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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-30 · Heft 44 (30.10.1908) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 44 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
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^HFbet,^so7tvohnk'der.Statistik eine methodische Bedeutung be; EÜr^die Kulturgeschichte. In früher Jugend schon' erkannte Teumann 'die Bedeutung der -Statistik für sein Berufsfach; er. suchte alsbald--sie für die Med fruchtbar zu machen. .Es war im letzteren Grunde fein Sinn, sein Gewissen für ' wissenschaftliche Strenge, Genauigkeit, Klarheit, Sicherheit, das ihn zur Medizinalstat istik hinlenkte. Denn Gründlichkeit und Klarheit sind ,■ die Leitsterne seines Denkens überall; daher sind sie auch die Prüfsteine, vor denen er seinen Stil entwickelte. Da fehlt alles Blendwerkbeinahe auch alles Beiwerk. So viel er selbst in der lebendigen freien Rede Abschweifungen wagte, so mußte doch eine jede solche Digression lauf' das Ziel hinführen, das er sicher im Auge behielt. Und . in dem schriftlichen Wort bekundet sich beinahe mehr noch, als es in seiner persönlichen Erscheinung schon offenbar wurde, die höhere Anlage seines geistigen Wesens, sein Beruf für eine geistige Höhe und Bedeutsamkeit. . Mit diesem methodischen Instinkte, der ihn zur Medizinalstatistik hintrieb, verband sich aber der Grundaffekt seiner Natur: sein Mitgefühl für das Leiden, und für die soziale Quelle des Leidens, für die Armut. So war er einer der Ästen, die den sozialen Charakter der Medizin erkannten. .. ^ref und klar formulierte er 1847 die Aufgabe der Medizin, eine soziale. Wissenschaft zu werden. Und wie er in der Statistik die theoretische Methode der Wissenschaft zu handhaben erlernte, so daß er es zu anerkannter Meisterschaft darin brachte, so wandte er diese methodische Einsicht alsbald auf die soziale Praxis an. Und wie er einerseits sonach der allgemeinen strengen Wissenschaft sich befleißigte, so richtete er seine ganze jugendliche Kraft auf die allgemeinen sozialen Aufgaben des Staates und der Kommune. : Ein intimer Zug in seiner Lebensführung darf hier nicht im Dunkel bleiben. Wenn der moderne Mensch buchstäblicher und mächtiger als Aristoteles es denken konnte, ein „politisches Lebewesen" ist, so trifft dieser Ausdruck in eminenter Weise auf unfern Neumann zu. Niemals aber hat er meines Wissens danach gestrebt, oder auch nur daran gedacht, etwa Abgeordneter zu werden: Stadtverordneter ist er in jener Zeit geworden, als der Plan der sozialen Medizin in ihm mächtig würde, und Stadtverordneter ist er geblieben, und wollte er bleiben, solange seine letzten Kräfte es möglich machten. Hätte er in seiner pommerschen Vaterstadt Phritz seine Lehensarbeit ‘ vollführt, wahrlich, er hätte auch dort vor allem unter den Mitbürgern seiner Vaterstadt wirken und schaffen mögen. War das etwa Partikularismus in ihm? War es etwa ein einseitiger Trotz, der der modernen Sucht nach Einfluß und Machterweiterung und Verbreiterung des Arbeitsgebietes gegenüber die geschlossenere Enge sucht, in der sich die Ausgaben vereinfachen und vor allem präziser disponieren lassen? Es mag wohl in dieser vornehmen Natur eine solche Zuneigung auf das klar Uebersehbare, auf die unmittelbare Pflicht und die Möglichkeit ihrer redlichen Erfüllung mitgewirkt Haben; ausschlaggebend, aber war doch die ethische Grundkraft seines Wesens. Den Armen muß geholfen werden. - Auch hier ist die Meisterschaft seines Wesens unverkennbar. Der Theorie des Sozialismus gegenüber hielt er sich immer auf der Höhe der Selbstbeschränkung; und obwohl nächste Freunde ihn in dieser Frage mit ihrer Weisheit überschütteten, so blieb er unerschütterlich fest bei seiner Fassung der politischen Aufgabe, als einer sozialen, wie den sozialen, als einer politischen. Freisinn bedeutete'ihm der Stolz bürgerlicher Unabhängigkeit und Selbständigkeit, den Stolz der Bürgerpflicht, der selbstverantwortlichen Bürgertugend. Ein jeder walte an seiner Stelle im Staate seines Amtes und seiner Pflicht.. Das Amt des Bürgers im Staate ist es, für seine geistige und sittliche Unabhängigkeit, Selbständigkeit Und Vollbürtigkert unablässig Sorge zu tragen. Nicht von obenher sind die Normen zu erwarten für die politische Arbeit des Bürgers, sondern aus dem Ideal der allgemeinen Freiheit sind sie herzuleiten, der Freiheit aller, der Freiheit eines jeden Bürgers. Der Staat muß ein Staat von Individuen werden. Das ist die bürgerliche Ansicht vom Staate in der idealen Auffassung unseres Freundes. Aber in diese bürgerliche Auffassung von dem Werte des Individuums für den Begriff des Staates verflocht er unabtrennlich die soziale Einsicht von d er Bedingtheit des Jndividuums durch das geschichtliche Milieu.‘ So führte unfern Neumann sein Grundgedanke von der sozialen Medizin auf seine Weise zur sozialen Politik. Und seine Leistungen und Schöpfungen für die hiesigen sanitären Maßnahmen bilden, wie von berufenen Seiten mehrfach bezeugt würde, ein wichtiges Kapitel in den Annalen der Stadtverwaltung von Berlin. An diesem Mittelpunkt seiner allgemeinen Kulturarbeit stehen wir nun aber wieder vor dem anderen Strahle seines Wesens. Wir waren von seinem ersten Grundsätze fürZdie Lehranstalt ausgegangen, hatten diesen in dem strengen Sinn für die Freiheit der Wissenschaft erkannt, und hatten sodann diese Begeisterung für die freie Wissenschaft in seinen wissenschaftlichen Arbeiten als Statistiker betätigt gefunden; zugleich aber auch die soziale Richtung erkannt, welche er seiner theoretischen Tätigkeit aufprägte. Gewiß ist eine solche Verbindung von Theorie und Praxis nicht ungewöhnlich, und zumal der Statistik ist sie von Anfang an eingeboren. Vielleicht aber beruht diese Verbindung überhaupt auf einer religiösen Einwirkung, die sich in der Tat schon im 18. Jahrhundert bei den ersten Moralstatistikern Nachweisen läßt. Keinem Zweifel aber unterliegt es, daß bei unserm Freunde die Religiosität die Grundkraft bildete,' welche diese Verbindung theoretischer Statistik und sozialer Medizin herstellte. Und diese Religiosität war sein Judentum. Der zweite Grundsatz, von dem er bei der Verwaltung unserer Lehranstalt geleitet wurde, forderte die gründliche Pflege der gesamten Quellen des Judentums. Die hier zu lehrende Wissenschaft soll sich nicht in enzyklopädische Allgemeinheiten verflüchtigen und auch nicht in Spezialausgaben zerflattern, wie sie der Tag anbietet und aufdringen möchte. Bei allerallgemein-wissenschaftlichen Ausbildung, welche wir durch die Verbindung mit der Universität, an welcher alle unsere Hörer studieren müssen, zur unerläßlichen Bedingung erheben, darf dennoch aber das eigentliche Fachstudium nicht geschmälert und nicht verflacht werden. Hier gilt es, einer Richtung im Geiste der Zeitbildung, welche auf Popularisierung der Wissenschaft dringt, und daher auch die Gefahr mit sich bringt, daß die wissenschaftliche Vorbildung schon zum Teil auf diese Popularisierung sich vorbereitet . und einrichtet, vorsichtig entgegenzuwirken. Es gibt nur einen Weg zu jeder Wissenschaft und für jede Wissenschaft im Gebiete der Geisteswissenschaften; er besteht, in der Quellenforschung. Ohne die Kenntnis, ohne die Beherrschung, ohne die methodische Fähigkeit und Sicherheit, in der Bearbeitung des Quellenmaterials gibt es keine echte Wissenschaft. Und alle Popularität ist vom Uebel, welche der methodischen-Quellenforschung, ermangelt. Hier liegen die großen Aufgaben unserer Anstalt. : Je genauer wir uns von schlechthin theologischen Anstalten unterii.

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