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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-30 · Heft 44 (30.10.1908) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 44 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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Hät5e'vielleicht noch lange auf sich *J' warten .lassenwenn nicht-der Orden „Bnei briss“ für den gleichen Zweck "40 000 Mark gestiftet hatte. So steht der Bau, der ungefähr -5M0 000 Mark beansprucht hat, vollendet da. Auch die Unterhaltungskosten für die Anstalt, die nur noch bildungsfähige Kinder, vorläufig nicht über 14 Jahre, aufnimmt, sind zum . großen Teile gesichert: Mau hofft, die Stiftung, die vorerst 19 Knaben und 11 Mädchen -beherbergt und die keine Erwerbsanstalt sein soll, bald zu erweitern; gibt es. doch gar viele geistig zurückgebliebene Kinder, die bei richtiger Behandlung und Pflege zu brauchbaren Mitglied menschlichen Gesellschaft herangebildet werden können. Der Redner gedenkt ferner der unterstützenden -Tätigkeit des Geheimrats Dr^Sander und des Dr. Nawratzki, die ihren ärztlichen Rat gegeben, der Gattinnen der Professoren Blaschke und Schaefer, die sich der inneren - Einrichtung angenommen, des liebevollen Entgegenkommens der städtischen Verwaltung von Beelitz. Mit einem Dank an alle, die das . Werk gefördert, schließt die Ansprache. Iüstizrat Berthold Timendorfer weist darauf hindaß der Appell an die Mildtätigkeit der Logen nie vergeblich gewesen sei.; Er hoffe, daß alle Logen des : Ordens „Bnei Briss“, der im Vorstand dieser Stiftung Sitz und Stimme habe, sich an diesem Werke der Liebe beteiligen werden, und nicht nur die Logen als solche, sondern auch ihre einzelnen Mitglieder durch Gaben. Er weist darauf hin, daß Erzieher und Beamte dieser Anstalt eine ganz besondere Sendung zu erfüllen haben, zu der sie mit Liebe, unsäglicher Geduld, einem gerechten, aber unbeugsamen Willen ausgerüstet sein müssen. Darauf übergibt der Redner die Anstalt dem Schutz und der Obhut der Gemeinde Beelitz. Nachdem Kantor Friedmann den Psalm 121 mit kraftvoller Stimme vorgetragen, weihte Rabbiner Dr. Schreiber- Potsdam die Anstalt, indem er betonte, daß es ein Zeichen der neuen Zeit sei, daß sie die Gottheit ehre, indem sie der Menschheit - diene. Nach dem Gesang des „atto chaunein loodom* (du verleihst Vernunft dem Erdensohne) aus dem Mundendes Kantors Friedmann versicherte Herr Nürnberg, Bürgermeister der Stadt Beelitz, im Namen der städtischen Behörden, daß der an sie gerichtete Appell - nicht vergebens erklungen sei und forderte dazu auf, Grüße aus dankbarem Herzen an das Kaiserpaar, dessen Namen die Anstalt trägt, zu richten. Die Glückwünsche der jüdischen Gemeinde zu Berlin . überbrachte Dr. Wilhelm Feil chen selb, die der Synagogen gemeinde zu Potsdam Justizrat Friedlaender. Der Gesang „Preis und Anbetung" beschloß die Feier. Nach einem Dankeswort des Professor Philippson an die Ehrengäste erfolgt ein Rundgang durch die Anstalt, die sich mitten im Waldesgrün erhebt. Es sind Helle, freundliche Räume; überall hat man sich die Erfahrungen der Hygiene zunutze gemacht, und auch die besonderen Zwecke, denen die Anstalt dienen soll, bei der ganzen Anlage vollauf berücksichtigt. Möge reicher Segen aus dieser Anstalt hervorgehen und möge sie die Teilnahme edler Menschenfreunde in verdienter Weife finden! M. M Saphir. Von Dr. Adolph Kohut. II. ' £Z2£etne„ historisch-literarische" Bildung erhielt Moritz Gott- ^' lieb Saphir durch seinen Großvater, und das kam also: Dieser besaß den „Josephus Flavius" mit hebräischen und deutschen' Lettern, und der Enkel mußte ihm denselben vorlesen. An jedem Abend Nach einem „verlorenen Paradies" (der Großvater besaß bei seinem Hause einen Garten, der das Paradies des Enkels war; in diesem Paradiese stand auch ein Apfelbaum, der kostbare Aepfel trug. War nun der Großvater guter Stimmung, so durfte Moritz mit ihm ins Paradies gehen und dort auf den Baum der Erkenntnis klettern. und einen oder zwei Aepfel vom Zweige brechen. Doch war der Drang der Erkenntnis in ihm stärker als der Befehlt ,Mcht mehr als zwei oder ich ’ jage / dich mit der Stange herab", und die Szene endete gewöhnlich/ mit der Vertreibung aus dem Paradiese.) wurde: der Knabe so stockheiser, daß er den „Josephus" nicht weiter vorlesen konnte. Dann gingen die Unterhandlungen' andie gewöhnlich damit endeten, daß der Vorleser für. den kommenden Tag freie Aepfelfahrt zügesagt und ein kupfernes 1^-Kreuzerstück als Kriegsentschädigung bekam. Der Großvater hörte mit derselben Aufmerksamkeit die vielleicht zum zwanzigstenmal wiedergegebene Geschichte von der Zerstörung Jerusalems an. Jedesmal überzog tiefe Wehmut das Antlitz des Alten bei der wundersamen, von Josephus historisch beglaubigten Tatsache, daß „wegen ein Händel Jerusalem zerstört Mrde"; „wegen ein Händel" lamentierte er beständig. Wenn ich damals schon ein so witziger Gelehrter und so ein gelehrter Dichter gewesen wäre wie jetzt, schreibt Saphir im-seinen „Memoiren", so hätte ich ihm gesagt: „Lieber Großvater, kleine Ursachen, große Wirkungen; wegen eines Apfels -ist' der Tod auf die Welt gekommen, wegen ein bißchen Linsen ist ein großer Völkerstreit entstanden, „wegen ein Händel" ist Jerusalem und wegen ein „Gansel" Troja zerstört worden. Als der Bachur heranwuchs, wurde im Familienrat beschlössen, ihn auf die hohe Schule-nach Paks zu schicken. Der Abschied hatte seiner Mutter unsägliche Tränen erpreßt. Später kam Saphir auf die Jeschiwah zu Preßburg und Prag, wo er fleißig Talmud studierte. Von seinem Debüt in der böhmischen Hauptstadt und dem Prager Jeschiwahleben überhaupt in jener Zeit erzählt er in ebenso anschaulicher wie belustigender Weise in seinen „Memoiren": „Die hohe Schule des Talmuds in Prag stand unter dem Prinzipat des Oberappellanten Samuel Landau, eines der geachtetsten Gelehrten Prags. Er hielt zuweilen am. Samstag eine Disputation in seinem Hause über ein vorher kundgegebenes Thema. Ich drängte mich mit in den Disputätionssaal und disputierte mit dem alten ehrwürdigen Manne, voll Geist und Feuereifer, aus allen Kräften und ganz ungeniert. Das Auditorium sah den kecken Burschen ganz verblüfft an, der Rabbi aber sagte am Ende, ich möchte mittags bei ihm bleiben. Da nahm er mich ins Verhör, gab mir verschiedene Themata auf, die ich sofort zu seinem Erstaunen löste. Abends schrieb er mir eine Karte, ein sogenanntes Bequartierungs- und Beköstigungsbillett auf drei Monate für das reiche Haus M. Fissels. Am anderen Tage bezog ich mein Winterquartier und wurde von der Tochter des Hauses, eine wahre Rose Jeschuruns, mit Namen Blümele, in meinem Logement einstalliert. Es war eiye vortreffliche, edle, liebenswürdige Familie; ich gewann bald die Zuneigung aller und besonders des weiblichen Hauspersonals, sowie ich . auch bald im Hause des Oberappellanten und bei seiner dito wunderschönen Tochter bald heim und hause wurde. Ich habe in meiner Kind- und Jugendzeit das Glück gehabt, überall gern gesehen zu sein und besonders die Protektion des schönen Geschlechts' zu genießen. Daß es nicht meine Schönheit, weder meine römische Nase noch mein Rosenmund war, die dieses Wunder bewirkten, wird man mir glauben. Was war es denn? Es war die Lustigkeit meines Wesens, die Lustigkeit und Sorglosigkeit mit einer sich gleich zu erkennengebenden guten Gemütsart, die überhaupt nie ihre Wirkung verfehlt." Allerliebst und voll pittoresken Reizes sind, die Schilderungen von jungen Mädchen und Frauen, die Saphir aus seiner Jugendzeit entwirft. So z. B. von Blümele, wie die Tochter des Hauses hießin das ihn die absolute Gewalt der Prager Oberappellanten und Oberrabbiners auf drei Monate einquartiert, und wo er ebensoviel patriarchalische Gastfreundschaft als herzliches Wohlwollen fand. Blümele war Braut, und ihr Hochzeitstag nahte heran. Von diesem Mädchen nun sägt unser Humorist: „Sie war eine Blume Sarons. Der Sänger des Liedes der Lieder hätte nicht ver-

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