieder ein unbestimmtes Grunzen. Diese beiden Antworten schienen den Polen hinreichend, um den Charakter ihres Gefährten vollständig erkannt zu haben, und die fällten (Judenfeind). Den guten Herren -fiel .es nicht im -Träum, ein, daß der Rosche Saphir fein könnte, der im Besitze eines vom Prager Oberrabbiner ausgestellten Rabbinerdiploms war-und: die hebräische Sprache meisterhaft beherrschte. Da sie drei gegen einen waren, schien es ihnen Spaß zu machen, ihn mit ihren Fragen zu behelligen. Als er auf alles konsequent nur unverständlich, antwortete, bemerkte der : eine: " „Er ist nicht nur ein/. Rosche, .sondern auch ein Ehamer!". (Esel). Nun wußte Saphir,, was er-war, was brauchte, er noch -mehr, um glücklich zu sein. Bon da ab war er für das klassische Trifolium 0,0 Luft und Lust, und sie üb erließen ffichun geniert ihrem Naturell und ihren Gewohnheiten. Endlich kamen sie auf talmudische Gegenstände, und es wurde dem Rabbi Saphir klar, daß es lauter geübte Talmudisten waren und daß einer. von. ihnen sogar ein. sogenannter „Magid", ein reisender Prediger und Wunderrabbi. Als er ihnen seinen Wein anbot, wiesen sie ihn zurück, weil er Jajin Nesech (unheiliger. Wein) war. Aher dieses Angebot brachte sie auf.eine der subtilsten Materien des Talmuds. Sie diskutierten über dieses Kapitel in scharfsinnigster. Weise und entfalteten dabei ihren ganzen Reichtum an Witz und Trugschlüssen. Ein glücklicher Umstand oder 'Zufall war es, daß eben dieses Thema der Gegenstand einer rabbinischen Dissertation im Jahre 1811 auf der hohen Rabbinatsschule zu Prag war. „Mit einem nicht unglücklichen Gedächtnis'begabt, „erzählt nun Saphir," lebte der ganze Gegenstand wieder in mir aus.. Ich befand mich im. Geiste mitten unter „Rabbi Gamliel" und „Raw Asche" und „Rambam" und wie die Matadöre des alten. Talmud alle Heißen. Ich folgte lange mit immer steigendem Interesse der Disputation meiner Reisegefährten, ohne daran - leitzunehmen. Endlich, aber Platzte ein Talmudist mit einem Einwnrf heraus,- dessen' Absurdität mich wie ein Lanzenstich traf. Ich fuhr auf und schrie: „Sie sind ein Amhoretz!" (Ignorant.) Die Ueberraschung, welche dieser Ausruf hervorbrachte, war mirakulös. Wer in diesem Augenblicke in den Wagen hineingesehen, hätte vier versteinerte polnische Juden wahrgenommen. Ich selbst war auch von meinem Eifer überrascht und mußte über mich und diese komische Situation herzlich lachen." Solcher Geschichten war Saphir voll. Und ich habe sie-selbst von ihm erzählen gehört, als mein Vater den Knaben in Pesth zu ihm brachte. Daß M. G. Saphir trotz seines späteren Uebertritts nichts weniger als ein Antisemit war, beweisen zahlreiche seiner heftigen Angriffe gegen die Judenfeinde, über die er sich mit gepfefferten Ausdrücken lustig machte. Hier wollen wir zum Schluß nur eine kleine satirische Skizze von ihm „Der Judenfeind" aus dem Grunde wiedergeben, -weil dieselbe, obschon mehr als ein halbes Jahrhundert seitdem verflossen ist, noch heutzutage leider modern, ja sogar aktuell erscheint. Sie . lautet also: „Der gütige Himmel hatte jedem Geschöpfe seine Waffen, jedem Pflänzchen seine Eigenschaft und jedem Menschen seine eigentümliche Seite gegeben, von welcher er sich liebenswürdig und geltend machen kann. Von der Milbe bis zum Mammut, von demZsop, der an der Wand kriecht, bis zur herrlichen Zeder, von dem Kretin bis zum Sokrates ist kein Wesen auf der Stufenleiter der -Schöpfung ganz reizentblößt, ganz interessenackt, ganz unbemerkenswert.' Sehen wir z. B. den bläßlichen Herrn Spindelfuß an. Er ist fade, wie ein kaltes Kataplasma; abgeschmackt wie ein altgebackener Grieskuchen; roh wie ein Russe, der in Rußland für roh gilt; hirnlos wie eine ausgewachsene Mumie; langweilig wie eine Cholera-Quarantäne; ignorant wie ein Mameluk und arrogant wie ein neugebackener Adel. Er ist so unbedeutend, daß der, liebe Tod einstens große Mühe haben wird, ihn heraus, zu /finden,' und daß er bei der Wieder- .