Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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iK: scheiden wollen, die durch ihre dogmatische Marschroute 7 gebunden oder wenigstens gehemmt sind, desto verantwortungsvoller ist unsere wissenschaftliche Lage gegenüber dem Judentum, gegenüber dem weiten Quellenschatz des Judentums. Oder sollten wir etwa das Studium unserer Bibel der protestantischen Theologie überlassen; und sollten wir unseren Hörern nicht nur, was wir tun, den Besuch dieser Vorlesungen an der Universität empfehlen, sondern sie auch darauf anweisen und beschränken? Billiger- und verständigerweise kann es nicht bezweifelt werden, daß eine noch lebendige Religion, eine Religion, die sich noch lebendig fühlt und betätigt, das Studium ihrer eigenen Quellen nimmermehr einer Wissenschaft anvertrauen darf, welche tatsächlich und programmatisch keineswegs lediglich ' Wissenschaft sein, sondern durch diese ihre Wissenschaft ihre Religion, eine andere Religion begründen und befestigen will. Wir werden immerdar mit tiefer Dankbarkeit der Verdienste gedenken, welche die protestantische Kathedertheologie um die Bibelkritik sich erworben hat, aber wir dürfen darüber nicht der eigenen Pflicht untreu werden, welche die Hütung unseres eigensten Gutes uns auferlegt. Ist es doch schon der Zusammenhang der Quellen selbst, welcher sprachlich und sachkritisch dermalen noch uns allein offensteht. Diesen Zusammenhang der Quellen aus den verschiedenen Zeiten immer durchsichtiger zu machen, das ist ebensosehr unsere wissenschaftliche, wie unsere religiöse Aufgabe- In der .heutigen Bibelkritik wittert man ja schon in der Genesis den Anfang be§ Midrasch; wie sollte man es da bestreiten können, daß sich das nachbiblische Judentum in einem innersten Kontakt mit dem biblischen entwickelt; und daß demnach auch das biblische Judentum ohne die Projektion auf die späteren Jahrtausende des Judentums trotz aller Vergleichung mit der semitischen Zeitgeschichte im Grunde eine tote Insel bleibt. So braucht man gar nicht auf die Erfordernisse der apologetischen Polemik einzugehen, die bei der dermaligen politischen und nicht minder wissenschaftlichen Lage, .in der wir uns befinden, zu einer schier unvermeidlichen Notwehr wird; man braucht auch gar nicht die Gottesidee zu erwägen, welche dogmatisch, wie ethisch, die unüberbrückbare Scheidewand bildet; es genügt, den geschichtlichen Zusammenhang der literarischen Quellen des Judentums als das Problem zu erkennen, um die Wissenschaft des Judentums methodisch zu rechtfertigen. Diese Kontinuität darf man keineswegs schlechthin gleichsetzen mit einer Einförmigkeit und Einheitlichkeit des Geistes und der sittlich erziehlichen Richtung in dem Inhalt dieser Quellen. Diese ist nicht durchgängig vorhanden, sie braucht nicht angenommen zu werden, sie darf nicht gefordert werden. Aber eine ungebrochene Linie des geschichtlichen Laufes für die Gesamtgeschichte des Judentums ist die methodische Voraussetzung von der geschichtlichen Einheit des Judentums. . Die Kontinuität der jüdischen Quellen in diesem geschichtlichen Sinne ist der methodische Grund für die Spezialität der Wissenschaft des Judentums. Unser Neumann, war nicht mit Vorliebe Philosoph. Die Subtilitäten der Dogmatik in bezug auf die Formulierung des Gottesbegriffs lagen nicht in der Richtung seines logischen - Interesses. War er darum etwa dogmatisch befangen oder auch nur naiv gläubig? Auch die Naivetät, wie man sie hier . verstehen würde, kann nicht zugegeben werden. Der gesunde Idealismus ist frei von jeglichem Dogmatismus, sowohl von dem der Skepsis, wie von dem der anthropomorphen Mystik. Der moderne Mensch soll aber überhaupt über der Religion stehen, so sagt man allgemein. Man sagt aber nicht, was über Idem modernen Menschen stehen, worin er den Höhepunkt ^seines Wesens erkennen und bestimmen soll. Wenn der moderne ' Mensch etwa auch über Gott stehen soll,' dann allerdings rst das Judentum antiquiert. Wenn dagegen das Problem der Gottesidee noch Bestand habensollte für die moderne Kultur, dann besteht das Judentum. ' ' "' Der Gott des Judentums ist nicht der Gott des Jahvisrnus oder, des Elohismus — allen diesen Fragen der Bibelkritik stehen wir unbefangen gegenüber, und wir gewähren ihnen den breitesten Spielraum — unser Gott ist der geschichtliche Gott der Propheten; der Gott, der sich in der geschichtlichen Entwicklung des Prophetismus offenbart hat. Dieser Gottesidee geben wir allerdings den Vorzug der Lebendigkeit und der aktuellen Modernität auch vor dem Pantheismus. Wenn Spinoza das letzte Wort in der Weltgeschichte hätte, dann wäre zum mindesten Kant ein Anachronismus, und das „Reich der Schatten" hätte von unserem Schiller nicht verwandelt werden können in „das Ideal und das Leben".- Der lebendige, der methodische Zusammenhang von Idee und Wirklichkeit bildet den Urgrund Gottes. Der Zusammenhang von Idee und Wirklichkeit, das ist der Inhalt der sozialen Frage. Und um diesen Sinn und Kern der sozialen Frage erkannten wir unseren Reumann - theoretisch wie praktisch bemüht und besorgt. Sein Gott war der Gott der Armen und der Leidenden. Diese ethische Klär-, heit hatte seine naive jüdische Frömmigkeit und Gottgläubigkeit. Diese sittliche Kraft war die Wurzel seines Glaubens an das Recht und an die Wahrheit des Judentums. Darum liebte er die heilige Sprache, in der diese ewigen Quellen der Menschheit geschrieben sind. Es darf hier ein persönliches Moment nicht verschwiegen werden, weil es von lehrhafter Bedeutung ist. Er selbst führte seine Tochter in die hebräische Sprache und ihre Quellen ein. In diesem Geiste förderte er alle Stiftungen, in denen das Judentum. streng. wissenschaftlich erforscht wird. Daher begründete er die Zun z- Stiftung; wie er denn mit diesem erlauchten Begründer unserer Wissenschaft in der Souveränität des Charakters eine unverkennbare. Verwandtschaft hat. So hat er auch der Stiftung, die seinen eigenen Namen trägt, diese Bestimmung erteilt. Daher die große, man darf sagen, zärtliche Vorliebe für diese unsere Anstalt. Ich muß es aber aussprechen in dieser feierlichen Stunde: das war die geheime Sorge, die an ihm nagte, daß nur niemals die gründliche Bearbeitung der gesamten jüdischen Quellen vernachlässigt, oder auch nur zeitweise hinter andere Aufgaben zurückgestellt würde. Auch auf die Geschichtsquellen des Mittelalters und der Neuzeit war sein Interesse und seine Fürsorge gerichtet; wie er denn seit Jahrzehnten ein Archiv für die jüdischen Angelegenheiten sich privatim eingerichtet hatte. Ueber allem aber stand ihm das gründliche, quellenmäßige Studium der hebräischen Sprache und der gesamten rabbinischen Literatur. Nur in der.innigen Vereinigung der beiden Aufgaben wollte er den Segen dieser Lehranstalt erkennen, begründen, befestigen: Wissenschaft, als Wissenschaft des Judentums. Aus diesem seinem Verhältnis zur Wissenschaft des Judentums wird sein gesamtes Verhalten zu den jüdischen Dingen verständlich. Dem oberflächlichen Blick mochte es auffällig werden, daß Neumann der liberalen Reform gegenüber sich zurückhaltend und ablehnend verhielt. War er doch von dem' eigentlichen Ritualismus frei; wie konnte er mit den konservativen Tendenzen Nachsicht haben? Indessen sah er freilich in den Riten an sich ebensowenig ausschließlich, noch -ocv<£-